Wien – Mittwochnachmittag durften die Journalisten im Bassano-Saal des Kunsthistorischen Museums fast einer Hochzeit beiwohnen. Kulturministerin Claudia Schmied hatte Sabine Haag, die Direktorin der Kunstkammer, zur Chefin auserkoren und sie gefragt, ob sie das Amt übernehmen wolle. Und die bisher im Hintergrund agierende Kunsthistorikerin, die sich gar nicht beworben hatte, sagte nach reiflicher Überlegung: "Ja, ich will Verantwortung übernehmen."
So schritten die beiden gemeinsam zwar nicht zum Altar, aber zum Pult: vor Freude strahlend. Die ansonsten sehr besonnene Kulturministerin bekannte mit der Einleitung "Jetzt übertreib’ ich einmal" ein: Diese ihre Entscheidung sei "zu tausend Prozent meine Überzeugung", sie sei "von meinem Herzen und meinem Verstand getragen". Auch wenn, wie es scheint, Sabine Haag nicht ganz dem Profil der Ausschreibung (verlangt war etwa die Leitung eines Museums) entsprochen haben dürfte. Aber die attraktive Vorarlbergerin, 1962 in Bregenz geboren, sei, so Schmied, eine "seriöse, konsequente und ernsthafte Arbeiterin. Ihre wissenschaftliche Arbeit strahlt über die Grenzen unseres Landes." Und dann gaben sich die beiden Bussis; die Mitarbeiter applaudierten heftig.
Auf die Ausschreibung hin hatten sich 21 Personen beworben. Aufgrund eines juristischen Gutachtens sah sich Schmied nicht gezwungen, die neue Leitung aus diesem Pool an Kandidaten zu berufen: Sie redete zwar mit elf von ihnen, kontaktierte aber auch zwei weitere Personen, die ihr im Laufe der Gespräche empfohlen worden waren. Und eine der beiden war eben Haag. Das In-die-Ferne-Schweifen brachte sie zur Erkenntnis: Das Gute liegt so nah. "Die beste Lösung für unser KHM kommt aus dem Haus", so Schmied.
Der Ex-Banker Peter Püspök gab als Vorsitzender und im Namen des Kuratoriums, das der Designierung unmittelbar vor der Pressekonferenz einstimmig zugestimmt hatte, seinen Segen: Man habe mit Sabine Haag "einen Edelstein ans Tageslicht gefördert".
Haag erhält einen Fünfjahresvertrag (mit Option auf Verlängerung: Schmied sprach bereits jetzt von einer "langfristigen Lösung") und tritt ihr Amt 2009 an. Ihr Vorgänger Wilfried Seipel wird nicht, wie es geplant war, für ein Jahr Konsulent sein: Er versprach die Ermöglichung eines guten Überganges. Von der Entscheidung, die ihm Schmied "schon vor einiger Zeit" mitgeteilt habe, war Seipel laut APA dennoch überrascht. "Ich hatte viel gehört über internationale Bemühungen. Ich glaube aber, dass das Haus mit dieser Lösung gut fährt." Dass seine Nachfolgerin bisher die Öffentlichkeit gemieden und sich vor allem ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit gewidmet habe, sieht der scheidende Generaldirektor nicht als Hindernis.
Schmieds "mutige Vorgangsweise, einer relativ Unbekannten eine Chance zu geben" wurde unter anderem von Wolfgang Zinggl (Grüne) und Franz Morak (ÖVP) gelobt. (Thomas Trenkler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.6.2008)