| |
|
Eine Ausstellung gleichen Namens
habe ich vor einigen Monaten in diesen Spalten besprochen. Seinerzeit
spulte sich der Hamburger Kunstverein per Schnellvorlauf durch die letzten
25 Jahre der Kunst, um die Wurzeln der Gegenwart vorzuführen. Nun stehen
die nach rechts gerichtete Pfeilen für das zunehmende Ineinandergreifen
von Mode und Medien in den neunziger Jahren. Schon am Eingang des Wiener
k/hauses begrüßt die BesucherInnen eine Großprojektion von MTV-Videos, die
von namhaften DesignerInnen ausgestattet wurden. Betont wird die
techno-mediale Perspektive durch die Ausstellungsarchitektur von Propeller
Z, bei der es sich gleichzeitig um das ausgreifendste Exponat handelt. Ein
gigantisch vergrößerter Computerchip dient als Sitzlandschaft für hundert
Personen im Zentrum der Ausstellung, wo Vorträge stattfinden und auf
Monitoren die hervorragend gestaltete Webpage angeguckt werden kann. Die
ausgestanzten Verbindungen bilden die Basiselemente für die Präsentation
der einzelnen Labels in den anderen Räumen. Das ganze sieht ein wenig wie
die luxuriöse Variante des Shedhallen-Chics der mittleren neunziger Jahre
aus. Überall sitzen Menschen - am Tag meines Besuches waren es
ausschließlich Frauen - und lesen, schauen Videos oder scrollen sich durch
Dateien. Die Ähnlichkeit zum linken Info-Design ist aber nicht nur formal,
hier wird Politik mit anderen Inhalten fortgesetzt: Statt Toni Negri gibt
es Renzo Rosso, den Gründer von Diesel (Jahresumsatz: 500 Milliarden
Lire), der »Haute Couture der Freizeitbekleidung«. Rosso praktiziert,
worüber Negri seit Jahren schreibt - »outgesourcte« Arbeitswelten.
Insgesamt interessiert sich die Ausstellung aber nicht sonderlich für
Produktionsbedingungen. Man erfährt gerade mal, daß Masatomo seine
Entwürfe im Flugzeug zeichnet, weshalb sein Beitrag sich auf ein Faxgerät
reduziert, das nach der nächsten Langstrecke die neuesten Kreationen
ausspucken wird. Die unterschiedlichen Selbstdarstellungen der Firmen
und die damit verbundenen Formentscheidungen sind der interessanteste
Aspekt der Ausstellung. Nur Walter van Beirendonk zeigt in roten
Plastikboxen eine Auswahl seiner aktuellen Produkte, ansonsten wird eher
auf das Konzept der Label-Präsentation abgehoben. Wenn auch nicht gerade
»kontroversiell«, wie der Katalog dichtet, aber doch schön ist die sich
aus drei Videobildern zusammensetzende Breitwandprojektion des Belgiers
Martin Margiela. Zwischen hellen Vorhängen und Interieurs tauchen
gelegentlich Models auf. Begleitet wird das verlangsamte Lichtspiel von
einem Fries aus A4-Blättern, auf denen Schriftzeichnungen eine komplexe
Welt hinter den Kleidern andeuten. Ein Beispiel für die Aufhebung der
Trennung von Produktion und immaterieller Arbeit, sprich Vermittlung -
auch innerhalb kleiner Manufakturen -, liefert der ebenfalls aus Belgien
stammende Designer Raf Simons, dessen Präsentation sich auf ein
projiziertes Video beschränkt. Eine anhaltende Drehbewegung der Kamera
transformiert eine Karten spielende Runde in eine okkulte Gesellschaft
beim Tischerücken. Mit dieser fast surrealen Bilderfindung entwickelt
Simons ein präzises Äquivalent zu seiner Minimal-Streetware von schäbiger
Eleganz. Im Gegensatz zu den meisten anderen »visuellen Ambientes« wird
dem Produkt hier aber auch etwas hinzufügt, das für sich allein bestehen
kann. Der Anspruch, ein Lebensgefühl mittels Mode in eine Bildsprache zu
übersetzen, wird in diesem Fall eingelöst. Hussein Chalayans
Bemühungen um Intellektualität können hingegen einen gewissen Hang zum
Kunstgewerblichen immer noch nicht abstreifen. Aber gut, manche(r) erkennt
darin auch »messerscharfe Analysen einer multikulturellen Befindlichkeit«.
Der Chalayan-Fan Ulf Poschardt hat einen Auszug aus seinem Buch über Mode,
»Anpassen«, als Vorwort zum Katalog beigesteuert und trug im
Rahmenprogramm auf dem Diskurs-Chip von Propeller Z vor. Poschardts
zunächst begrüßenswerte Bemühungen um einen intelligenten Modediskurs
hinterlassen jedoch gemischte Gefühle. Mögen der Ansatz und viele seiner
Überlegungen auch überzeugen, oft sogar faszinieren, so fragt man sich
doch, warum er kaum fünf Sätze aneinanderreihen kann, ohne eine
Geistesgröße zu bemühen? Welcher Instanz soll hier eigentlich mit
beflissenem Überbau etwas bewiesen werden? Mag es der Mode auch immer
öfter gelingen, einen Sog zu erzeugen und gleichzeitig Reflexionen des
Realen zu liefern - Terrains, die der Kunst momentan eher verschlossen
bleiben -, so ist es deshalb um nichts zwingender, diese etwas betulich an
die der abendländischen Geistesgeschichte anzudocken. Eher im
Gegenteil. Auch die KuratorInnen der Ausstellung, Doris Rothauer und
Christian Muhr, meinen sich irgendwie rechtfertigen zu müssen und zählen
auf, in welchen großen Museen schon Modeausstellungen stattgefunden haben,
welche Denker darüber nachgedacht haben und überhaupt, warum das alles
Bedeutung hat, wobei mehr von der Existenz der Inhalte gesprochen wird,
als daß diese benannt würden. Nun bietet eine Ausstellung mit über dreißig
repräsentativ und überlegt ausgewählten DesignerInnen, Firmen und
Zeitschriften eher einen Überblick, den sie tatsächlich auch leistet, als
genauere Einsichten. Das Freilegen von Entwicklungslinien und
Parallelitäten zu Arbeitsformen in der Kunst hätte die Möglichkeit einer
genaueren Untersuchung dargestellt, so wirkt das Gros der Präsentationen
einfach nur entlehnt und läßt wenig von einem fruchtbaren Austausch
erkennen. Das fast parasitäre Aneignen und
Durch-Ausspucken-wieder-Entwerten von allem und jedem, was verwendbar
erscheint, machen jedoch einen nicht unerheblichen Teil der Attraktivität
dieser Produktionsform aus.
| |