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Gerald Matt wehrt sich gegen Vorwürfe

Kunsthalle. Die Grünen werfen dem Direktor der Kunsthalle Wien vor, Museumsmitarbeiter für ein privates Projekt eingesetzt zu haben.

Hedwig Kainberger Wien (SN). Der Direktor der Kunsthalle Wien, Gerald Matt, ist Mittelpunkt einer parlamentarischen Anfrage, die der Kultursprecher der Grünen, Wolfgang Zinggl, Ende der Vorwoche eingebracht hat. Darin geht es um das Buch „Österreichs Kunst der 60er Jahre“, das Gerald Matt und das Österreichische Parlament herausgebracht haben. Die „Abgeordneten Zinggl, Freundinnen und Freunde“ stellen unter anderem die Frage, „inwieweit MitarbeiterInnen der ,Kunsthalle Wien‘ bei der Erstellung der Publikation mitgearbeitet“ hätten.

Träfe dies zu, könnte es für Gerald Matt peinlich werden. Dann hätte er für ein privates, vom Parlament an ihn honoriertes Projekt, das Personal der von der Stadt Wien mit 4,3 Mill. Euro pro Jahr (laut Wiener Kulturbericht 2009) subventionierten Kunsthalle monatelang arbeiten lassen.

Warum stellt sich diese Frage? „Mir fällt schon seit Längerem auf, dass Gerald Matt hyperumtriebig ist“, erläutert Wolfgang Zinggl. „Was der alles gleichzeitig kuratieren, schreiben und herausbringen kann!“

Das Buch „Österreichs Kunst der 60er Jahre“ umfasst 635 Seiten und ist an die fünf Zentimeter dick, es enthält fünfzig Interviews mit Künstlern, die in den 1960er-Jahren aktiv waren, wie Friedrich Achleitner, Arik Brauer, Günter Brus, Valie Export, Hans Hollein, Maria Lassnig, Hermann Nitsch, Oswald Oberhuber, Walter Pichler, Markus Prachensky, Ferry Radax, Arnulf Rainer, Gerhard Rühm, Elfi Semotan, Peter Weibel und Oswald Wiener.Projekt um 32.500 Euro „So ein Buch erfordert einen enormen Aufwand“, sagt Wolfgang Zinggl. Er könne sich kaum vorstellen, dass ein Museumsdirektor in seiner Freizeit die Herausgeberschaft bewältigen und zudem etwa ein Drittel der fünfzig Interviews selbst führen und schreiben könne. Daher sei anzunehmen, dass einige Mitarbeiter der Kunsthalle „dies an seiner statt getan haben“, sagt Zinggl. Vielleicht wäre es aufschlussreich, wenn das Kontrollamt prüfte, „ob Gerald Matt gelegentlich die Ressourcen der Kunsthalle für private Interessen heranzieht“.

Tatsächlich sind im Buch unter „Danksagungen“ drei Angestellte der Kunsthalle genannt: Lucas Gehrmann (für Redaktion und Lektorat), Katharina Götschl und Martin Walkner (für Redaktion).

Gerald Matt weist die Vorwürfe der Grünen von sich. Wer an diesem Buch mitgearbeitet habe, erhalte gesondertes Honorar, versicherte er den SN. Die Mitarbeiter der Kunsthalle Wien hätten wenn, dann „neben ihrer Tätigkeit“ für das Buch gearbeitet. Und: „Wir haben einen eigenen Verrechnungskreis, das läuft nicht über Kunsthalle-Konten“.

Die Arbeit an diesem Buch habe sich über „fast zwei Jahre“ erstreckt. Wie richtig und dringend dies gewesen sei, zeige sich daran, dass einige der Künstler noch vor Erscheinen des Buchs gestorben seien, wie Raimund Abraham, Bruno Gironcoli, Karl Prantl oder Alfred Hrdlicka. Er habe von den fünfzig Interviews achtzehn selbst geführt, davon fünf gemeinsam mit Koautoren.

Das Parlament habe für dieses Projekt 32.500 Euro an Budget gewährt, erläutert Gerald Matt. Ist er damit ausgekommen? „Das kann ich noch nicht sagen, weil wir noch in der Endabrechnung sind.“ Er denke, dass „mit geringen Mehrkosten“ zu rechnen sei. Diese Mehrkosten werde keinesfalls das Parlament tragen, „den Rest muss ich auftreiben“.

