In Wien tagt die sechste Internationale Konferenz
zum illegalen Kulturguthandel in Mittel- und Osteuropa
Im Schattenreich des Kunstmarktes
|
Aus einem Depot in Wien entwendet: Ernst Fuchs’ "Architectura Caelestis –
Monstranz". Foto: bka
|
Von Manisha Jothady

Der illegale
Handel mit Kunst- und Kulturgütern floriert und zählt zu den
lukrativsten Delikten.

Gehandelt
wird dabei meist mit Werken kaum bekannter Meister.

Geraubte Spitzenkunst ist auf dem Kunstmarkt so
gut wie unverkäuflich.
Paris/Wien. Kaum hatte der
spektakuläre Raub von fünf Gemälden aus dem Pariser Musée National d’Art
Moderne europaweit für Schlagzeilen gesorgt, haben wir in Österreich
schon unseren eigenen Fall, wenn auch in etwas kleineren und weniger
spektakulären Dimensionen: Unbekannte Täter stahlen aus einem Depot in
Wien-Margareten zwei Gemälde von Ernst Fuchs.
Dass "Der Gekreuzigte zwischen dem Versucher und dem Engel der
Tröstung" und die "Architectura Caelestis – Monstranz" im Kunstlager des
Phantastischen Realisten fehlen, wurde Anfang Mai bemerkt, allerdings
erst vergangene Woche öffentlich. Der Diebstahl könnte schon vor Monaten
stattgefunden haben, so die Vermutung der Bundeskriminalpolizei.
DNA-Spuren wurden jedenfalls sichergestellt.
Man darf also gespannt sein, ob sie die Ermittler zu den Tätern
führen und welche Wege die Bilder, nach denen mittlerweile international
gefahndet wird, gehen. Womöglich tauchen sie bei einer Razzia wieder
auf. Vielleicht aber sind sie für immer verloren, da sich ein
unbekannter Fuchs-Fan still und heimlich an ihnen erfreut. Zu denken
gibt an diesem Fall jedenfalls, dass die Kripo keine Einbruchsspuren
feststellen konnte.
Der verrückte Sammler und seine Leidenschaft im Keller
Kunstraub zählt nach Schätzungen von Interpol neben Drogen- und
Menschenhandel zu den lukrativsten kriminellen Delikten. Dabei führt die
Spurensuche allerdings so gut wie nie zum verrückten Sammler, der
seiner Leidenschaft in einem Kellerverlies frönt. Diese Vorstellung ist
ein Mythos, wenngleich er vor nicht allzu vielen Jahren von einem
elsässischen Kellner unterfüttert wurde. Aus Liebe zur Kunst stahl
Stéphane Breitwieser bis zu seiner Festnahme 2001 insgesamt 239
Ausstellungsstücke aus öffentlichen Sammlungen, ohne dabei ein einziges
Mal einzubrechen. Nach seiner Verhaftung zerstörte seine in Panik
geratene Mutter das Diebesgut im Wert von etwa einer Milliarde Euro. 102
der gestohlenen Kunstwerke konnten aus dem Rhone-Kanal gerettet und an
die Museen zurückgegeben werden. Breitwieser selbst schrieb nach der
Haftentlassung seine "Bekenntnisse eines Kunstdiebes", die 2007 auf
Deutsch erschienen.
Was die Motive zum Kunstraub angeht, so ist im Schattenreich des
Kunstmarktes das Interesse an den Versicherungssummen von Kunstwerken
zweifellos höher als das an ihrem ideellen und ästhetischen Wert.
Kunstraub-Experte Stefan Koldehoff spricht in einem unlängst in der
"Welt Online" erschienen Artikel von "präzise vorbereiteten Banden", die
hinter den Kunstdiebstählen der vergangenen Jahre stecken. Vielfach
gehe es um das Erpressen von Lösegeldern für die gestohlenen Werke
(Art-Napping), wobei die geforderte Summe oft deutlich unter dem
Versicherungswert liege. Ein Handel, der sich oft als schwierig erweise,
da zahlreiche Museen aus finanziellen Gründen auf das Versichern der
eigenen Bestände verzichten.
Als weitere Motive nennt Koldehoff Drogenhandel und Geldwäsche. "Wer
groß in den europäischen Drogenhandel einsteigen will, kann das dafür
notwendige Heroin in der Türkei inzwischen durchaus auch mit einem
Porträt des niederländischen Barockmalers Gabriel Metsu bezahlen." Auch
die Entwendung von Kunstwerken zum Zweck privater Absicherung schließt
er nicht aus. Wer im Falle einer Verhaftung wegen anderer Verbrechen dem
Gericht Hinweise auf einen gestohlenen Rembrandt geben könne, dürfe mit
Strafmilderung rechnen, vorausgesetzt die Wiederauffindung des Bildes
läge im Interesse des Staates, so der Autor des Buches "Aktenzeichen
Kunst", das pointiert von den weltweit spektakulärsten Kunstdiebstählen
erzählt.
Reger illegaler Handel mit wenig bekannten Künstlern
Doch bei vielen Kulturdelikten handelt es sich gar nicht um den
Diebstahl berühmter Meisterwerke aus Museen. Wer glaubt, diese verkaufen
zu können, ist naiv. Anders verhält es sich mit weniger bekannten und
auch weniger hervorragenden Arbeiten renommierter Künstler. Auf
Online-Kunstauktionen, die zunehmend zum beliebten Marktplatz für den
