Geschichte der realistischen Fotografie

Die Ausstellung "cruel + tender" in der Tate Modern versammelt Arbeiten der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart.


Die Ausstellung "cruel + tender" beginnt mit zwei Ikonen der Fotografie: August Sander und Walker Evans.

Sie nimmt ihren Anfang bei August Sander, der zwischen 1925 und 1927 sein großangelegtes Projekt "Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts" entwickelte. Bis zu seinem Tod 1964 arbeitete der deutsche Fotograf an dieser Typologie von Gesichtern.

Typen

August Sander: Cretin, 1924 / ©Bild: SK Stiftung Kultur
August Sander: Cretin, 1924 / ©Bild: SK Stiftung Kultur
Zahlreiche Einzelporträts, geordnet nach beruflichen, sozialen und familiären Gesichtspunkten, sollten die verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche abbilden und damit zum zeithistorischen Monument werden. Sieben Gruppen wie, "der Bauer", "der Handwerker", "die Frau", "die Stände", "die Künstler", "die Großstadt" und "die letzten Menschen", die sich mit sozialer Ausgrenzung, Krankheit und Tod beschäftigten, legte er an.

Jüngste Anleihen

August Sander:The Fighter or Revolutionary, 1912 / ©Bild: SK Stiftung Kultur
August Sander:The Fighter or Revolutionary, 1912 / ©Bild: SK Stiftung Kultur
Entstanden sind eindrucksvolle Porträts, die gesichertes Leben und Elend der Weimarer Republik in Schwarz-Weiß fixieren. Sander war mit dieser Archäologie von Gesichtern vorbildgebend für ganze Fotografen-
Generationen, so auch für die junge indonesisch-stämmige Niederländerin Fiona Tan, die bei der "documenta" im Vorjahr eine typologische Analyse von "West- und Ostdeutschen" anhand von 200 Fimstills dokumentierte.

Walker Evans

Walker Evans: Coal Miner's House, 1935 (Zum Vergrößern anklicken) / ©Bild: The Metropolitan Museum of Art
Walker Evans: Coal Miner's House, 1935 (Zum Vergrößern anklicken) / ©Bild: The Metropolitan Museum of Art
Zweiter Ausgangspunkt der Tate-Modern-
Ausstellung ist das Werk des amerikanischen Fotografen Walker Evans. Evans, der sich nie als Künstler bezeichnete, schuf ein vielschichtiges Werk, das immer wieder das Leben auf der Straße mit einem dokumentarischen Blick einfing.

1903 in St Louis geboren, begann er in den 20er Jahren zu fotografieren. Für die "Farm Security Administration" fing er das Landleben in den 30er Jahren mit einer lapidaren Bildsprache ein. 1933 entstand die selten gezeigte Serie "Havanna", die das Straßenleben in der amerikanisch kontrollierten Insel zeigte.

Walker Evans: Subway Portrait  1941 / ©Bild: The Metropolitan Museum of Art
Walker Evans: Subway Portrait 1941 / ©Bild: The Metropolitan Museum of Art

Evans' Nachfolger

Evans war vorbildgebend für eine junge Künstlergeneration, die neben Fotografen wie Robert Frank oder Lee Friedländer auch bildende Künstler wie Andy Warhol inspirierte. Letzterer titelte eine Fotoserie mit "Let us now praise famous men", nach jener berühmten Serie von Walker Evans.

Die Ausstellung in der Tate Modern ist nicht chronologisch geordnet, sondern zeigt Arbeiten jüngerer Kollegen wie William Egglestone, Boris Mikhailov und Rineke Dijkstra. Allen gemeinsam ist ein lapidarer Blick, der nicht auf das Offensichtliche gerichtet ist, sondern das leicht zu Übersehende, das Beiläufige exakt mit der Linse auffängt.

Martin Parr: Common Sense 1995-1999 / ©Bild: 2003 Martin Parr/ Magnum Photos
Martin Parr: Common Sense 1995-1999 / ©Bild: 2003 Martin Parr/ Magnum Photos

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