Mehr als Generation X

Zum ersten Mal hat ein Fotograf den wichtigsten britischen Kunstpreis erhalten.


Wolfgang Tillmans ist kein Dokumentarist einer Jugendkultur, sondern fasziniert von dem Bild, das sich Menschen von sich selbst machen und das sie durch Mode, Körperhaltung und Pose vermitteln. Am 28. November ist er für diese Haltung mit dem Turner-Kunstpreis ausgezeichnet worden.

Shooting Star

Wolfgang Tillmans
Wolfgang Tillmans

Quasi über Nacht hat der 1968 in Remscheid geborene und heute in London lebende Fotograf Wolfgang Tillmans mit Ausstellungen, Publikationen und seiner fotojournalistischen Tätigkeit für Zeitschriften (i-D, Spex, Interview) eine enorme Medienpräsenz und einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht.

Seine Fotografien von so vielfältigen Ereignissen und Genres wie der Love Parade in Berlin und dem Evangelischen Kirchentag in München, dem Klinikum Hirslanden in Zürich, Stilleben, Landschaften usw., scheinen den Nerv der Zeit zu treffen, ohne sich auf pure Manifestationen eines Zeitgeistes reduzieren zu lassen.

Hang zur Provokation

Manche Kritiker sehen in Tillmans' Werk vor allem eine Beschäftigung mit den Themen Jugend, Generation X und Rave. Obwohl sich Tillmans offensichtlich seiner eigenen Generation verpflichtet fühlt, sind dies nicht so sehr die Themen als die Ausgangspunkte für eine tiefergehende Fragestellung nach Identität und (Re-) Präsentation.

Tillmans Hang zur Provokation - etwa mit Fotos masturbierender oder urinierender Männer - hat im Vorfeld der Preisvergabeeinen für Aufregung gesorgt.

Der "Daily Telegraph" bezeichnete ihn als "Schockkünstler mit einem Hang zu homoerotischen Motiven", der "Guardian" warnte seine Leser, seine unorthodoxen Akt-Studien und Großaufnahmen von Geschlechtsteilen seien nichts für schwache Nerven und der Independent eröffnete am Mittwoch mit der Schlagzeile: "Kein Hirst, kein Emin, aber der Turner-Preis ist noch immer ein Schock: Der Gewinner ist ein Fotograf".

Keine große Kunst

"I don't want to get over you", 2000

Bei der Ausstellung der Turner-Preiskandidaten hat er seine Fotos in sämtlichen Größen - von Postkartenformat bis wandfüllend - und ohne Rahmen gezeigt, immer nur an die Wand geheftet. Darin sieht er eine Möglichkeit, die Überhöhung seiner Fotos als große Kunst zu verhindern: "Ich habe nie das getan, was man in der Kunstwelt tut, um Dinge wichtiger erscheinen zu lassen."

Wirklichkeitssinn

"Die Leute sind besessen von der Frage, wie ein Foto entstanden ist, denn sie glauben, dass das, was vor der Kamera ist, die Realität ist. Ich gehe einen Schritt weiter und sage: Wenn sie das erlebt haben, was ich vor der Kamera gesehen habe, dann ist das Realität", sagte er einem Journalisten. "Natürlich pinkeln Leute nicht immer auf Stühle. Aber ich wollte sehen, wie das als Realität aussieht und nicht wie es als Kunstfotografie aussieht." Und er sagt: "Diese Szenarien mögen manchen Menschen seltsam erscheinen. Aber ich versuche, damit zu fragen: Was ist hier so seltsam? Die Szene des Bildes, die Welt um uns herum, die Gesellschaft, Ihre Vorstellung von Schönheit oder meine Vorstellung von Schönheit?"

Wolfgang Tillmans ist auch Gastprofessor an Hamburgs Hochschule für Bildende Künste. Besonders in den USA, auf dem europäischen Kontinent und in Japan ist er schon länger anerkannt, in seiner Wahlheimat hat es ein wenig länger gedauert.

Aufregung um Plagiatsvorwurf

Noch am Tag der Preisverleihung hat sich der Wettbewerbsbeitrag von Glen Brown als Kopie einer Science Fiction Buchillustration von Robert A. Heinlein aus dem Jahr 1974 entpuppt.

Der Vergabeausschuss des Turner-Preises beeilte sich jedoch gleich, den Vorwurf eines platten Plagiats zu zerstreuen: "Selbst Picasso hat von Rembrandt geklaut. Das ist nichts Neues", betonte der Ausschussvorsitzende Nicholas Serota gegenüber der BBC.

Die Auszeichnung ist nach dem romantischen englischen Landschaftsmaler Joseph Turner (1775-1851) benannt und hat in der Vergangenheit schon mehrfach für Aufregungen aufgrund der Preisvergaben gesorgt.

Links:

Der Turner-Preis bei FM4.
Wolfgang Tillmans

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