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10.01.2003 - Ausstellung
Der Krieg der großen Wörter an einer uralten Front
M[*]ARS: Der Krieg in der bildenden Kunst heute und weltweit. Graz 2003 beginnt mit einer Großausstellung in der Neuen Galerie. Sie ist aktueller als geplant.
VON HANS HAIDER


Im Hof des Barockpalasts an der Grazer Sackstraße eine temporäre Skulptur der Amerikanerin Nancy Rubins: Flugzeugschrott wie aus dem Air-Force-Friedhof bei Tucson, Arizona, geholt und zusammengeschweißt. Im Stiegenhaus höhnt der Holländer Marc Mijl mit dem Spayer-Spruch "I'm too sad to kill You". Über Bildschirme flimmern Szenen mit Gewalt in Uniform und ohne - etwa Paul McCarthy und Mike Kelley nackt im Badeschaumgefecht, oder Bruce Naumann mit einem Video, in dem sich gesitteter amerikanischer Mittelstand wehtut.

Auch Musterspiele, mit denen Kids an den Bildschirmen das Schießen und Töten einüben, sind anstartbar, abrufbar. Die große Kinoindustrie mit ihren Kriegsbildern, Kriegshelden, Rambos und Terminators aber fehlt. Der Belgier Johan Gimonprez hat Dokumentar-Videos über Highjacker seit den siebziger Jahren zu einem starken Film zusammenmontiert.

Vietnam, der Vordere Orient, der Balkan, Grosny, aber auch der Krieg, den die RAF in die deutschen Städte und den Terrorkommandos in die zivile Luftfahrt getragen haben, erfreuen sich künstlerischer Begleitung. Oder wenigstens der Kamera photographischer Spezialisten, die den grausigsten Augenblick mit Dauer adeln.

Die elektrischen und chemischen Abtötungs-Aggregate der amerikanischen Justiz hat Lucinda Devlin ohne Delinquenten und Henker photographiert, Todeszellen, Gaskammern in der unheimlichen Ruhe von schlichtem Alltagsdesign. Paolo Pietrangeli dokumentierte dagegen die lauten Straßenschlachten der Globalisierungsgegner 2001 in Genua, Anja Niedringshaus den Jubel beim Einmarsch der Nato-Truppen in Pristina 1999.

Der Kultursoziologe Paul Virilio entwickelt aus Photoserien mit Betonklötzen eine ganze Kriegsbunker-Ideologie. In seinem Katalogbeitrag geht er auf den berühmten Sager von Karlheinz Stockhausen ein, der Nine-Eleven als "größtes Kunstwerk, das es je gegeben hat" deutete. Er stellt den Satz in die Linie, die von Expressionisten (auch der frühe Ernst Jünger gehört dazu) und Surrealisten (wie André Breton) vorgezeichnet wurde und geradewegs zum Terrorismus von heute führt. Virilio: "Ob man will oder nicht: Die Kunst ist ab sofort ein Teil der Terrorszene. Ohne diese tragische Feststellung versteht man den Exzess einer sogenannten ,Freiheit des Ausdrucks' nicht, der nichts anderes ist als die Freiheit zum Attentat nicht nur auf die Sittlichkeit, sondern auch auf den Wert; auf alle ethischen oder ästhetischen Werte, die bis jetzt Sinn machten, auf die Kunst-szene." Virilio zitiert zuletzt Broch: "Eine Welt, die sich selbst in die Luft jagt, kann man nicht mehr porträtieren".

Ist der Terror die Fortsetzung der Kunst mit anderen Mitteln? Oder die Kunst die Fortsetzung des Terrors? In diesem nicht ganz ernst zu nehmenden Krieg der großen Wörter kämpfen die Ausstellungsmacher noch an uralter Front. "M[*]ARS", das M getrennt von Ars: Der Titel reitet eine typographische Attacke, auch gegen Freud. Ars, das haben Peter Weibel und sein Mitkurator Günther Holler-Schuster herausgefunden, ist im Namen des Kriegsgottes enthalten. So heißt lateinisch die Kunst. Der Analyse-Papst meinte in den dreißiger Jahren, daß kulturelle Übung jene Kräfte binden kann, die sich sonst in Kriegen entladen. Die Geschichte weiß anderes, etwa über das Volk Goethes. Und seit dem 11. 9. 2001 wächst die Angst, daß die prägendsten Komponenten aller Kulturen, die Religionen, die Menschheit im Heiligen Dauerkrieg schütteln.

Mars und Ars, Gewalt und Kunst: Die beiden tun es miteinander mal keuscher, mal unverschämter. US-Photograph James Nachtway brachte Ansichten von klassizistischer Ebenmäßigkeit aus dem bombardierten Afghanistan heim; die Amerikanerin Sue Coe und die Kubanerin Ana Mendieta ästhetisieren Gewaltphantasien bis an die Grenzen der im Internet auffindbaren Snuff-Videos. Von Jenny Holzer sind brutale Tatoo-Sprüche abphotographiert.

Das große Thema Krieg und Gewalt schreckte sogar Stubenhocker auf: Der Tiroler Max Peintner suchte in einer Serie von Farbkreidezeichnungen "Das Bild, das fehlt": Etwa, wie die Nase eines Großflugzeugs vor meinem Bürofenster ausschaut. Peter Weibel blickte nicht rasch zurück, sondern lange voraus: Schon 1984 versetzte er in einer Photocollage die World-Trade-Center-Türmei in ein labiles Gleichgewicht; ließ ein (Modell-)Auto durch die Leinwand in ein gemaltes Hochhaus krachen.

Daß Krieg Männersache ist, nehmen viele Künstlerinnen als roten Faden. Die deutsche Elke Baulig zeigt, wie fehl am Platz Frauen wirken, wenn sie militärische Lagebesprechungen abhalten. Sophie Ristelhuber hat photographiert, was ein Soldatenkorps zurückließ, das eine Wüstenstellung aufgab.

Über 100 Künstler aus aller Welt, schwerpunktmäßig von deutschen Galerien vertretene, haben ein Patchwork aus Kriegsbildern hinterlassen. Es als Anklage gegen den Krieg zu interpretieren wäre so falsch wie der pauschale Verdacht, daß sich Kunst in den Schützengräben und vor den Massengräbern Bedeutung erschleicht. Die Schau wirft ihre Grundfrage auf den Betrachter zurück: Welches Werk kitzelt aus dem Halb- und Unbewussten die Lust loszumarschieren, zuzuschlagen? Für den wirklich modernen Druck-aufs-Knöpfchen-Krieg findet sich kaum eine Kunst-Bild. Männer in Kampfanzügen sind internationale Ikonen. Die strenge Rationalität des Militärbetriebs führt dazu, daß Freund und Feind einander in ihrer Camouflage immer ähnlicher schauen.

Bis 26. März. Di. bis So. 10 bis 18 Uhr, Do. bis 20 Uhr. Der Katalog erschien im Hatje Cantz Verlag.



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