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Kunstberichte

Erichs Lampen verglühen bald

Der "Palast der Republik" wird seinen 30. Geburtstag nicht mehr erleben. Warum? Lesen Sie hier die Antwort.

(© dpa/Kumm)

"Ballast der Republik", "Erichs Lampenladen" oder "Palazzo Prozzo", mit derlei Schimpfnamen benannten die Berliner den "Palast der Republik". (© dpa/Kumm)

Eine Innenaufnahme aus dem Jahr 2003, als das Gebäude kurzzeitig offen hatte.

Eine Innenaufnahme aus dem Jahr 2003, als das Gebäude kurzzeitig offen hatte. (© dpa/Kumm)

Von WZ-Korrespondent Markus Kauffmann

Aufzählung Die Geschichte des DDR-Palastes.
Aufzählung Hintergrund zum Abriss des umstrittenen Symbolbaus.

Berlin. "Ich bin da nur reingegangen, wenn ich mal für kleine Mädchen musste", erzählt meine aus Ost-Berlin stammende Kollegin. Die Rede ist von der heißest umstrittenen Bauruine Berlins, dem 'Palast der Republik', dessen Tage gezählt sind. Ein paar Tage steht er noch da, dieser Quader mit seiner protzigen, fast 200 Meter breiten spiegelnden Kupferglasfassade. Doch ab Januar soll der einstige Prestigebau der DDR geschleift werden.

Loch im Herzen Berlins

Rückblende: Der Zufall hatte mich Mitte der Siebzigerjahre zur Baustelle des "Palastes" geführt. "Uff so'n Klopper hamwa jrade jewartet", raunte mir eine Passantin verärgert zu, "da bauen sich die Bonzen een Denkmal, uff unsere Kosten". "Ballast der Republik", "Erichs Lampenladen", 'Palazzo Prozzo', wenn es um Sottisen geht, war der Berliner Volksmund noch nie maulfaul. Richtig sauer war man auf dem Land draußen: Aus allen Bezirken und Landkreisen waren Baubrigaden in die Hauptstadt abkommandiert worden, jedes verfügbare Baumaterial wurde für den Palast abgezogen.

Das barocke Stadtschloss der Hohenzollern hatte "Spitzbart" und Mauerbauer Walter Ulbricht schon 1950 sprengen lassen. Triumph des Sozialismus über den Feudalismus. Das so entstandene "Loch im Herzen Berlins" sollte nun der neue, der sozialistische Palast füllen – in der Tradition der "Volks- und Kulturhäuser" à la Warschau oder Moskau.

Staatsarchitekt Heinz Graffunder und ein halbes Dutzend weiterer Planer hatten ihn in nur drei Jahren hochgezogen. 1976, im April, wurde der "Klopper" von Honecker eröffnet.

Die DDR-Volkskammer und die SED-Parteitage versammelten sich hier. Doch was die Berliner viel mehr anzog, waren die Gastronomiebetriebe "mit bevorzugter Belieferung", das Theater im Palast und eine Bowlingbahn sowie ein Postamt und ein Informationszentrum. "Und die einzigen benutzbaren Toiletten weit und breit", fügt meine Kollegin hinzu. Im Großen Saal mit 4850 Plätzen durften DDR-Bürger mitunter westlichen Showgrößen wie Harry Belafonte oder Udo Lindenberg zujubeln.

War die Innengestaltung für DDR-Verhältnisse von ungewohnter Eleganz, so blieb der Bau von außen eine einzige architektonische Peinlichkeit, in Stil- und Formempfinden, Proportion und Material den Sechziger-Jahren verhaftet: Unverbindliche Kaufhaus-Architektur ohne Bezug zur historischen Stadtstruktur.

Symbol der DDR

Kein Wunder, dass sofort nach dem Mauerfall die Diskussion um den Abriss entflammte. Als erstes entfernte man das überdimensionale Staatsemblem, Hammer und Zirkel im Ährenkranz.

Doch, welch absurdes Wunder, dieses ungeliebte Stück DDR-Hinterlassenschaft wurde nach der Wende plötzlich zu einem Identifikationssymbol vieler Ossis hochstilisiert. Nachdem die Semiotik einer ganzen Generation bereits abgewickelt worden war - vom Broiler (Grill-Hähnchen) bis zur LZA (Lichtzeichenanlage = Ampel) – sollte wenigstens der Palast erhalten bleiben, in dem Tausende ihre Jugendweihe gefeiert, beim Schwoofen ihre erste Liebe kennen gelernt und später vielleicht sogar geheiratet hatten. Was immer DDR-Identität heißen mag –an diesem Gebäude wurde sie plötzlich festgemacht.

Später Sieg der DDR?

Erst nach der Wende wurde der "Klopper" zum Symbol – und für die Gegner des Palastes Stein des Anstoßes. Hier brach ein West-Ost-Konflikt auf. Stand der Kasten nicht für das Unterdrückungsregime der SED, wurde hier nicht die Farce 'Demokratie' aufgeführt? Nuschelte hier nicht vier Tage nach dem Mauerfall ausgerechnet der Chef des Geheimdienstapparates Staatssicherheit, der greise Erich Mielke, die unfreiwillig komischen Worte: "Aber ich liebe euch doch alle."

