Loch im Herzen Berlins
Rückblende: Der Zufall hatte mich Mitte der Siebzigerjahre zur
Baustelle des "Palastes" geführt. "Uff so'n Klopper hamwa jrade jewartet",
raunte mir eine Passantin verärgert zu, "da bauen sich die Bonzen een
Denkmal, uff unsere Kosten". "Ballast der Republik", "Erichs Lampenladen",
'Palazzo Prozzo', wenn es um Sottisen geht, war der Berliner Volksmund
noch nie maulfaul. Richtig sauer war man auf dem Land draußen: Aus allen
Bezirken und Landkreisen waren Baubrigaden in die Hauptstadt abkommandiert
worden, jedes verfügbare Baumaterial wurde für den Palast abgezogen.
Das barocke Stadtschloss der Hohenzollern hatte "Spitzbart" und
Mauerbauer Walter Ulbricht schon 1950 sprengen lassen. Triumph des
Sozialismus über den Feudalismus. Das so entstandene "Loch im Herzen
Berlins" sollte nun der neue, der sozialistische Palast füllen – in der
Tradition der "Volks- und Kulturhäuser" à la Warschau oder Moskau.
Staatsarchitekt Heinz Graffunder und ein halbes Dutzend weiterer Planer
hatten ihn in nur drei Jahren hochgezogen. 1976, im April, wurde der
"Klopper" von Honecker eröffnet.
Die DDR-Volkskammer und die SED-Parteitage versammelten sich hier. Doch
was die Berliner viel mehr anzog, waren die Gastronomiebetriebe "mit
bevorzugter Belieferung", das Theater im Palast und eine Bowlingbahn sowie
ein Postamt und ein Informationszentrum. "Und die einzigen benutzbaren
Toiletten weit und breit", fügt meine Kollegin hinzu. Im Großen Saal mit
4850 Plätzen durften DDR-Bürger mitunter westlichen Showgrößen wie Harry
Belafonte oder Udo Lindenberg zujubeln.
War die Innengestaltung für DDR-Verhältnisse von ungewohnter Eleganz,
so blieb der Bau von außen eine einzige architektonische Peinlichkeit, in
Stil- und Formempfinden, Proportion und Material den Sechziger-Jahren
verhaftet: Unverbindliche Kaufhaus-Architektur ohne Bezug zur historischen
Stadtstruktur.
Symbol der DDR
Kein Wunder, dass sofort nach dem Mauerfall die Diskussion um den
Abriss entflammte. Als erstes entfernte man das überdimensionale
Staatsemblem, Hammer und Zirkel im Ährenkranz.
Doch, welch absurdes Wunder, dieses ungeliebte Stück
DDR-Hinterlassenschaft wurde nach der Wende plötzlich zu einem
Identifikationssymbol vieler Ossis hochstilisiert. Nachdem die Semiotik
einer ganzen Generation bereits abgewickelt worden war - vom Broiler
(Grill-Hähnchen) bis zur LZA (Lichtzeichenanlage = Ampel) – sollte
wenigstens der Palast erhalten bleiben, in dem Tausende ihre Jugendweihe
gefeiert, beim Schwoofen ihre erste Liebe kennen gelernt und später
vielleicht sogar geheiratet hatten. Was immer DDR-Identität heißen mag –an
diesem Gebäude wurde sie plötzlich festgemacht.
Später Sieg der DDR?
Erst nach der Wende wurde der "Klopper" zum Symbol – und für die Gegner
des Palastes Stein des Anstoßes. Hier brach ein West-Ost-Konflikt auf.
Stand der Kasten nicht für das Unterdrückungsregime der SED, wurde hier
nicht die Farce 'Demokratie' aufgeführt? Nuschelte hier nicht vier Tage
nach dem Mauerfall ausgerechnet der Chef des Geheimdienstapparates
Staatssicherheit, der greise Erich Mielke, die unfreiwillig komischen
Worte: "Aber ich liebe euch doch alle."
Für die Kritiker des Palastes stand fest: Das Machwerk städtebaulicher
Mittelmäßigkeit und Symbol des autoritären SED-Regimes musste so schnell
wie möglich aus dem Stadtbild verschwinden. Anfangs war man sich noch
unsicher, ob an seine Stelle ein moderner Neubau treten oder das alte
Preussenschloss wiedererstehen sollte.
Diese Frage entschied sich 1993/94, als plötzlich der Hamburger
Kaufmann Wilhelm von Boddien auftauchte und auf privater Basis in einer
riesigen 1:1-Attrappe mit bemalten Planen die Fassaden und Sichtachsen des
alten Schlosses auferstehen ließ. Anderthalb Jahre lang konnten sich die
Berliner davon überzeugen, welch unvergleichlich größeren Charme die
Rekonstruktion des alten Schlosskomplexes von Andreas Schlüter und Joh.
