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Museumsdirektor und Sammler Rudolf Leopold ist tot

29.06.2010 | 18:38 | ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Rudolf Leopold ist Dienstagnachmittag im Alter von 85 Jahren in Wien verstorben. Er war die prägendste, ambivalenteste und leidenschaftlichste Persönlichkeit des österreichischen Nachkriegskunstbetriebs.

Er kam zu spät, wie immer. Aber er kam. Abgemagert, trotzdem strahlend und liebevoll behütet von Ehefrau Elisabeth. Das Wort, das er so gern und mit Nachdruck ergriffen hatte, ergriff er bei dem großen nachgeholten Fest zu seinem 85. Geburtstag vor zwölf Tagen in seinem Museum aber nicht mehr. Eine unglückliche Verflechtung von Krankheiten, Beinbruch, Spitalsinfektion, Grippe hatte ihn für Monate verschwinden lassen. Doch der Jubilar schien wieder zu Kräften gekommen. Völlig unerwartet kam deshalb die Nachricht Dienstagnachmittag: Rudolf Leopold ist in einem Wiener Krankenhaus gestorben.

Mit Rudolf Leopold muss man sich von der prägendsten und ambivalentesten Persönlichkeit des österreichischen Nachkriegskunstbetriebs verabschieden. Und ihm trotz aller späteren Anfeindungen erst einmal vorbehaltlos Reverenz erweisen. Keiner hat in den 50er-Jahren an die österreichische Kunst der Jahrhundertwende so geglaubt wie der Medizinstudent, Sohn eines Sektionschefs im Landwirtschaftsministerium. Schlüsselerlebnis war 1947 der Besuch des Kunsthistorischen Museums: „An diesem Tag beschloss ich, Bilder zu sammeln“, erzählte er.

Erst waren es Bilder des 19. Jahrhunderts, die ihn interessierten. Aber schon bald, 1952, stieß er auf den damals noch völlig verkannten, ja verhöhnten Egon Schiele. Er kaufte dessen „Der Häuserbogen“ und begann, mit seinem Auto Wohnungen und Villen abzuklappern, Blätter und Gemälde einzusammeln, sie aus räudigen Ecken zu holen, die Besitzer mehr oder weniger penetrant auf Herausgabe zu drängen. Leopold war bis ins hohe Alter berüchtigt für seine Hartnäckigkeit – ein Besessener, ein Leidenschaftlicher, der neben sich nur wenige akzeptieren konnte, schon gar keine Experten. Meist wohl zu Recht. Keiner liebte Schiele so sehr wie er.

 

Von Grinzing in den Weißen Kubus

Leopold ist hauptverantwortlich für Schieles heutigen internationalen Ruhm. 1955 organisierte er eine Schau in Amsterdam, Eindhoven, 1963 in London, 1968 in Wien, dann in München. 1972 veröffentlichte er das erste Werkverzeichnis Schieles. 1994 entschloss sich der österreichische Staat, Leopold seine über 5000 Werke umfassende Sammlung abzukaufen, sie wurden in eine Privatstiftung eingebracht. 2001 wanderten die im Grinzinger Haus der Leopolds über-, unter-, aufeinandergestapelten Bilder und afrikanischen Skulpturen in den Weißen Kubus im Museumsquartier. Das Leopold-Museum, ausgestattet mit der besten Schiele-Sammlung weltweit, wurde eine der Hauptattraktionen Wiens, Leopold Direktor auf Lebenszeit.

Und er besaß endlich wieder Geld, er war entschuldet, zumindest kurzfristig. Denn alles floss sofort wieder in die Kunst, in Leopolds berühmte – und geheimnisvolle – „Sammlung II“. Leopold beherrschte das Spiel des Kunstmarkts perfekt, die Intrigen, die Jagd, die Konkurrenz. Er war Stammgast in den Wiener Auktionshäusern, packte dort auch ungeniert in der ersten Reihe das Wurstbrot aus. Leopold war nicht nur der größte Sammler, den Österreich bisher hervorbrachte. Im Hintergrund soll er auch einer der größten Kunsthändler des Landes gewesen sein. Aber die Liebe zur Kunst war auch die Tragödie seines Lebens. Seit den 90er-Jahren musste er sich der Vergangenheit seiner Schätze stellen, schaffte es aber nicht, Restitutionsforderungen, seien sie berechtigt oder nicht, objektiv zu begegnen. Sein größter Schicksalsschlag war wohl die Beschlagnahmung des Schiele-Bildes „Wally“, das bis heute in einem Lager in den USA liegt.

Sein größter Stolz – neben den Sammlungsausstellungen in der ganzen Welt, im Herbst etwa in der Beyeler Foundation in Basel – aber waren seine Kinder. Sein Sohn Diethard, der mit dem Vater Ausstellungen in einer Offenheit verwirklichen konnte, wie sie niemand erwartet hätte. Seine Tochter Gerda, selbst Künstlerin. Und sein Sohn Rudolf, der den einstigen Traum seines Vaters verwirklichte – und Musiker, Cellist, wurde. Von ihm kam auch das schönste Geschenk zu Leopolds letztem Geburtstag, seine Lebensfrau Elisabeth bat die Festgäste dazu um absolutes Stillschweigen: Und es erklang das Lieblingsstück des Jubilars aus Bachs Matthäuspassion: „Erbarme Dich“.


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