DER ONLINE DIENST DER TIROLER TAGESZEITUNG
http://www.tirol.com/
Die Objekt-Inszenierungen des Daniel Spoerri im Kunsthaus Wien

Retrospektive mit rund 150 Exponaten von 1960 bis 2001 - 20. Februar bis 1. Juni.

Wien (APA) - Dem Universalkünstler Daniel Spoerri (72) widmet das Kunsthaus Wien ab morgen, Donnerstag, bis 1. Juni eine umfangreiche Retrospektive. Unter dem Untertitel "Der Zufall als Meister" sind rund 150 Exponate aus der Zeit von 1960 bis 2001 zu sehen. Spoerri selbst, der Erfinder der "Fallenbilder" und Begründer der "Eat-Art", bezeichnete sich bei der Pressekonferenz am Mittwoch als "metteur en scène d'objets", also als Regisseur von Objekten. Für Wieland Schmied, Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste München, der die Ausstellung heute Abend eröffnen wird, sind Spoerris Collagen und Assemblagen ein wesentlicher Beitrag zur Kunst des 20. Jahrhunderts.

Spoerri habe die Technik der Collage, die verschiedene Perspektiven der Realität zusammenbringe, "mit sich selbst multipliziert" und immer weiter entwickelt, so Schmied. Die "Fallenbilder", die 1960 zu Spoerris Markenzeichen wurden, sind fixierte Momentaufnahmen von Situationen bzw. Arrangements von Gegenständen. Etwa die Reste eines Frühstücks, fixiert auf dem Tisch, der in die Vertikale zu einem - im doppelten Wortsinn - Tafelbild aufgeklappt wird. Eine Sondergruppe dieser Arbeiten, die "versuchen die Zeit anzuhalten" (Schmied), sind die von Spoerri als eine Art "Porträt" verstandenen "Künstlerpaletten". Aus den Fallenbildern entstanden dann die "Eat-Art" genannten Koch- und Essens-Happenings, die sich u.a. 1968 in einem eigenen Restaurant des Künstlers manifestierten.

In anderen Arbeiten kombiniert Spoerri banale Alltagsgegenstände mit exotischen und künstlerischen Fundstücken, die dazu in oft ironischem bis makabrem Kontrast stehen. So bilden mehrere Werkserien, u.a. über "Hautkrankheiten", ein "Anatomisches Kabinett", in dem medizinische Traktate mit kitschigen, reliquienhaften Requisiten überhöht werden. Bei seinen "Morduntersuchungen" verwendet er kriminalistisches Anschauungsmaterial für Polizisten. Für seine surreaIen "Hintergrundlandschaften" bearbeitet er mittelmäßige Flohmarkt-Landschaftsbilder.

Evolutionsgeschichtliche Prozesse scheinen Spoerris Fantasie besonders anzuregen. So basiert die Werkgruppe "Karneval der Tiere" auf Charles Le Bruns physiognomischen Zeichnungen aus dem 17. Jahrhundert, die Vergleiche zwischen Mensch und Tier anstellen. Dabei integriert Spoerri in seine Arbeiten spektakuläre Objekte wie etwa Elefantenschädel, ausgestopfte Tiere oder rituelle Gegenstände aus Afrika oder dem Tibet.

Spoerri ist ein Wandernder zwischen den Kulturen und ein Geschichtenerzähler in den verschiedensten Medien. Geboren am 27. März 1930 in Rumänien, flüchtete er nach der Ermordung seines jüdischen Vaters 1942 mit seiner Mutter und den fünf Geschwistern in die Schweiz, wo er ursprünglich als Balletttänzer ausgebildet wurde. Aber er war auch Dichter, Verleger, Regisseur, Bildhauer, und Filmemacher. "Fragen aufwerfen und zum Denken anregen" will er mit seinen Arbeiten, sagt Spoerri. Für die Unmenge an Fundstücken, die in seinem Lager ihrer Verwertung durch Spoerris unerschöpfliche Fantasie harrten, hat er erst unlängst eine Lösung gefunden: den 100 Meter langen Fries "Die genetische Kette des Zufalls".

Arbeiten von Daniel Spoerri sind ab morgen bis 22. März außerdem in der Wiener Galerie Ernst Hilger zu sehen.

2003-02-19 14:46:16