Vor einigen Wochen hat Gerald Matt Lucas Gehrmann in der Kunsthalle halbtags angestellt. Gerüchten zufolge soll Gehrmann in dieser Funktion fast nur für das 60er-Jahre-Projekt gearbeitet haben. Zudem hat Matt angeblich Ende der Vorwoche jenen Mitarbeitern der Kunsthalle, die am Parlament-Buch mitgearbeitet haben, rückdatierte Werkverträge zur Unterschrift vorlegen lassen. Beide bestreiten dies. Lucas Gehrmann versichert im SN-Gespräch am Freitagabend, er habe schon lang über Werkverträge an Gerald Matts Buchprojekt mitgearbeitet. In seinem Halbtagsjob in der Kunsthalle erfülle er „ganz andere Aufgaben“. Auch Gerald Matt beteuert: Lucas Gehrmann sei für die Redaktion des Buches „extra bezahlt worden“. Da er gesehen habe, wie gut Lucas Gehrmann arbeite, habe er ihn für die Kunsthalle engagiert.

Wer allerdings nach eigenen Angaben kein Honorar für seine freie Mitarbeit am Buchprojekt bekommen hat, ist Bernhard Böhler, Direktor des Diözesanmuseums Wien. Dieser hat im Jahr 2008 mit der Ausstellung „Das Religiöse im Werk von Alfred Hrdlicka“ bei Besuchern und in Medien Aufsehen und Interesse geweckt. Danach sei er eingeladen worden, für das Buch „Österreichs Kunst der 60er Jahre“ einen Beitrag über Alfred Hrdlicka zu verfassen, erzählt Bernhard Böhler den SN.

Dies sei wegen der schweren Krankheit des Künstlers äußerst schwierig gewesen. „Ich habe es trotzdem geschafft.“

Bei der Buchpräsentation am vorigen Dienstag habe ihn gewundert, dass im Inhaltsverzeichnis kein Autor genannt sei. Noch mehr habe ihn gewundert, sogar empört, als er entdeckt habe, dass beim Interview mit Alfred Hrdlicka nicht er, sondern Gerald Matt als Autor angeführt sei. Er selbst sei erst „im Kleingedruckten auf Seite 635“ erwähnt, mit „allen möglichen Personen, auch Mitarbeitern der Kunsthalle“. Als Autor könne er das „in keiner Weise“ akzeptieren, „das ist, gelinde gesagt, ein arges Missgeschick“.

Ebenso irritiere ihn, dass vor seinem Interview mit Hrdlicka vier nicht von ihm gestellte Fragen samt Antworten hinzugefügt seien. „Auch das ist ein arger Verstoß.“ Der Inhalt dieser fremden Ergänzungen habe „wenig mit den 60er-Jahren zu tun und hebt sich auch stilistisch krass von meinem Text ab“, sagt Bernhard Böhler.

Während der Buchpräsentation im „project space“ der Kunsthalle am Karlsplatz habe er versucht, einen Skandal zu vermeiden, „da habe ich Ruhe bewahrt“ und Gerald Matt auf dem Podium seine Bedenken zuflüstern lassen. Matt sei zu ihm gekommen, habe ihn beschwichtigt und ihm gestanden, dies sei ein Fehler. Dass Matt ihm da gesagt habe, „ich mach das über die Kunsthalle gut“, wolle er nicht zu wichtig nehmen.

Als Gerald Matt ihn am nächsten Tag angerufen habe und ihm als Wiedergutmachung „dasselbe Honorar wie den anderen Autoren“ von 200 bis 300 Euro angeboten habe, „war das die Spitze des Hohns“, sagt Böhler. „Ich habe bis dahin nie ein Honorar gestellt oder angeboten bekommen.“ Dass ihm erst, als seine Autorenschaft angeblich vergessen worden sei, das übliche Honorar geboten werde, „das ist eine Frotzelei“.Der Fehler tut Matt „leid“ Er habe immer versucht, fair zu sein. Doch so wie Matt sich nun verhalte, lasse er sich „nicht abwimmeln“, versichert Bernhard Böhler. „Ich halte hier nicht die Wange ein zweites Mal hin.“ Er werde sich auch nicht einfach mit der Beilage eines Erratum-Zettels zufriedengeben. „Ich wünsche eine saubere, transparente Lösung.“

Gerald Matt gesteht im SN-Gespräch: Das sei ein Fehler. „Mir tut das leid.“ Aber es könne doch passieren, dass man bei 600 Seiten übersehe, „ob einer dabei steht oder nicht“. Und der Fehler werde korrigiert, „indem ein Erratum hineinkommt“ und der falsche Autorenname überklebt werde.

Die Grünen richten ihre parlamentarische Anfrage wegen „Österreichs Kunst der 60er Jahre“ an Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (SPÖ). Diese hat zwar – außer als Auftraggeberin Matts – nichts mit der Kunsthalle Wien zu tun, doch ist es den Grünen so möglich, Fragen und Antworten publik zu machen und weitere Klärungen anzustoßen.

So ergeben sich Parallelen zum Fall Peter Noever: Auch da brachten die Grünen über eine parlamentarische Anfrage – damals an Kunstministerin Claudia Schmied (SPÖ) – einen Stein ins Rollen.

Kultur / 11.04.2011 11.04.2011 / Print

 
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