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13.07.2005 - Kultur&Medien / Ausstellung
Das kleine, feine Weltbild im Kunstkasten
VON ALMUTH SPIEGLER
Ausgestellt. Das Comeback der Kunstkammer - im Kunsthistorischen Museum, in der Secession und weltweit.

Das Staunen. Von der Rationalität der Aufklärung unterdrückt, scheint es wieder Oberhand zu gewinnen. Emotion, Intensität, Überwältigung heißen die Zauberwörter in Freizeitkultur (Wellness-Oasen) und Wirtschaft (Swarovski-Kristallwelten). So sorgt auch die bildende Kunst wieder vermehrt für direkte, sich ohne Beipackzettel erklärende Erlebnisse. Postmoderne Kunst ist Ereigniskunst, konstatierte Jean-François Lyotard. Vorgeführt wird sie alljährlich etwa in der "Unlimited"-Halle der Kunstmesse "Art Basel", wo man von einer monumental-eskapistischen Installation in die nächste fallen kann.

Sinnliche Sensationen sind gefragt, am besten mit ganzheitlichem Anspruch, wie ihn der heuer verstorbene Meister-Kurator Harald Szeemann in seinen Ausstellungen genial-verschroben perfektioniert hat. Für sein letztes Gesamtkunstwerk, "Visionäres Belgien" im Museum der Schönen Künste in Brüssel, verschränkte er 500 Exponate, darunter Werke belgischer Künstler wie James Ensor und René Magritte, Comics, Film- und Tanz-Szenen, Architektur-Entwürfe, Hirnschneidemaschinen, Einsteins Schreibmaschine und Orchideen.

"Es soll ein Weltbild entstehen", erklärte Szeemann - und wir staunten. Wie bei den zutiefst persönlichen, uferlos mit Kulturabfall zugemüllten Welten, an denen Künstler wie etwa Christoph Schlingensief und Jonathan Meese basteln. Oder im Marta-Museum, das sich "documenta"-Veteran Jan Hoet in Herford eingerichtet hat, mit "privaten Helden" aus Kindheitserinnerungen, Medien, Design und Kunst.

Lauter kleine "Weltbilder" gedeihen überall, unentschlossen zwischen enzyklopädisch und privatmythologisch changierend. Ein Konzept, das erinnert an die Kunst- und Wunderkammern, die Urform unserer Museen, die sich seit dem 14. Jahrhundert entwickelte und im Barock ihren Höhepunkt hatte. Ehrgeizig häufte der Adel - in reformierten Gebieten auch das reiche Bürgertum - Kuriositäten und Raritäten aus Kunst, Natur und Wissenschaft an. Mumien, Tierpräparate, Edelsteine, die aufwendigsten Goldschmiedearbeiten, die gefinkeltsten Schnitzereien, die illusionistischsten Abbilder, die ersten Automaten, Ikonen aus Religion wie Aberglauben. All das gleichberechtigt in Kabinetten oder "Kunstschränken" gestapelt. Erst im 19. Jahrhundert teilte man diese Bestände nach ihren Gattungen auf.

Die Sammlungen sollten als Mikrokosmos den Makrokosmos widerspiegeln, ein "Universum im Kleinen" sein, ein "bipolares Welterklärungsmodell", in dem neueste Erkenntnisse und alte Magie nebeneinander existieren durften, wie Helmut Trnek, Direktor der Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums, erklärt. Nachdem die vor allem auf die Sammlungen von Erzherzog Ferdinand II. (1529-1595) und Kaiser Rudolf II. (1552-1612) basierende Kunstkammer des KHM seit vier Jahren renoviert wird und erst 2007 wiedereröffnet werden soll, zeigt er jetzt 70 Kleinodien der Abteilung. Dramatische Elfenbein-Furien etwa, die geheimnisvolle Terracotta-Büste eines Mannes (Dr. Faust?) oder den prunkvollen "Michaelsbecher", der 1570 als eines von vier Geschenken des französischen Königs Karl IX. an Erzherzog Ferdinand ging. Ein Geschenk fehlt: die "Saliera", von der es, so Generaldirektor Seipel, nichts Neues zu melden gibt.

Dafür konnte einer kleinen bronzenen "Europa" der Stier zurückgeholt werden. 1923 aus der Sammlung gerissen, erwarb ihn heuer bei Sotheby's ein Brite und stellte ihn leihweise zur Wiedervereinigung zur Verfügung. Der Handel mit den Schätzen einstiger Kunstkammern floriert - und scheint eine neue Generation zu faszinieren. In München eröffnete 1997 Georg Laue eine "Kunstkammer", seit vier Jahren betreibt der junge Händler Simon Weber-Unger in Wien sein "Wissenschaftliches Kabinett" und vertritt diese Sparte im Dorotheum.

Doch die Faszination liegt nicht nur im Historischen. Der 1977 geborene "Asianpunkboy" Terence Koh zeigt zurzeit in der Secession seine Installation "Gone, yet still": In über 100 Glasvitrinen ruhen weiß überzogene Relikte - Papst-Büsten, hinduistische Götter, Spielzeugfiguren mit riesigen Phalli, Schlangen, Puppenhausmöbel, zerstörte afrikanische Masken. "Fragmente des Weltalls", wie Koh sagt? Eine verquere Wunderkammer der Globalisierung.

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