04.10.2002 20:55
Galerien, museal
"The Galleries
Show" in der Royal Academy: Eine modellhafte Kunstpräsentation
Stellen Sie sich vor, Sie gehen ins Museum und
sehen - Galerien. Nicht wie etwa die kunst wien im MAK als Messe,
Preisschilder inbegriffen, sondern als museumsreife Installations-Serie. So
direkt hat das noch niemand gemacht wie die Londoner Royal Academy, die derzeit
in ihren musealen, hohen Räumen nun The Galleries Show, die
"Galerienausstellung", beherbergt. Seit Sensations (1998), der
skandalträchtigen weltweiten Markteinführung der Young British Art (YBA) rund um
Damien Hirst, ist die einst gediegen vor sich hindümpelnde Academy immer für
eine Überraschung gut. Nach der nicht ganz so weitreichenden Themenausstellung
Apocalypse - immerhin mit den Chapmans und einem genialen
Eingangslabyrinth von Gregor Schneider (vor der Biennale Venedig!) - wählten die
Kuratoren, Norman Rosenthal und Max Wigram, 20 der besten Galerien der
britischen Hauptstadt für die Schau, Jay Jopling mit White Cube
ausgenommen.
Londons Galerienszene habe sich seit den vergangenen zehn
Jahren deutlich gefangen, meinen die beiden, denn die Thatcher-Ära zuvor hatte
nur ganz wenige Galerien bestehen lassen, viele auch hervorragende Künstler
hatten damals das Handtuch geworfen. Aber auch heute ist die Szene für diese
Millionenstadt verhältnismäßig klein, bestätigt das seit einem Jahr zeitweilig
in London lebende, erfolgreiche österreichische Künstlerpaar Muntean &
Rosenblum: "Man bleibt unter sich, und obwohl London sehr groß ist, trifft man
die Kunstleute an den selben Plätzen. Wie in Wien".
Die beiden werden von
Interim Art (Maureen Paley) vertreten, die auch Turner-Prize-Gewinner Wolfgang
Tilmanns und Gillian Wearing unter Vertrag hat. Ihre kleine Galerie ist in einem
der Galeriedistricts entstanden, in Hoxton im Londoner East End, auch unweit der
von Jay Jopling auf zwei Stockwerke erweiterten Galerieräume. Seit Tracey Emin
und Co sich rund um die Brick Lane angesiedelt und die indischen Bewohner
weitgehend verdrängt haben, schlägt das Londoner Kunstherz im Osten. Adrenalin
bekommt es natürlich auch durch angestammtere Galerien in Central London. Witzig
- aber alles andere als neu natürlich - ist das Konzept von "The Approach", in
einem Pub über eine Treppe zu erreichen.
Modellhaft könnte die Londoner
Show werden, stellt sie nicht nur das Galerienprogramm in höchst ansprechender
Form dar, großzügig auf Riesenflächen, mit Installationen, die sonst nicht
einmal Galerie-geschweige denn Messekojen hätten. Pro Galerie informiert ein
Saaltext über inhaltliches Programm, Gründungsjahr, Künstler und Standort. Das
handliche, hervorragend layoutierte the galleries book listet obige
Saal-Eckdaten und alle vertretenen Künstler auf, zeigt Abbildungen inklusive
Stadtplan und Verkehrsverbindungen. So werden die 20 in der Academy vertretenen
Galerien plus 13 weitere (auch White Cube), schmackhaft gemacht. Galerien
zeitgenössischer Kunst wohlgemerkt, denn zuvor war London eher mit Alten
Meistern in Verbindung gebracht worden. Große Impulse für die Etablierung der
YBA kamen vom - streitbaren - Sammler Charles Saatchi, der auch bei der
Galleries Show einkaufte. Die Karriere von YBA-Star Sarah Lucas begann
übrigens, als sie als Nobody in einem Alternative Space ausstellte. Saatchis
Limousine fuhr vor, er kaufte gleich alles.
Die Kollektion des
Werbeunternehmens, welche selbst die Tate Modern in den Schatten stellt, wird
übrigens ab kommendem Frühjahr auf 30.000 Quadratmetern öffentlich zu sehen
sein. Das ehemalige Rathaus am Südüfer der Themse, prominent platziert und in
der Nähe von Tate Modern sowie der Eurostar-Station Waterloo, soll zwölf Stunden
täglich, sieben Tage die Woche offen bleiben. Es heißt zwar, dass eine
Organisation/Firma den Zenit überschritten habe, wenn man großartige Paläste für
sie bereithält oder baut. Und die jungen revolutionären britischen Künstler sind
nun mittelalterliches Establishment. Aber die Jüngeren, Neueren, werden sicher
wieder andere(s) hereinlassen. (Doris Krumpl/DER STANDARD; Printausgabe,
05.10.2002)