„Bin zu Hause, wo die Leinwand steht“
Der 49-jährige Maler Michael Kravagna ist einer jener Menschen, die dem lebhaften Wind und Wetter in Belgien sehr viel abgewinnen können. „Der Himmel und das Licht verändern sich dadurch alle zehn Minuten“, sagt der Künstler. Doch heute gibt es Schönwetter, die Leinwand steht in der ersten Frühlingssonne.
Der dreifache Vater (Kinder sind im Alter von 17, 19 und 22 Jahren) kann allerdings auch kräftig anpacken. Sein Haus, ein altes Schulgebäude bei Lüttich, hat er selbst renoviert, ein 150 Quadratmeter großes Atelier inklusive. Kravagna: „Beim Handwerken stellen sich auch viele Fragen, aber sie sind nicht so existenziell und leichter zu beantworten als die künstlerischen.“ Aber über sich selbst spricht der Maler, der bevorzugt in Öl auf Leinwand malt, nur ungern. „Reden wir jetzt über meine Arbeit“, mahnt er mehrfach ein. Beide Großväter waren schon leidenschaftliche Musiker und Maler, „von Kind an habe ich das miterlebt und früh Zugang zur zeitgenössischen Kunst gehabt“. Aber: „Talent ist nicht das Wichtigste, sondern, dass man weiß, was man will und einen Weg findet, es umzusetzen.“
Dennoch absolviert Kravagna die HTL für Elektrotechnik in Klagenfurt, um für einen „Brotberuf“ gerüstet zu sein. Letztlich gewinnt doch die Kunst, er besucht die Akademie für Angewandte Kunst in Wien. Kravagna: „Ich wusste, es wird nicht leicht sein. Es gibt nur wenige, die Malerei studieren und davon leben können.“ Nach dem Diplom geht Kravagna für ein Auslandsstipendium nach Madrid. Dort lernt er 1980 seine Frau kennen, eine belgische Lehrerin. Seitdem lebt er in Belgien. „Es war ein leichter Entschluss. Ich bin dort zu Hause, wo meine Leinwand steht“, sagt der Künstler. Er fühle sich ohnehin „total als Europäer, das Nationalstaatengefühl widerspricht meiner Lebensweise“. Kravagna: „Aus Belgien kommt man rasch in viele Länder, ohne dass man weit fahren muss, es ist in alle Richtungen offen. Ich wurde hier auch nie wie ein Ausländer behandelt.“
Das Malen ist für den Familienvater ein „Zugang zur Welt, eine Möglichkeit, sie zu verstehen“. Seine Bilder sind farbgewaltig, Kritiker bescheinigen ihnen eine „Magie, die blanke Präsenz von Farbe, Form und Licht“ in vielen Ausprägungen. Die Ideen liefert ihm die Natur. „Himmel, Wasser, Licht, Blätter, eine Rinde – das schaue ich mir an, frage mich, warum es mich fasziniert, und versuche, diese Emotionen mit malerischen Mitteln umzusetzen.“
Seine Kinder hätten das künstlerische Talent geerbt, „das zeigt sich oft auf ganz unerwartete Weise“, erzählt der Maler. Ein Sohn möchte Musiker werden. Regelmäßig fahren sie mit nach Österreich, zum Ski fahren und Baden, „sie sollen auch etwas von unserer Kultur mitbekommen“. Und eine Kärntner Tradition hat die Familie vor mehr als 20 Jahren mit nach Belgien genommen: Wenn der Teich vor dem Haus bei Lüttich zugefroren ist, fegt man gemeinsam übers Eis.










