Fälschung rehabilitiert

Vermeer benutzte eine "camera obscura", um der Realität noch ein Stückchen näher zu kommen.


Mehr Sicherheitsleute, mehr Postkarten und sogar mehr Toilettenpapier hat die National Gallery in London bestellt, um für den erwarteten Ansturm auf die bisher größte britische Vermeer-Ausstellung gerüstet zu sein. Vermeer und die Delfter Schule vereint vom 20. Juni bis zum 16. September 75 Bilder von 28 Malern aus der holländischen Provinzstadt Delft um etwa 1660.

"The Milkmaid", 1657-8 (Zum Vergrößern anklicken) / ©Bild: Rijksmuseum

Doch das Interesse der Besucher gilt fast ausschließlich den 13 meist kleinformatigen Bildern des Johannes Vermeer (1632-1675), darunter der Allegorie Die Kunst des Malens aus Wien, dem Milchmädchen aus Amsterdam und der Kupplerin aus der Gemäldegalerie Dresden.

Das 36. Bild

Die 13 Bilder umfassen ein Drittel von Vermeers Gesamtwerk, das gerade einmal 35 Werke zählt. Ein umstrittenes 36. Bild (Junge Frau am Spinett) aus dem Besitz eines belgischen Kunsthändlers ist in London erstmals öffentlich zu sehen. Die National Gallery zeigt es neben zwei ähnlichen Bildern, die unbestritten von Vermeers Hand sind. Das belgische Bild soll demnächst versteigert werden und wäre - falls es echt ist - seit Jahrzehnten der erste Vermeer auf dem Kunstmarkt.

Lange galt es als ein Produkt des berüchtigten Fälschers Hans van Meegeren, der in den 30er Jahren die größten Vermeer-Experten seiner Zeit täuschte. NS-Reichsmarschall Hermann Göring tauschte während des Krieges 200 geraubte Bilder gegen den einen vermeintlichen Vermeer "Christus und die Ehebrecherin", der sich nachher als Fälschung von Van Meegeren entpuppte. Neue Untersuchungen der "Frau am Spinett" haben jedoch ergeben, dass der Großteil der Farbe tatsächlich aus dem 17. Jahrhundert stammt.

Vermeers Kamera

Bewundert wurde Vermeer über Jahrhunderte wegen seiner perspektivisch strengen Bildkomposition. Der Meister dürfte sich dabei eines Hilfsmittels bedient haben. Vermeer (1632-1675) hat die fotografischen Effekte auf seinen Gemälden vermutlich mit einer "Camera obscura" erzielt, einem Vorläufer der Kamera.

"A Mother and Child with its Head in her Lap", 1658-60 (Zum Vergrößern anklicken) / ©Bild: Rijksmuseum

Der britische Kunsthistoriker Philip Steadman vom University College in London hat jahrelang zu diesem Thema geforscht. Nach seinen Erkenntnissen benutzte Vermeer eine besondere Linse für seine Camera obscura. Eine solche Lochkamera besteht aus einem kleinen Kasten mit transparenter Rückwand, auf der durch ein kleines Loch an der Vorderseite ein auf dem Kopf stehendes, seitenverkehrtes Bild erzeugt wird.

Starke Tiefenwirkung

Schon den ersten Fotografen im 19. Jahrhundert war aufgefallen, dass ihre Aufnahmen große Ähnlichkeit mit Vermeers Bildern hatten. Der Soldat und das lachende Mädchen etwa sehe aus "wie ein Schnappschuss, der von einer modernen Kamera eingefangen wurde", sagte Steadman. Die Perspektive mit der starken Tiefenwirkung sei äußerst ungewöhnlich für Vermeers Zeit. Geometrische Analysen der Gemälde geben nach den Worten des Forschers exakt Aufschluss darüber, wo im Raum Vermeer seine Lochkamera aufgestellt hatte.

Die Brillanz der Bilder werde dadurch aber nicht geschmälert, so Steadman. "Das mag jetzt wie eine Form von Fälschung aussehen." Doch so sei es keineswegs. Vermeer habe nur die Umrisse der Lochkamera-Reflexion abgezeichnet; alles andere gehe auf sein Maler-Genie zurück.

Bilder für Brot

Vermeer nutzte seine heute unschätzbaren Bilder unter anderem dafür, um seine Schulden beim Bäcker zu bezahlen. Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen Rembrandt und Rubens ist kaum etwas über die "Sphinx von Delft" bekannt, außer dass der Maler sein Dasein in beengten Verhältnissen mit seinen vielen Kindern und einer tyrannischen Schwiegermutter fristen musste.

Vermeers Gemälde erzielten zu Lebzeiten durchaus hohe Preise, doch der Perfektionist arbeitete so akribisch, dass er vermutlich nur zwei bis drei im Jahr fertig stellte, und davon konnte er nicht leben. Als der holländische Kunstmarkt 1672 wegen eines Krieges mit Frankreich zusammenbrach, ging Vermeer bankrott.

"The Glas of Wine", 1658-59 / ©Bild: Staatliche Museen Berlin

Für die Londoner Schau sind bereits alle 270.000 Karten verkauft worden. Die Karten wurden 30 Mal schneller vorbestellt als bei allen früheren Ausstellungen.

Link:

Philip Steadmans Theorie: Vermeer's Camera

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