| Salzburger Nachrichten am 21. März 2003 - Bereich: kultur
Schnellkurs in Geschichte
Von Weimar nach Klagenfurt: Die Stadtgalerie zeigt eine aufschlussreiche Ansicht italienischer Kunst des 20. Jahrhunderts, "Bella pittura".
GERALD FELBER
Zwei Mal hat die italienische Kunst im 20. Jahrhundert an jene Führungsrolle angeknüpft, die sie in älteren Epochen innehatte: erst ziemlich am Anfang, als die Futuristen einerseits, de Chirico zum anderen in neue Denk- und Gestaltungsräume vorstießen; und dann noch einmal in den Siebzigern, als die Arte povera mit ihrer asketischen Konzeptkunst einen Gegenentwurf zur munterironischen Pop-Art lieferte. Doch nichts verschwand plötzlich oder war mit einem Schlag da: Die Ausstellung, die nun in Klagenfurt zu sehen ist, vermittelt zum Beispiel den geistigen Zusammenhang zwischen Lucio Fontanas ebenso provokatorischen wie kargen Leinwand-Perforierungen der 60-er Jahre, den Turiner Artepovera-Künstlern und anderen minimalistisch geprägten Richtungen. Lucio Fontana ist in der Schau mit drei Arbeiten vertreten - ein Privileg, denn die Mehrzahl der Künstler bekommt nur eine Chance. Trotzdem sind 125 Arbeiten zusammengekommen aus einer Fülle von über 3000, die in den Mailänder Museen zum 20. Jahrhundert versammelt sind. Ein Jahrhundert Kunstgeschichte, vertreten durch rund 100 Künstler. Das lässt viele Assoziationen zu, gibt aber eher einen Schnellkurs als eine Tiefenschau - und ist dennoch das richtige Verfahren, wenn die Auswahl so kompetent getroffen wurde wie hier. Grundsätzliche Konfliktfelder werden verfolgbar, angelegt schon im Zwiespalt der futuristischen Bewegung (Beispiele von Boccioni, Balla und Carra` u. a.) zwischen fiebriger Technikbegeisterung und deren Umschlag in eine quasireligiöse, mystische Überhö-hung. Aus der ersten Tendenz wuchs eine zunehmende Reduzierung des Formenapparats, die sich frühzeitig, wenn auch nie als Vortrupp, allen abstrakten Tendenzen öffnete; aus der zweiten wurde die Novecento-Bewegung, quasi Mussolinis Staatskunst - traditionsbewusst und pathetisch, aber härter, weniger volkstümelnd und peinlich als die gleichzeitige staatsoffizielle Produktion deutscher Herkunft. In der Tat gab es im faschistischen Italien keine öffentlichen Zensurmechanismen wie unter Hitler; die Anpassung erfolgte dezenter, nach Markt- und öffentlicher Stimmungslage. Selbst de Chirico gebärdet sich in den 30er Jahren höchst konservativ; und ein Künstler wie Mario Sironi kommt geradewegs vom Futurismus an die vorderste Propagandafront, schafft aber dann auch noch nach 1945 eindrucksvolle Werke. Wenn die Konservativen Traditionen aufriefen, dann waren das Giotto, Martini, aber mehr noch das alte Rom. Die gegenständlichrealistischen Linken waren ihnen hierin seltsam ähnlich: Klassenkampf und farbenschwelgende Weltenharmonie fügten sich nicht zueinander. Es sind eher Außenseiter wie Renato Birolli, Mattia Moreni oder der an Dubuffet und Max Ernst geschulte Enrico Baj, die sich der Sinnlichkeit der "großen" Epochen öffnen, freilich öfter als apokalyptische Katastrophenpropheten. Abstrahierter und gleichzeitig gelassener zeigen sich die wogenden Farbfelder bei einigen der ganz Jungen wie den Mailändern Iacchetti und Scaiola, die in den Fünfzigern geboren sind. Womöglich wird also eine Retrospektive der italienischen Kunst des 21. Jahrhunderts ganz anders aussehen. Für das Vergangene bleiben andere Zeichen: Modiglianis stillmelancholisches Guillaume-Porträt von 1916 oder die quasi zeitlosen, radikal zurückgenommenen Stillleben Giorgio Morandis: Die Konzentration triumphiert über das Pathos.
Stadtgalerie Klagenfurt, bis 11. Mai, Di.-Fr. 10-19 Uhr, Sa., So., Fei. 10-17 Uhr
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