Ein dramatischer Geschichtenerzähler

Das Werk des flotten Malers Luca Giordano, dem ein krasser Realismus zu eigen ist, wird einer Neubewertung unterzogen.


Das Kunsthistorische Museum Wien (KHM) hat seine Barocksäle für die erste monografische Ausstellung geräumt, die Luca Giordano (1634-1705) gewidmet ist, dem bedeutendsten und einflussreichsten neapolitanischen Maler des 17. Jahrhunderts.

Selbstbildnis
Selbstbildnis

Mit Giordano wurde Neapel neben Rom zur führenden Kunststadt. Der Meister wurde nach Florenz und Venedig sowie als Hofmaler nach Spanien gerufen, hat die venezianischen Maler des 18. Jahrhunderts wie Sebastiano Ricci und Tiepolo ebenso beeinflusst wie die Väter der Barockmalerei in Österreich und Süddeutschland.

Hymnisch umjubelte Schau

Die Ausstellung wurde als gemeinsames Projekt des Museo Nazionale di Capodimonte, Neapel, mit dem Wiener KHM und dem Los Angeles County Museum erarbeitet und ist vom 23. Juni bis 7. Oktober nach der - in ganz Italien hymnisch umjubelten - Präsentation in Neapel nun (in etwas schlankerer, vor allem um die nicht transportablen großen Altarbilder verringerter Form) in Wien zu sehen.

"Bacchus und Ariadne"

Die Schau wird anschließend - noch etwas weiter verschlankt und ohne die grafischen Blätter, die auf keinen Fall weiter dem Licht ausgesetzt werden dürfen - nach Los Angeles wandern. Madrid bereitet eine eigene Ausstellung vor, die sich auf die spanische Ära des Künstlers konzentriert, der vom letzten Habsburger am spanischen Thron, Karl II., als berühmtester Freskenmaler seiner Zeit zur Ausschmückung des Escorials geholt wurde.

Gewaltiges Oeuvre

Der Künstler hat ein gewaltiges Oeuvre von mehreren hundert Werken hinterlassen. "Luca fa' presto" ist sein international geläufiger Spitzname, der auf die Leichtigkeit und unglaubliche Schnelligkeit seiner künstlerischen Produktion anspielt. Ein Grund dafür, dass Giordano - zusammen mit der Eleganz, Raffinesse und Virtuosität seiner Arbeit, seiner Fähigkeit in jedem Stil zu malen und sich Motive mit der Sicherheit eines Fälschergenies anzueignen - von der Kunstgeschichte lange als oberflächlich eher ignoriert wurde.

"Der Raub der Europa"

Nun ist "die Zeit reif" für eine Neubewertung, wie Wolfgang Prohaska, Kustos der Gemäldegalerie und mit Nicola Spinosa wissenschaftlicher Leiter der Schau, bei der Präsentation am Freitag betonte. Die umfassenden wissenschaftlichen Vorarbeiten, u.a. neue Erkenntnisse zur Chronologie, sind in den (in drei Sprachen erschienenen) Katalog (bei Electa Napoli) eingeflossen, in dem sämtliche Arbeiten, auch die in Wien nicht mehr gezeigten, abgebildet und erklärt werden.

Krasser Realismus

Martern aller Arten, geschundene Leiber, abgezehrte Greise und muskelgestählte Krieger, Götter und Erzengel, verlockendes Frauenfleisch - am verlockendsten in den mythologischen Raub- und Vergewaltigungsgeschichten - erwarten den Besucher im Kunsthistorischen Museum. Der krasse Realismus der Darstellungen, der sich in den Bildern religiöser Thematik im Spannungsgegensatz mit idealistischer Entrückung hält, lässt fast die beklagte Brutalität heutiger Fernsehprogramme als Kindernachmittage erscheinen.

Assoziationen zu Film und Fernsehen drängen sich bei Giordano auf, denn wohl keiner ist so ein spannungsreicher und dramatischer Geschichtenerzähler wie er. Man kann es fast hören, das Schmerzensgebrüll des Marsyas, wenn ihm Apoll mit der Ungerührtheit eines Schlachters die Haut bei lebendigen Leib abzieht - und das kann man im Detail sehen.

"Schlafende Venus mit Satyr", um 1663

Ringerposen

In realistischen Ringerposen sieht man "Jakob im Kampf mit dem Engel" umschlungen. Und so wie im Video von Steve McQueen, das derzeit in der Kunsthalle läuft, lässt sich nicht ganz eindeutig ausmachen, ob die Kontrahenten einander aggressiv bekämpfen oder zärtlich in den Armen halten. Mit einer barocken Party ist die gegenüberliegende Kunsthalle ja eröffnet worden. Die Zeit scheint sichtlich nicht nur für eine Begegnung mit Luca Giordano reif, sondern auch für die Wiederbegegnung der aktuellen Kunst mit dem Barock.

Tipp:

Ausstellung "Luca Giordano 1634-1705". Vom 23. Juni bis 7. Oktober 2001 im Kunsthistorischen Museum. Täglich 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag bis 22.00 Uhr geöffnet.

Radio …sterreich 1