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Kunstberichte

Galerien

Gibt’s die Kunst wirklich?

Aufzählung (cai) Das wollte ich schon immer einmal loswerden (weil es genauso genial ist wie "Der Ball ist rund"): "Die Kuh ist dreidimensional." Wäre sie zwei dimensional, hätte man sie ja mit dem Traktor überfahren. Fünfmal hintereinander. (Mindestens.) Henk Peeters hat trotzdem, obwohl die Kuh also dreidimensional ist, die frappante Ähnlichkeit zwischen einem Rindviech und einem Tafelbild erkannt. Äh, weil die Bertha, sobald man sie niederwalzt, flach ist wie die Mona Lisa? Nein. Weil man ihr pittoreskes Fell aufspannen kann wie eine Leinwand. Tja, so stell’ ich mir das Paradies für Kunstkritikerinnen vor (wie die Ausstellung beim Kargl): pure Kunst, die sich von selbst erklärt.

Natürlich darf man dennoch rätseln. Etwa darüber, wie der Roman Opalka, der sich selber fotografiert, es hinkriegt, seit 1965 jeden Tag exakt dasselbe Gesicht zu machen. (Okay, Ramses II. schafft das seit 3223 Jahren.) Oder warum Bilder, auf denen bloß eine einzige Farbe drauf ist, nicht fad sind. Und wenn On Kawara 1971 einem Kurator 20 Telegramme mit der Botschaft "I am still alive" schickt? Ist das dasselbe, wie wenn ein vernachlässigter Künstler seinen Galeristen mit der SMS "He, mich gibt’s auch noch!" terrorisiert? Mit der Schau "Time, Space, Existence" stellen Fiona Liewehr, Karlyn De Jongh und Sarah Gold ihr Projekt "Personal Structures" vor, wo sie Parallelen im Werk diverser Kunstschaffender finden. Time und Space, das ist klar. Nicht einmal die Kunst entkommt dem Raum-Zeit-Kontinuum. Doch woher weiß ich, dass die Kunst tatsächlich existiert und ich sie mir nicht nur einbilde? Hm. Das find’ ich wohl erst raus, wenn ich mit meinem Aktionsnudelwalker "Kunstpanik" in eine Galerie marschiere und dort randaliere. Und wenn ich nachher Schulden habe, die ich nicht mehr mit Bis-zur-Sehnenscheidenentzündung-Leinwände-Grundieren abarbeiten kann, existiert die Kunst wirklich.

Georg Kargl Fine Arts
Schleifmühlgasse 5, 1040 Wien
Personal Structures, bis 19. Juni
Di. – Fr.: 11 – 19 Uhr, Sa.: 11 – 15 Uhr

Eile mit Langeweile

Aufzählung (cai) Wer schnell vorankommen will, fährt mit der U-Bahn, nicht mit dem Riesenrad (das sich in Wien ja besonders lahm dreht – zumindest für Ungeduldige, die ihren Zen-Garten immer in fünf Minuten rechen). In einer Riesenradgondel kann man die Langsamkeit sicher auch entdecken. Oder man sucht sie im Kro Art Contemporary. Ina Loitzls gestickte Familienbilder sind freilich bloß vorn gemütlich. Auf der spannenderen Rückseite ist der Faden hysterisch. Und eine Ameise ist zwar das Maskottchen der Hektik (nur eine tote Ameise ist eine faule Ameise), aber Astrid Kitzler hat ein sehr beschauliches Exemplar aus Papierfabriziert. Und wer die auf den Boden gedruckte Ameisenstraße abschreitet, meditiert mit den Füßen.

Kro Art Contemporary
Getreidemarkt 15, 1060 Wien
Die Entdeckung der Langsamkeit, bis 18. Juni
Di. – Fr.: 14 – 19 Uhr

Die Wiege der Reben

Aufzählung (cai) Weinberge sind eben wie Fußballfelder. Oder kommt das nur einer Abstinenzlerin so vor, dass sie im Kamptal nicht wesentlich anders aussehen als in Südafrika? Susanne Jakszus und Martin Scholz-Jakszus verehren die Traube wie andere die Wuchtel. Beobachten die Reben beharrlich. Verfolgen sie überall hin. Nach Nussdorf, Frankreich, Armenien. Notieren dabei gewissenhaft Längen- und Breitengrad, Rebsorte, Bodenbeschaffenheit. Dass die ästhetischen Schwarzweißfotos sich nicht eindeutig zwischen Dokumentation und Religion, Nüchternheit und "Schwips" entscheiden wollen, macht sie zusätzlich reizvoll.

Galerie Hartmann
Gredlerstraße 2, 1020 Wien
Riuti, bis 19. Juni
Di. – Fr.: 14 – 18 Uhr, Sa.: 10 – 15 Uhr

Printausgabe vom Mittwoch, 09. Juni 2010
Online seit: Dienstag, 08. Juni 2010 16:01:00

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