anonymen Verkauf illegal erworbener Objekte werden, finden diese oft
problemlos Abnehmer.
Für den Käufer gilt der momentanen österreichischen Gesetzeslage
zufolge der "Gutglaubenserwerb". Das bedeutet, dass gestohlenes Gut
selbst nach Sicherstellung mitunter nie wieder an den ursprünglichen
Besitzer zurückgehe, so Anita Gach in einer Ausgabe des Magazins
"Öffentliche Sicherheit". Im Büro der Leiterin des Referats
Kulturgutdelikte im Bundeskriminalamt laufen sämtliche Informationen
über Diebstähle, Betrug, Raub und illegale Ausgrabungen im Zusammenhang
mit Kunstwerken und kunsthandwerklichen Wertgegenständen zusammen. Hier
wird in Österreich gestohlen gemeldetes Kulturgut in einer Datenbank
gespeichert. Sichergestellte Gegenstände werden einer Straftat
zugeordnet.
Die Erfassung beschränkt sich dabei längst nicht auf die klassischen
Gattungen der bildenden Kunst. Auf der Internet-Fahndungsliste des
Bundeskriminalamts sind neben Gemälden und Skulpturen auch
kunsthandwerkliche Wertgegenstände wie Silbergeschirr und -besteck,
Schmuckstücke, Teppiche, Musikinstrumente, Luster, Uhren, Möbel,
liturgische Geräte, Engelsfiguren, Heiligenstatuen und Kerzenleuchter
angeführt. Für viele dieser Objekte gäbe es Anita Gach zufolge kein
Zertifikat, weshalb sie sich im Kunsthandel, im Internet oder auf
Flohmärkten leicht verwerten ließen.
Seit der Öffnung des Eisernen Vorhangs sieht sich auch Österreich mit
neuen Problemen hinsichtlich des Handels mit gestohlenen Artefakten
konfrontiert. Wien ist deshalb auch Tagungsort der "6. Internationalen
Konferenz zum illegalen Kulturguthandel in Mittel- und Osteuropa". Sie
findet vom 8. bis 10. Juni im Großen Vortragssaal des Bundesministeriums
für Inneres statt. Vertreter der Interpol, der Unesco, des UN-Büros für
Drogen- und Verbrechensbekämpfung sowie des International Council of
Museums (Icom) stellen hier nicht nur die jüngsten Ergebnisse des
illegalen Kulturguthandels in Mittel- und Osteuropa vor, sondern
diskutieren auch über neue Datenerfassungssysteme, Vorgangsweisen der
Täter und mögliche Präventionsmaßnahmen.
Schon in der Vergangenheit betonten Experten immer wieder die
Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit von Kriminaldienst- und
Zollfahndungsststellen mit Interpol und Unternehmen wie dem Art Loss
Register, der weltweit größten privaten Datenbank für verlorene und
gestohlene Kunstwerke. Denn der illegale Handel mit Kulturgütern ist
eine internationale Angelegenheit, häufig sind mehrere Staaten in einen
Fall involviert. So wurde etwa der berühmte, mit Diamanten besetzte
Haarstern von Kaiserin Elisabeth, der 1998 aus einer
Hochsicherheitsvitrine in einer Sisi-Ausstellung im Schloss Schönbrunn
gestohlen wurde, zehn Jahre später in Kanada sichergestellt. Dort
tauchte er im Zuge von Ermittlungen gegen einen internationalen
Verbrecher-Ring wieder auf.
Kriegerische Plünderungen und Raubgrabungen
Ein gesondertes Problem für die Ermittler von Kulturgutdelikten
stellen Plünderungen und Raubgrabungen in Kriegs- und
Naturkatastrophengebieten dar. Staaten wie Guatemala, Honduras, Peru,
Mexiko, China, Ägypten und Afghanistan werden seit Jahrzehnten
systematisch ihrer Kulturgüter beraubt. Die Golfkriege brachten die
massive Zerstörung archäologischer Monumente Mesopotamiens und den
Verlust zahlreicher Sammlungsobjekte des irakischen Nationalmuseums in
Bagdad und des Museums in Kuwait mit sich.
Auch Österreich, entnimmt man einer Ausgabe der Zeitschrift "Forum
Archaeologiae", sei von Raubgrabungen betroffen, wenngleich nicht in
jenem Ausmaß wie die Mittelmeerländer – allen voran Ägypten und
Griechenland – mit ihren zahlreichen noch unentdeckten antiken Schätzen.
Beim Besuch archäologischer Sammlungen muss einen der Vermerk "Fundort
unbekannt" jedenfalls stutzig machen. Für die wissenschaftliche
Forschung sind Objekte fragwürdiger Herkunft wertlos. Doch was kümmert
das den Kunstspekulanten.
Printausgabe vom Dienstag, 08. Juni 2010
Online
seit: Montag, 07. Juni 2010 17:19:23
Artikel kommentieren:
* Kommentare werden nicht automatisch
veröffentlicht. Bitte beachten Sie unsere Regeln.
Die Redaktion behält sich vor Kommentare
abzulehnen. Wenn Sie eine Veröffentlichung Ihrer Stellungnahme als
Leserbrief in der Druckausgabe wünschen, dann bitten wir Sie auch um die
Angabe einer nachprüfbaren Postanschrift im Feld Postadresse. Diese
Adresse wird online nicht veröffentlicht.