
Kommende Woche gelangen drei der Arbeiten das "MAERZ"-Mitbegründers (1891-1945, verschollen) in Wien zur Auktion.
Wien - Gemeinsam mit Alfred Kubin und Fritz v.
Herzmanovsky-Orlando gilt Franz Sedlacek als Urvater des
österreichischen phantastischen Realismus. Und wie die genannten
Kollegen hatte Sedlacek (wörtliche Übersetzung "Bäuerlein" ) einen
Zivilberuf: Der ausgebildete und studierte Ingenieur war jahrelang
Kustos des Wiener Technischen Museums. Seine wahre Leidenschaft war das
Malen, das er berufsbedingt nur nachts, bei künstlichem Licht, ausübte.
Die in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg entstandenen Arbeiten sind stilistisch dem Jugendstil zuordenbar. In ihnen summieren sich verschiedene Stilelemente: der englische Linearstil William Blakes, der französische Holzschnittstil Felix Vallottons und der plakative, ornamental-dekorative Flächenstil der Wiener Secession. 1913 gründete Sedlacek gemeinsam mit einer Gruppe Gleichgesinnter "MAERZ" , die erste Linzer Vereinigung bildender Künstler.
Unter der glatten, völlig harmlos wirkenden Oberfläche der Sedlacek-Bilder lauert entweder beißende Ironie oder Furchterregendes. Während das Grauen bei Kubin unmittelbar und schockierend ist, bleibt es bei Sedlacek versteckt, hintergründig und mehrdeutig, womit er eine unvergleichbare phantastische Dimension schuf.
Die in den Jahren 1925 bis 1942 entstandenen Arbeiten bilden das Hauptœuvre, motivisch sind Landschaften, Stadtbilder, Grotesken und Stillleben charakteristisch. In der Sektion Klassische Moderne stehen im Kinsky im Rahmen der 71. Kunstauktion (2. Dezember) nun drei Arbeiten zum Verkauf: Die Tuschzeichnung Mondkalb I (20.000-40.000), das Aquarell Stadt im Gebirge (30.000-60.000) sowie das Ölbild Landschaft mit brennendem Castell (80.000-150.000). Die Freyung dürfte wohl der wichtigste Marktplatz für Sedlacek sein, sieben der zehn höchsten Auktionszuschläge stammen von hier, darunter auch der bisherige Weltrekord mit netto 300.000 Euro (siehe Tabelle). Zu den auf dem Markt bevorzugten Motiven gehören seit Jahren Landschaften: "Schon seit meinen ersten habe ich immer wieder weite Ausblicke von erhöhten Standpunkten auf Städte, Flüsse, Straßen, auf Meeresbuchten, Bergketten gemalt, auf weitläufige Landstücke, in denen man mit den Augen spazierengehen kann" , notierte Sedlacek, der auch als leidenschaftlicher Bergwanderer galt.
Die Darstellung realer Landschaften war aber nicht seine ursprüngliche Intention. Zu den originellsten Ergebnissen kam er über eine Subform, die technisierten Landschaften. Auf Basis der industriellen Revolution im späten 19. Jahrhundert erwarb diese Bildgattung eine bescheidene Tradition, die sich dann über das Entstehen einer von der Neuen Sachlichkeit entwickelten neuen Ästhetik emanzipierte.
Die magische Unnahbarkeit seiner Arbeiten betont Sedlacek durch
seine altmeisterliche Öllasurtechnik; Angaben zu den verwendeten
Materialien finden sich übrigens oftmals auf der Rückseite seiner
Arbeiten. Der Grundierung mit Halbkreide folgte eine Vorzeichnung in
Bleistift, erste Untermalungen mit Umbra und anschließend zahlreiche
Lasuren, welche schließlich mit Mastix oder - nur in seltenen Fällen -
Kutschenlack (zog bisweilen starkes Nachdunkeln nach sich) gefirnisst
wurden.
Durch haarscharfe Konturen und kräftige Kontraste,
kombiniert mit dem spiegelnden Glanz, erzielt der Künstler eine
Überschärfe, die das Unwirkliche dieser Gemälde betont. Das typische
Sedlacek-Licht mit seiner bühnenhaften Wirkung spielt dabei eine
elementare Rolle. Die Beleuchtung erfolgt entweder über die
dargestellten Naturphänomene (u.a. Regenbogen, Gewitter) oder als aus
der Tiefe strahlendes, nicht deutbares Gegenlicht, im Kontrast zu
dunklen, unheilvoll wirkenden Wolken oder Rauchsäulen.
Im Herbst 1939 wird Sedlacek zum Kriegsdienst eingezogen und kommt an die Fronten von Stalingrad, Norwegen und Polen. Zahlreiche Versuche der Direktion des Technischen Museums im Jahre 1944, ihn vom Wehrdienst zu beurlauben, blieben erfolglos. Seit Februar 1945 gilt Sedlacek als in Polen vermisst. Seine letzte Nachricht, eine Feldpostkarte, stammt aus Thorn an der Weichsel. (Olga Kronsteiner / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.11.2008)