Gewohnt unachtsam hetzen die Menschen über die schäbigen
gelben Pfeile am Boden - "Neue Galerie Linz, 1. Stock" wollen sie
zaghaft mitteilen. Doch zwischen Schleuderangeboten und Pizzadampf im
Hochhaus und Einkaufszentrum "Lentia 2000" ist schwer Kunst zu verkaufen.
Als hier die Neue Galerie 1979 einzog, dachte man da noch anders - Kunst
mitten im Leben, das wäre doch eine Chance. Aber, "zufällig kommt hier
niemand herein", seufzt Direktor Peter Baum.
Doch seine und der Sammlung Durststrecke erreicht jetzt
bald ihr Ende. Am Donauufer wächst seit zwei Jahren ein neues,
prestigeträchtigeres Heim, fast müßte man sagen: ein Kunstpalast, heran.
Wie ein glänzender Riegel schiebt sich das Lentos Kunstmuseum Linz 130
Meter lang zwischen Stadt und Fluß, schließt im Donaupark eine Lücke
zwischen Nibelungenbrücke und Brucknerhaus.
Lentos, wie biegsam
Lentos, aus dem Keltischen abgeleitet, bedeutet soviel
wie "biegsam" oder "gekrümmt". Hier werden statt der bisherigen 3000
Quadratmeter Ausstellungsfläche mehr als doppelt soviel, 7500
Quadratmeter, für die 1350 Gemälde, Skulpturen, Objekte und die 10.000
Werke auf Papier der Neuen Galerie zur Verfügung stehen. 8000 Quadratmeter
umfaßt die gesamte Fläche des neuen Museums.
Vorsichtig fährt das Auto in die neue Tiefgarage neben
der Baustelle ein - für genügend Parkplätze muß ja gesorgt sein -, und
Peter Baum beginnt stolz die Führung durch und um "sein" Haus. Am 18. Mai
des neuen Jahres soll die Eröffnung gefeiert werden. Doch lange wird es
Baum - als Leiter jedenfalls - nicht mehr genießen können, seinen
Ruhestand will der Langgediente - seit 28 Jahren leitet er bereits die
städtische Galerie für moderne Kunst - im Frühling 2004 antreten.
Die gläserne, vorgehängte Hülle des Betonbaus hat sich
schon fast geschlossen. Bei Tag ein Schuppenkleid, das seine Umwelt
spiegelt, dient sie in der Nacht als Folie für blau-rote Farbspiele.
Bilderrahmen für die Stadt
Der klare Baukörper ähnelt einem flachen, auf den Kopf
gestellten "U": Blickt man durch über die Donau, sieht man Urfahr drüben
wie in einem 60 mal 6,5 Meter großen Bilderrahmen - und auch eine
verwandte Kunstadresse, das Ars-Electronica-Center.
1700 Tonnen Beton, 1,7 Tonnen Stahl wurden von den
Züricher Architekten Jürg Weber und Hofer AG seit dem Spatenstich vor zwei
Jahren verbaut. Aus über 200 Wettbewerbsbeiträgen wurden sie ausgesucht,
es ist ihr erster Museumsbau. In Österreich wurden sie 1997 bekannt, als
sie den ersten Wettbewerb für das Grazer Kunsthaus gewannen, das sie fast
zur Gänze in den Schloßberg einbauen wollten. Die Pläne wurden jedoch bei
einer Befragung von der Bevölkerung abgelehnt.
Auch in Linz bauen die Architekten jetzt im Hinblick auf
den Titel einer Europäischen Kulturhauptstadt. Linz will sich in Brüssel
für das Jahr 2009 bewerben.
Repräsentativ ist das Lentos jedenfalls. "Wir wollten
keinen Schnickschnack. Es ist streng und präzise, ohne übertriebenen
Zeitgeist", schwärmt Peter Baum. Von der fast acht Meter hohen
Eingangshalle erschließen sich die zwei Geschoße. Doch zuvor bleibt einem
nicht, den idyllischen Panoramablick auf die Donau zu genießen, den hier
eine sich über 35 Meter hin ziehende Fensterleiste bietet.
Unter der Erde sind großzügig Bibliothek, Lager,
graphische Sammlung, Werkstätten und Sanitäranlagen untergebracht - alles
hochwassergeschützt, seit dem letzten Sommer weiß jedermann, warum.
Elf Kammern für Sammlung
Über einen angenehm unpompösen Stiegenaufgang gelangt man
dann in das Ausstellungsgeschoß. Die Zwischenwände sind schon aufgezogen.
In elf offenen Kammern wird die ständige Sammlung präsentiert werden.
Beeindruckend dann das Herzstück des Hauses: 40 Meter lang, 26 Meter breit
öffnet sich überraschend weit die große Halle. Durchflutet vom sanften
Schein der Oberlichten, versteckt von einer blaßgrünen, durchgehenden
transparenten Zwischendecke. Eine einzige der fast 300 Glasplatten wiegt
250 Kilo, gehalten werden sie von sieben, fast beängstigend fragilen
Stahlträgern.
Hier werden die Wechselausstellungen stattfinden. Die
erste wird die Höhepunkte der Sammlung zeigen, von Schiele, Kokoschka,
Kubin bis Lassnig, Lüpertz und Warhol. Ab Dezember 2003 plant Peter Baum
eine Schau über die "École de Paris": 120 Gemälden sollen die Klassische
Moderne und die Avantgarde der 20er bis 60er Jahre wiederauferstehen
lassen.
Ein programmierter Publikumserfolg. Doch den wird das
Lentos auch brauchen: 100.000 Besucher will Baum pro Jahr nach Linz holen.
"Konkreter Hoffnungsträger ist für uns der Schiffstourismus". Die
DDSG-Anlegestelle befindet sich direkt vor dem Haus - und "pro Jahr fahren
hier ja 100.000 Passagiere durch". Auch das schicke Restaurant im
Erdgeschoß wird den Zustrom unterstützen. Die Lage wurde jedenfalls ideal
ausgenutzt: Die Aus-, Durchblicke auf Fluß und Stadt, die im ganzen Haus -
aber nicht inflationär - verteilt wurden, sind attraktive atmosphärische
Zuckerln.
Stadt und Land finanzieren
Und die Kosten? 33 Millionen Euro wiegt das Lentos, das
Land gibt sieben Millionen Euro, die Stadt den Rest - davon konnten
immerhin drei Millionen Euro durch Sponsoring aufgetrieben werden. Der
Bund habe sich bei der Finanzierung bisher gedrückt, klagt Baum. "Das ist
nicht vertretbar bei einem solchen Projekt mit weit überregionaler
Bedeutung". Sein erstes Gesamtbudget wird um die 2,4 Millionen Euro
betragen, das schließt das operative Geld, die Betriebskosten und das
Personal mit ein - "das ist schon sehr wenig".
Ein weiteres Problem sieht der Direktor beim Personal:
Das mehr als doppelt so große Haus soll mit den 16 Angestellten der Neuen
Galerie - inklusive Tischler, Aufseher, Kassiere - auskommen. Eine
Aufstockung ist nicht geplant. Doch vorerst überwiegt bei Peter Baum die
pure Freude: "So schön hat man Linz noch nie gesehen".
www.lentos.at
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