Im Hof des Barockpalasts an der Grazer Sackstraße eine
temporäre Skulptur der Amerikanerin Nancy Rubins: Flugzeugschrott wie aus
dem Air-Force-Friedhof bei Tucson, Arizona, geholt und zusammengeschweißt.
Im Stiegenhaus höhnt der Holländer Marc Mijl mit dem Spayer-Spruch "I'm
too sad to kill You". Über Bildschirme flimmern Szenen mit Gewalt in
Uniform und ohne - etwa Paul McCarthy und Mike Kelley nackt im
Badeschaumgefecht, oder Bruce Naumann mit einem Video, in dem sich
gesitteter amerikanischer Mittelstand wehtut.
Auch Musterspiele, mit denen Kids an den Bildschirmen das
Schießen und Töten einüben, sind anstartbar, abrufbar. Die große
Kinoindustrie mit ihren Kriegsbildern, Kriegshelden, Rambos und
Terminators aber fehlt. Der Belgier Johan Gimonprez hat Dokumentar-Videos
über Highjacker seit den siebziger Jahren zu einem starken Film
zusammenmontiert.
Vietnam, der Vordere Orient, der Balkan, Grosny, aber
auch der Krieg, den die RAF in die deutschen Städte und den
Terrorkommandos in die zivile Luftfahrt getragen haben, erfreuen sich
künstlerischer Begleitung. Oder wenigstens der Kamera photographischer
Spezialisten, die den grausigsten Augenblick mit Dauer adeln.
Die elektrischen und chemischen Abtötungs-Aggregate der
amerikanischen Justiz hat Lucinda Devlin ohne Delinquenten und Henker
photographiert, Todeszellen, Gaskammern in der unheimlichen Ruhe von
schlichtem Alltagsdesign. Paolo Pietrangeli dokumentierte dagegen die
lauten Straßenschlachten der Globalisierungsgegner 2001 in Genua, Anja
Niedringshaus den Jubel beim Einmarsch der Nato-Truppen in Pristina 1999.
Der Kultursoziologe Paul Virilio entwickelt aus
Photoserien mit Betonklötzen eine ganze Kriegsbunker-Ideologie. In seinem
Katalogbeitrag geht er auf den berühmten Sager von Karlheinz Stockhausen
ein, der Nine-Eleven als "größtes Kunstwerk, das es je gegeben hat"
deutete. Er stellt den Satz in die Linie, die von Expressionisten (auch
der frühe Ernst Jünger gehört dazu) und Surrealisten (wie André Breton)
vorgezeichnet wurde und geradewegs zum Terrorismus von heute führt.
Virilio: "Ob man will oder nicht: Die Kunst ist ab sofort ein Teil der
Terrorszene. Ohne diese tragische Feststellung versteht man den Exzess
einer sogenannten ,Freiheit des Ausdrucks' nicht, der nichts anderes ist
als die Freiheit zum Attentat nicht nur auf die Sittlichkeit, sondern auch
auf den Wert; auf alle ethischen oder ästhetischen Werte, die bis jetzt
Sinn machten, auf die Kunst-szene." Virilio zitiert zuletzt Broch: "Eine
Welt, die sich selbst in die Luft jagt, kann man nicht mehr porträtieren".
Ist der Terror die Fortsetzung der Kunst mit anderen
Mitteln? Oder die Kunst die Fortsetzung des Terrors? In diesem nicht ganz
ernst zu nehmenden Krieg der großen Wörter kämpfen die Ausstellungsmacher
noch an uralter Front. "M[*]ARS", das M getrennt von Ars: Der Titel reitet
eine typographische Attacke, auch gegen Freud. Ars, das haben Peter Weibel
und sein Mitkurator Günther Holler-Schuster herausgefunden, ist im Namen
des Kriegsgottes enthalten. So heißt lateinisch die Kunst. Der
Analyse-Papst meinte in den dreißiger Jahren, daß kulturelle Übung jene
Kräfte binden kann, die sich sonst in Kriegen entladen. Die Geschichte
weiß anderes, etwa über das Volk Goethes. Und seit dem 11. 9. 2001 wächst
die Angst, daß die prägendsten Komponenten aller Kulturen, die Religionen,
die Menschheit im Heiligen Dauerkrieg schütteln.
Mars und Ars, Gewalt und Kunst: Die beiden tun es
miteinander mal keuscher, mal unverschämter. US-Photograph James Nachtway
brachte Ansichten von klassizistischer Ebenmäßigkeit aus dem bombardierten
Afghanistan heim; die Amerikanerin Sue Coe und die Kubanerin Ana Mendieta
ästhetisieren Gewaltphantasien bis an die Grenzen der im Internet
auffindbaren Snuff-Videos. Von Jenny Holzer sind brutale Tatoo-Sprüche
abphotographiert.
Das große Thema Krieg und Gewalt schreckte sogar
Stubenhocker auf: Der Tiroler Max Peintner suchte in einer Serie von
Farbkreidezeichnungen "Das Bild, das fehlt": Etwa, wie die Nase eines
Großflugzeugs vor meinem Bürofenster ausschaut. Peter Weibel blickte nicht
rasch zurück, sondern lange voraus: Schon 1984 versetzte er in einer
Photocollage die World-Trade-Center-Türmei in ein labiles Gleichgewicht;
ließ ein (Modell-)Auto durch die Leinwand in ein gemaltes Hochhaus
krachen.
Daß Krieg Männersache ist, nehmen viele Künstlerinnen als
roten Faden. Die deutsche Elke Baulig zeigt, wie fehl am Platz Frauen
wirken, wenn sie militärische Lagebesprechungen abhalten. Sophie
Ristelhuber hat photographiert, was ein Soldatenkorps zurückließ, das eine
Wüstenstellung aufgab.
Über 100 Künstler aus aller Welt, schwerpunktmäßig von
deutschen Galerien vertretene, haben ein Patchwork aus Kriegsbildern
hinterlassen. Es als Anklage gegen den Krieg zu interpretieren wäre so
falsch wie der pauschale Verdacht, daß sich Kunst in den Schützengräben
und vor den Massengräbern Bedeutung erschleicht. Die Schau wirft ihre
Grundfrage auf den Betrachter zurück: Welches Werk kitzelt aus dem Halb-
und Unbewussten die Lust loszumarschieren, zuzuschlagen? Für den wirklich
modernen Druck-aufs-Knöpfchen-Krieg findet sich kaum eine Kunst-Bild.
Männer in Kampfanzügen sind internationale Ikonen. Die strenge
Rationalität des Militärbetriebs führt dazu, daß Freund und Feind einander
in ihrer Camouflage immer ähnlicher schauen.
Bis 26. März. Di. bis So. 10 bis 18 Uhr, Do. bis 20 Uhr.
Der Katalog erschien im Hatje Cantz Verlag.
© Die Presse |
Wien