Für die Kritiker des Palastes stand fest: Das Machwerk städtebaulicher Mittelmäßigkeit und Symbol des autoritären SED-Regimes musste so schnell wie möglich aus dem Stadtbild verschwinden. Anfangs war man sich noch unsicher, ob an seine Stelle ein moderner Neubau treten oder das alte Preussenschloss wiedererstehen sollte.

Diese Frage entschied sich 1993/94, als plötzlich der Hamburger Kaufmann Wilhelm von Boddien auftauchte und auf privater Basis in einer riesigen 1:1-Attrappe mit bemalten Planen die Fassaden und Sichtachsen des alten Schlosses auferstehen ließ. Anderthalb Jahre lang konnten sich die Berliner davon überzeugen, welch unvergleichlich größeren Charme die Rekonstruktion des alten Schlosskomplexes von Andreas Schlüter und Joh. Eosander von Göthe hätte: Berlin hätte endlich wieder so etwas wie eine Mitte, ein Herz ohne Loch.

Das Schloss kommt

Nach langem, erbittertem Streit beschloss der Bundestag 2002, den Palast abzureißen und auf dem inzwischen wieder Schlossplatz genannten Areal ein Gebäude in der Kubatur des alten Stadtschlosses mit mindestens drei seiner historischen Fassaden zu errichten. Man folgte damit den Empfehlungen einer Expertenkommission unter der Leitung des ehemaligen Wiener Planungsstadtrats Hannes Swoboda. Doch vor den Abriss hatten die Götter die Asbest-Sanierung gesetzt und das bedeutete: Rückbau bis aufs Skelett. Was vom einstigen "Palazzo Prozzo" übrig blieb, dient heute interimistisch als Schauplatz für Ausstellungen und wurde zum Nostalgiker-Magneten mit hundert Meter langen Warteschlangen.

Um den teuren Abrissauftrag haben sich bei einer europaweiten Ausschreibung gut ein Dutzend Firmen beworben. Allein 22.000 Tonnen Stahl müssen aus dem riesigen Gebäude abtransportiert werden. Wenn die Vergabekammer keinen Einspruch erhebt, kann der Rückbau in drei Wochen beginnen.

Letzte Schlacht

Auf beiden Seiten des Meinungsspektrums haben sich Kampfgemeinschaften organisiert: Über 10.000 Unterschriften zur Rettung des Palastes in letzter Minute wurden in diesen Tagen von einem "Bündnis für den Palast" übergeben.

Indessen sammeln die Schlossbefürworter bereits Spendengelder für den Wiederaufbau. Man hofft auf ein ähnliches Wunder wie bei der Dresdner Frauenkirche und peilt eine Summe von 80 Millionen Euro an.

Die Argumente der Palast-Getreuen, meist rekrutieren sie sich aus Kreisen der PDS und anderer DDR-Nostalgiker, sind zweifellos beeindruckend: Ein Kaiserschloss wieder zu errichten, sei nicht nur eine Absage an moderne Architektur, sondern auch ein undemokratisches, antimodernens Signal, das gerade dem neuen Berlin schlecht anstehe.

Zudem könne man die DDR-Geschichte nicht einfach entsorgen und dürfe nicht vergessen, dass auch der Beitritt zur Bundesrepublik, also die Vereinigung der beiden deutschen Staaten von einem frei gewählten, legitimen Parlament hier beschlossen wurde. Und schließlich gebe es noch immer kein plausibles Nutzungs-, geschweige denn Finanzierungskonzept. In der gegenwärtigen Finanzlage könne man sich so etwas nicht leisten.

Doch die "Schlossianer" haben sich mit ihren Argumenten bei der Politik durchgesetzt: Ein Gebäude mit dem Aussehen des Stadtschlosses würde die peinliche Lücke im historischen Stadtbild schließen.

Ein europäisches Baukunstwerk, dessen Qualität nicht einmal von Schlossgegnern debattiert wird, könnte wieder hergestellt werden. Vor allem aber: Das kostbare Architekturensemble, bei dem alle umliegenden Gebäude mit dem Schloss in Beziehung stehen, würde Berlin wieder eine lebendige Mitte geben, mit der sich die ganze wiedervereinigte Stadt identifizieren könne.

Ein Humboldt-Forum

Das 720 Millionen teure Nutzungskonzept sieht im rekonstruierten Stadtschloss die Schaffung eines sogenannten "Humboldt-Forums" vor und greift damit die alte Idee der Aufklärung auf, im Zentrum Berlins eine "Freistätte von Kunst, Wissenschaft und Kommunikation" zu schaffen.

Die Spreeinsel soll sich "in einen Weltort der europäischen und außereuropäischen Künste und Kulturen sowie der Wissenschaften" verwandeln. Die Sammlungen des Ethnologischen Museums , der Museen für Ostasiatische und Indische Kunst sollen zusammengeführt und mit den wissenschaftlichen Sammlungen der Humboldt-Universität sowie den Beständen der Zentral- und Landesbibliothek zu einem universalen Forum der Weltneugier und des Weltwissens ausgestaltet werden.

Donnerstag, 22. Dezember 2005


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