Gustav Peichl alias Ironimus über die Milde seiner Karikaturen, seine Lieblingsopfer und die Eitelkeit
"Will nicht böse sein, nur humorvoll"
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Gustav Peichl und wie er die österreichischen Bundeskanzler sah und
sieht: Erste Reihe (v. l. n. r.): Leopold Figl, Julius Raab, Alfons
Gorbach und Josef Klaus. Zweite Reihe: Bruno Kreisky und Fred Sinowatz.
Dritte Reihe: Franz Vranitzky, Viktor Klima, Wolfgang Schüssel und
Alfred Gusenbauer. Fotos: Strasser (Bild von Peichl); VBK, Wien 2008
(Karikaturen) |
Von Klaus Huhold

Karikaturist und Architekt feiert seinen 80.Geburtstag.

"Ich bin in der Architektur gegen das Modische."
"Wiener Zeitung": Sie feiern bald Ihren 80. Geburtstag. Mit dem Alter soll ja auch die Milde kommen . . .
Gustav Peichl: Ich war immer mild, nur andere
haben geglaubt, dass ich es nicht bin. Meine Karikaturen leben davon,
dass ich nicht böse sein will, sondern nur humorvoll. Ich will
niemanden verletzen, aber lustig Dinge sichtbar machen, wie das nur
Karikaturisten können. Die Journalisten können ja nichts sichtbar
machen. Eine Karikatur merkt man sich viel besser als einen
Leitartikel. Heute reden mich noch Leute auf Karikaturen an, die vor
Jahren erschienen sind.
Und von Anfang an haben Sie ja einfache Formen bevorzugt . . .
Das muss man ja. Weil das Sichtbarmachen nur funktioniert, wenn man
in der Karikatur sofort erkennt, was los ist. Es gibt natürlich viele
Stile, es gibt Karikaturisten, die machen viel mit Schattenzeichnungen
und Schraffur. Ich will gar nicht sagen, dass das eine andere Qualität
hat, es ist nur eine andere Art. Das liegt mir nicht, mir liegt das
Einfache, die Linie.
Was zeichnet generell eine gute Karikatur aus?
Karikatur setzt sich aus Form und Inhalt zusammen. Die Form ist, wie
sie ausschaut, wie sie gezeichnet ist. Und der Inhalt, welches Thema
sie hat, und welche Idee zu dem Thema aufgezeichnet ist. Und wenn dies
gefällt, dann ist es eine gute Karikatur. Ich bekomme viele Reaktionen,
nicht nur Lob natürlich.
Auch von den Betroffenen selbst?
Die Betroffenen selbst sind vorsichtig. Karikaturisten sind eitel,
und Politiker sind eitel. Wenn sie es abstreiten, lügen sie. Und die
Politiker wissen, dass Karikaturen sie populär machen. Aber ich wurde
auch öfters geklagt – einmal bin ich gar verurteilt worden, das war so
ein komischer Richter, der hat sich nicht ausgekannt.
Welche Eigenschaften muss eine Persönlichkeit haben, damit sie sich für eine Karikatur eignet?
Sie muss ein Gesicht haben. Ein Politiker, der kein Gesicht hat, ist
ein schlechter Politiker. Und seine Tätigkeiten sind entscheidend. Die
Taten und die Untaten müssen vom Karikaturisten aufgedeckt werden.
Und hatten und haben Sie selbst ein paar Lieblinge?
Begonnen bei Figl, über Raab, dann Kreisky, Sinowatz . . . das waren
alles wunderbare Opfer für mich. Heute ist es zum Beispiel Gusenbauer.
Sie beobachten schon lange die politische Szenerie. Welche markanten Veränderungen fallen Ihnen auf?
Das Marketing überwiegt immer mehr. Jeder hat drei Pressechefs und
Spindoktoren. Und die Persönlichkeit wird immer weniger. Was war Bruno
Kreisky noch für eine Persönlichkeit – vom Wissen und von der
Intelligenz her, mit ihm habe ich über alles reden können. Mit
Gusenbauer kann ich mich wunderbar über Essen, über Wein oder Vergnügen
unterhalten, aber politisch macht er halt sehr viel falsch. Leider. Zum Beispiel?
Die Auseinandersetzungen, die er mit der eigenen Partei hat. Und wie
er Niederösterreich hat schleifen lassen, weil er gewusst hat, dass er
verliert – das darf er nicht machen.
Nicht nur als Karikaturist, auch als Architekt sind Sie tätig.
Inwiefern hat sich das Umfeld für Architekten geändert – verglichen mit
Ihren Anfangsjahren?
Es ist ein Riesenunterschied, in Wien gibt es heute eine neue
Gründerzeit. Dieser agile, tüchtige Planungsstadtrat Rudolf Schicker
macht ja wahnsinnig viel. Ob er alles richtig macht, weiß ich nicht. Da
gibt es schon sehr viele Probleme. Zum Beispiel bei
Architekturwettbewerben. Ich will nicht nur die Stadt Wien kritisieren,
aber die sitzt halt an der Front. Die bestimmen drei, vier, fünf
Architekten, lassen die gegeneinander antreten und nennen das
Wettbewerb. Es gibt hunderte gute, junge Architekten in Wien. Das ist
kein Wettbewerb, das ist ein Dirigismus.
Ein zweiter Punkt: In den 50er und 60er Jahren wurde viel weniger
gebaut, aber die Qualität mehr geschätzt. Dadurch war es besser. Heute
wird die Wirtschaftlichkeit in den Vordergrund gestellt und die
Quadratmeter müssen stimmen. Etwa Wien-Mitte wird ein Riesending. Den
Investoren, die das dort machen, den Quadratmeterhaien ist es egal, wie
es ausschaut, wie es funktioniert. Es muss nur viel sein, weil sie
Profit machen wollen.
Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Architektur?
Qualitätsarchitektur zu machen. Ich bin gegen das Modische. Ich
möchte zeitlos modern sein, aber mich mit neuen Materialen oder neuen
Aufgaben intensiv befassen.
Gibt es irgendein Projekt, das Sie noch besonders reizen würde?
Ein Karikatur- und Architekturmuseum am Roten Platz in Moskau.
Zur Person
"Die Freude an der Arbeit" würde ihn antreiben, sagt Gustav Peichl.
Am 18. März feiert er seinen 80. Geburtstag, und er ist nach wie vor
als Karikaturist unter dem Pseudonym "Ironimus" für "Die Presse" und
die "Süddeutsche Zeitung" tätig. Zudem arbeitet Peichl weiterhin als
Architekt. Er studierte bis 1953 an der Akademie der bildenden Künste
und erhielt in der Folge zahlreiche internationale Auszeichnungen. Zu
seinen Werken zählen die "Messe Wien Neu" oder das "Karikaturmuseum
Krems".
Dieses widmet Peichl vom 16. März bis 24. September unter
dem Titel "Ironimus. Ohne Leichtsinn geht es nicht" eine Ausstellung
und zeigt Zeichnungen aus mehr als 50 Jahren.
Freitag, 14. März 2008
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