
Ars Electronica: "Gruppenfoto" von Linz und Umsetzung von Second Life.

Festival thematisiert schwindende Privatsphäre.
Wien/Linz.
Privatheit und Öffentlichkeit, Überwachung und mediale
Selbstdarstellung: Mit diesem Spannungsfeld setzt sich die Ars
Electronica 2007 auseinander. Das Linzer Festival für Kunst,
Technologie und Gesellschaft hat ab 5. September einige spektakuläre
Programmpunkte am Plan, gaben die Organisatoren Gerfried Stocker und
Christine Schöpf am Donnerstag bekannt – etwa die Verwandlung der
Marienstraße in eine "Second City" und ein riesiges "Gruppenfoto" von
oben.
Man könne "mit Fug und Recht behaupten",
dass man es zeitlich noch nie so gut getroffen habe mit einem Thema wie
heuer, verwies Schöpf auf das Motto "Goodbye Privacy". Die
Verabschiedung der Privatsphäre funktioniere derzeit über zwei Pole:
die freiwillige Aufgabe der Privatheit (vorwiegend über
Internetplattformen) – sowie durch Mittel, derer man sich nicht bewusst
ist (Überwachungskameras und ähnliches). Mit dieser Problematik geht
die Linzer Ars Electronica gemeinsam mit der Richtervereinigung und
Netzspezialisten "in offene Klausur".
Die Richter-Konferenz unter dem Thema "Grundrechte in der digitalen
Welt" zieht sich durch das gesamte Festival, begleitet wird der
Schwerpunkt von einem "Privacy"-Symposium, das den heutigen Stellenwert
des Privaten hinterfragt, sowie mehreren Sonderkonferenzen und
Künstlergesprächen.
Überflug beginnt am Parkdeck
Als "Featured Artist" präsentiert die Ars Electronica den
slowenischen Medien-, Performance- und Musikkünstler Marko Peljhan, der
für eine große Installation im Lentos Museum und eine sphärische
Performance auf einem Parkdeck sorgen wird. Dieses Parkdeck kann auch
als Ausgangspunkt eines vierstündigen Überflugs von Linz betrachtet
werden, während dem die Linzer dazu aufgerufen sind, flache Designs in
die Stadt zu zaubern, die von oben sichtbar sind. Dieses "Gruppenfoto"
per Flugzeug wird vom ORF live übertragen und soll sowohl die "Stadt
als Labor" im Vorfeld von Linz als Kulturhauptstadt 2009 präsentieren
als auch Bewusstsein für den immer blasser werdenden Schutz der
Privatsphäre schaffen. Schließlich werden die Beobachteten selber zu
Beobachtenden, die noch dazu das Beobachtete verändern können.
Realumsetzung von Second Life
Ebenfalls sehr spielerisch wirkt das zweite Großprojekt, die "Second
City". Der Pfarrplatz in Linz und die Marienstraße werden für die Woche
bis 11. September in eine Realumsetzung von Second Life verwandelt. Das
betrifft Restaurants und Shops, vom Friseur bis zum Lifestyle-Berater,
vom Pressebüro bis zum Radiostudio wird die virtuelle Lebenswelt in die
Realität transportiert – und die Umsetzung des digitalen
Paralleluniversums soll um einiges fantasievoller vonstatten gehen, als
das im "echten" Second Life passiert. Die "Insel" mitten in Linz gilt
quasi als Ausgangszentrum des gesamten Festivals. Dazu geht der Prix
Ars Electronica in sein 21. Jahr, und das seit drei Jahren existierende
Animationsfilmfestival wurde heuer um die Standorte Wien und Kiew
erweitert, wo das Programm von heuer zeitgleich präsentiert wird.
Auffällig ist bei den Computeranimationen der "Trend hin zum
Kurzfilm", meinte Christine Schöpf. Etwa beim Gewinner der Goldenen
Nica, "Codehunters" von Ben Hibon (CH/GB).
Dazu gibt es unter anderem eine Ausstellung im Landesmuseum, am 8.
September die Linzer Klangwolke, im Lentos ein Konzert des
Bruckner-Orchesters von Luigi Nono bis zu Frank Zappa mit
anschließendem Auftritt Didi Bruckmayrs.
Ars Electronica 2007 unter dem Motto "Goodbye Privacy", 5. bis 11.
September, Linz; nähere Informationen unter Tel. 0732 / 72 72 - 0 und
im Internet unter http://www.aec.at/de/festival2007
Donnerstag, 23. August 2007