Fotos einer Papierwelt
Un-Wirklich. Thomas Demand ist einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart. Ausstellungen in Berlin und Wien zeigen das.
Berlin, Wien (SN-bef, dpa). Die Forschung nach Momenten, die womöglich wert sind, festgehalten zu werden, weil sie eine Art zeitlosen Klang besitzen, treibt Thomas Demand. Der Fotokünstler, geboren 1964 in München, geht dafür seit Jahren ebenso aufregende wie aufwendige Wege. Er recherchiert die Geschichten hinter alltäglichen Bildern.
Im Idealfall haben seine Bilder mit Ereignissen zu tun, die vielen Menschen bekannt sind, denen eine kollektive Welterfahrung zugrunde liegt. Demand stellt Szenen nach, indem er sie – meist in Originalgröße – aus Papier nachbaut. Dann werden die Modelle fotografiert und wieder zerstört. Als Demands Kunst bleibt das Abbild des Abbilds der Wirklichkeit.
Da sieht man dann etwa auf einem Bild in der Neuen Nationalgalerie Berlin das Studio der Ratesendung „Was bin ich?“. Zu seinen berühmtesten Bildern gehören die Badewanne, in der einst ein toter deutscher Politiker lag, oder eines der Wolfsschanze, dem Schauplatz des Attentats auf Hitler 1944.
Was bestimmt unser Gedächtnis? Wie sind wir von Medienbildern geprägt? Wo liegen Grenzen der Fotografie? Diese Fragen drängen sich auf, wenn man Thomas Demands Arbeiten sieht.
In Berlin, wo Demand lebt und arbeitet, ist seit Ende der Vorwoche die größte Ausstellung zu besuchen, die er je in Deutschland hatte. Sie trägt den simplen Titel „Nationalgalerie“ (wo die Schau auch stattfindet). Im Wiener Museum moderner Kunst (Mumok) werden ab Freitag die beiden Werke „Embassy“ und „Presidency“ zu sehen sein.
Es gehe ihm um „jenen Punkt in der vergehenden Zeit, an dem sich Signifikantes ereignet und nur durch die Fotografie festgehalten werden kann“, sagte Demand im Vorjahr in einem Vortag in Salzburg. Nachzuvollziehen ist das etwa in der Arbeit „Embassy“. Dabei geht es um einen mysteriösen Vorfall, bei dem 2001 in der Botschaft von Niger in Rom unbeschriebenes Briefpapier und Stempel entwendet wurden – angeblich. Es tauchten gefälschte Botschaftspapiere auf, denen zufolge dem Irak Uranstaub angeboten wurde. Aus diesen längst als Fälschung enttarnten Papieren bastelte die CIA an einem Angriffsgrund auf Bagdad, da diese als Beweise für einen angeblichen Uranschmuggel in den Irak dienten. Für Demand trat bei seinen Recherchen Erstaunliches ein: „Die Simulation von Vorgängen wird so lang hin- und hergereicht, bis sie reale Auswirkungen hat.“ Was hängt in diesem Fall dann im Museum? Ein detailgetreues Bild der Botschaft. „Meine Arbeit ist Fake, die auf einem Fake basiert“, sagt Demand.Thomas Demand: „Embassy“ und „Presidency“, Mumok (26. 9. bis 29. 11.); Berlin: „Nationalgalerie“, Neue Nationalgalerie (bis 17. Jänner).




















