| Salzburger Nachrichten am 28. Dezember 2002 - Bereich: kultur
Lauter Künstler auf der Höhe unserer Zeit
Der erste Teil der Jahresausstellung im Salzburger Künstlerhaus - Ironische Replik auf die Fetischisierung des Autos
In längst vergangenen Zeiten war die Jahresausstellung des Salzburger Kunstvereins eine kunterbunte Leistungsschau. Sie spiegelte die künstlerische Kreativität im Land. Jedes Mitglied des Kunstvereins konnte sich beteiligen, entsprechend breit war die Spannweite der Ausdrucksformen. Das fröhliche Chaos ist inzwischen ganz anderen Eindrücken gewidmet. Übersichtlichkeit bekam einen hohen Stellenwert. Nicht jeder darf drauflos ausstellen, Kuratoren treffen die Auswahl. Diesmal waren es Judith Reichart aus Bregenz und Martin Hochleitner aus Linz. Sie suchten nicht bloß aus, sie stellten den Künstlern sogar ein Thema. Das erinnert ein wenig an die Schule, aber es hat sich durchaus bewährt, die Künstlerinnen und Künstler herauszufordern. Die Kuratoren stellten die Frage "Von Anfang an?" und spielten damit listig auf die Tatsache an, dass Künstler sich entwickeln und ihre Verfahren ändern. Von 51 Kandidatinnen und Kandidaten, die eingereicht hatten, kamen 21 zum Zug. Bis zum 12. Jänner ist die erste Tranche zu sehen, am 16. Jänner folgt die zweite. Am auffälligsten gebärden sich die Arbeiten von Josef Schwaiger und Claudia Märzendorfer. Schwaiger weist vor, mit welchen Farben er in den neunziger Jahren gearbeitet hat und trug Muster davon auf einer Wand auf. Die Wirkung ist dekorativ. Das ist gewiss eine Alternative zu herkömmlichen Tafelbildern in einem großzügigen Wohnraum. Claudia Märzendorfer baute ein Bücherregal aus schwarz gestrichenen Brettern, auch die Bücher sind schwarz eingebunden, sogar die Lesebändchen sind schwarz. Das Regal darf nicht an der Wand stehen, denn die Anordnung der Bände ist so überlegt erfolgt, dass es reizvolle Durchblicke gibt. Das Tafelbild hat übrigens noch nicht völlig ausgedient, das beweist Gerhard Himmer, der mit Öl auf Leinwand oder mit Lackstift auf Offsetpapier malt. Die Fotoarbeiten spielen eine große Rolle, und der Computer ist wichtig. Andrea Pesendorfer beispielsweise manipuliert mit seiner Hilfe Kinderzeichnungen. Hubert Blanz hat herausgefunden, dass die Struktur von Computerchips in der Vergrößerung aussieht wie eine urbane Landschaft. Es sei nicht verschwiegen, dass es auch Arbeiten gibt, die sich ohne gründliche erklärende Hilfe wohl kaum erschließen. Dazu gehört eine Perlenkette, die Bernhard Gwigger in den Raum gespannt hat. Er nennt sie "Girlande" und sagt, dass sie eine Aneinanderreihung von Punkten darstelle. Die Inspiration dazu habe er von Kandinsky erhalten. In Beziehung dazu setzt er ein Videobild, mit dem er sich auf einen "Kunstam-Bau-Wettbewerb" bezieht. Gwigger setzt in die Kombinationsfähigkeit des Betrachters das allergrößte Vertrauen. Den Förderpreis des Kunstvereins erhielt Manuela Mitterhuber für eine Aktion, die auf Video dokumentiert ist: Nach Abschluss eines sechsmonatigen Japanaufenthalts stellte sie sich in Tokio auf die Straße und rief 30 Minuten lang auf Japanisch den Satz: "Das Leben existiert nicht innerhalb der Sprache." Wie sie berichtete, hätten sie einige Passanten ermuntert, durchzuhalten. Ein nettes ironisches und sinnliches Projekt unter dem Motto "Doublez! Allezy . . ." verwirklichten Severin Hofmann, David Moises und Andrew Phelps. Sie hievten einen gebrauchten, aber durchaus betriebsbereiten Renault 5, Baujahr 1975, in das abgedunkelte Studio des Kunstvereins, und dort darf er wie ein Wesen mit ausgeprägtem Eigenleben nach Herzenslust mit den Scheinwerfern zwinkern. So setzen sie die Gebrauchtwagenbranche der Nachdenklichkeit aus.
WERNER THUSWALDNER
|