Eosander von Göthe hätte: Berlin hätte endlich wieder so etwas wie eine
Mitte, ein Herz ohne Loch.
Das Schloss kommt
Nach langem, erbittertem Streit beschloss der Bundestag 2002, den
Palast abzureißen und auf dem inzwischen wieder Schlossplatz genannten
Areal ein Gebäude in der Kubatur des alten Stadtschlosses mit mindestens
drei seiner historischen Fassaden zu errichten. Man folgte damit den
Empfehlungen einer Expertenkommission unter der Leitung des ehemaligen
Wiener Planungsstadtrats Hannes Swoboda. Doch vor den Abriss hatten die
Götter die Asbest-Sanierung gesetzt und das bedeutete: Rückbau bis aufs
Skelett. Was vom einstigen "Palazzo Prozzo" übrig blieb, dient heute
interimistisch als Schauplatz für Ausstellungen und wurde zum
Nostalgiker-Magneten mit hundert Meter langen Warteschlangen.
Um den teuren Abrissauftrag haben sich bei einer europaweiten
Ausschreibung gut ein Dutzend Firmen beworben. Allein 22.000 Tonnen Stahl
müssen aus dem riesigen Gebäude abtransportiert werden. Wenn die
Vergabekammer keinen Einspruch erhebt, kann der Rückbau in drei Wochen
beginnen.
Letzte Schlacht
Auf beiden Seiten des Meinungsspektrums haben sich Kampfgemeinschaften
organisiert: Über 10.000 Unterschriften zur Rettung des Palastes in
letzter Minute wurden in diesen Tagen von einem "Bündnis für den Palast"
übergeben.
Indessen sammeln die Schlossbefürworter bereits Spendengelder für den
Wiederaufbau. Man hofft auf ein ähnliches Wunder wie bei der Dresdner
Frauenkirche und peilt eine Summe von 80 Millionen Euro an.
Die Argumente der Palast-Getreuen, meist rekrutieren sie sich aus
Kreisen der PDS und anderer DDR-Nostalgiker, sind zweifellos
beeindruckend: Ein Kaiserschloss wieder zu errichten, sei nicht nur eine
Absage an moderne Architektur, sondern auch ein undemokratisches,
antimodernens Signal, das gerade dem neuen Berlin schlecht anstehe.
Zudem könne man die DDR-Geschichte nicht einfach entsorgen und dürfe
nicht vergessen, dass auch der Beitritt zur Bundesrepublik, also die
Vereinigung der beiden deutschen Staaten von einem frei gewählten,
legitimen Parlament hier beschlossen wurde. Und schließlich gebe es noch
immer kein plausibles Nutzungs-, geschweige denn Finanzierungskonzept. In
der gegenwärtigen Finanzlage könne man sich so etwas nicht leisten.
Doch die "Schlossianer" haben sich mit ihren Argumenten bei der Politik
durchgesetzt: Ein Gebäude mit dem Aussehen des Stadtschlosses würde die
peinliche Lücke im historischen Stadtbild schließen.
Ein europäisches Baukunstwerk, dessen Qualität nicht einmal von
Schlossgegnern debattiert wird, könnte wieder hergestellt werden. Vor
allem aber: Das kostbare Architekturensemble, bei dem alle umliegenden
Gebäude mit dem Schloss in Beziehung stehen, würde Berlin wieder eine
lebendige Mitte geben, mit der sich die ganze wiedervereinigte Stadt
identifizieren könne.
Ein Humboldt-Forum
Das 720 Millionen teure Nutzungskonzept sieht im rekonstruierten
Stadtschloss die Schaffung eines sogenannten "Humboldt-Forums" vor und
greift damit die alte Idee der Aufklärung auf, im Zentrum Berlins eine
"Freistätte von Kunst, Wissenschaft und Kommunikation" zu schaffen.
Die Spreeinsel soll sich "in einen Weltort der europäischen und
außereuropäischen Künste und Kulturen sowie der Wissenschaften"
verwandeln. Die Sammlungen des Ethnologischen Museums , der Museen für
Ostasiatische und Indische Kunst sollen zusammengeführt und mit den
wissenschaftlichen Sammlungen der Humboldt-Universität sowie den Beständen
der Zentral- und Landesbibliothek zu einem universalen Forum der
Weltneugier und des Weltwissens ausgestaltet werden.
Donnerstag, 22. Dezember
2005