


In diesem Jahr kommt es zu einer interessanten Konstellation, weil auch die nur alle zehn Jahre stattfindenden Skulptur Projekte in Münster ihre Türen öffnen werden. Da zudem die Kunst-Biennale in Venedig immer in die ungeraden Jahre fällt, hat der Betrieb den ganzen Sommer über gut zu tun. Schon haben sich spezielle Reisebüros etabliert, die für die "Grand Tour" die entsprechenden Reservierungen vornehmen: Hotels, Restaurants, Partys, auch das gehört zum Betrieb. Seit Wochen schon sind aus Kassel täglich neue Nachrichten zu hören. So wird die documenta 12 auch zwei agrikulturelle Projekte zeigen, die der allgemeinen Erntestimmung im Kunstfeld zwei richtige Felder entgegenstellen werden: Sanja Ivekovic baut Mohn an, Sakarin Krue-On aus Thailand hat Reis ausgepflanzt. Blüte und Ernte werden die documenta im Kreislauf der Natur verankern, zugleich werden die alten Kulturpflanzen diesem Begriff in einer ganz neuen Weise gerecht. Das Mohn- und das Reisfeld mögen auch daran erinnern, dass die erste documenta in Westdeutschland nach dem Krieg am Rande einer Bundesgartenschau stattfand, und sie passen sicher auch gut zu der Landschaftsarchitektur, die in Kassel aus dem Deutschland der Duodezfürstentümer übrig geblieben ist.
Gleichzeitig erzählen diese beiden Kunstwerke aber auch eine Menge über den Betrieb selbst, über die Kunst als solche, die gerade ihrer ungeheuren Vielfalt und unüberblickbaren Produktivität wegen im vergangenen Jahrzehnt zu einem für die modernen Gesellschaften ganz charakteristischen System geworden ist: Nirgendwo sonst treffen einander so unterschiedliche Interessen auf so glamouröse Weise, nirgendwo sonst werden Widersprüche zwischen kritischer Theorie und kommerzieller Praxis, symbolischem Kapital und neuer Wissensgesellschaft so deutlich. Die Kunst ist schwierig abzugrenzen - das wird schon an dem Reis- und dem Mohnfeld bei der documenta sichtbar, die weit mehr sind als nur Pflanzstätten. Zugleich aber bildet die Kunst doch ein ganz autonomes System, mit eigenen Gesetzen und einer eigenen Ökonomie. Dieses System erlebt gerade einen Boom, weil sowohl private Sammler als auch öffentliche Institutionen so viel Geld wie seit der Renaissance nicht mehr in Kunst investieren. Sammler und Museen haben dabei ähnliche Interessen - sie wollen sich positionieren auf einem Markt, auf dem mit Aufmerksamkeit ebenso gehandelt wird wie mit Spekulationspotenzial. Es gibt kaum Sammler, die nur für das eigene Wohnzimmer (oder das Depot) sammeln. Meistens suchen sie irgendwann die Öffentlichkeit, um den Wert des Erworbenen zu bestätigen oder zu steigern und um die Besitztümer vielleicht für jene Museen attraktiv zu machen, die durch einen Ankauf einem Werk nahezu einen Ewigkeitswert zusprechen können.
Dabei können die Gegenstände der Attraktion so unterschiedlich sein, wie Format und Medium, Kontext und Idee nur zulassen: winzige Videoarbeiten und gigantische Installationen, ortsspezifische und temporäre Arbeiten und Monumente für Jahrhunderte, gefundenes Zeug und immaterielle Erfindungen sind gleichermaßen potenziell Kunst. Für das einzelne Werk gilt nur eine Grundbedingung: Es muss sich von anderen Werken (und von der Welt) unterscheiden. Es muss etwas Besonderes sein, wobei das Besondere darin liegen kann, dass es nichts Besonderes (sondern ein Reisfeld) ist. Die Kunst "schafft Formen, die es anderenfalls nicht geben würde", wie der Soziologe Niklas Luhmann schreibt. Da es sie nun aber gibt, stellt sie der Welt ein Zeugnis aus.
Das einzelne Werk ist die Bedingung für alles: für die Karriere der Künstler, für das Prestige der Museen, für den Standortvorteil der Städte, die für ihre Museen die besten Architekten verpflichten, für die Kritiker und Kuratoren und Interpreten, ohne die der ganze Wust der künstlerischen Kreativität ein vollends unübersichtliches Chaos wäre. Zum Kunstbetrieb gibt es prinzipiell keine Zugangsbeschränkung: Sprache oder Technologie spielen keine Rolle, alles lässt sich durch eine gute Idee kompensieren. Weil das so ist, ist die Kunst in den vergangenen Jahren zum einzigen Universaldiskurs geworden, den die globalisierte Menschheit neben dem Kapitalismus hat.
Die documenta bekräftigt dies mit ihren Themensetzungen: Sie will vom "bloßen Leben" und von der "Bildung" handeln, dabei aber nicht über Klassenschülerhöchstzahlen und Ausländerquoten sprechen. Wenn die Kunst von "Bildung" spricht, dann geht es vielfach auch um ein Wissen, das weit über die Schulbildung hinausgeht. Unschwer ist hinter den Themensetzungen der documenta ein Menschenbild mit stark utopischer Note erkennbar. Dieser neue Mensch, von dem die Künstler eine Ahnung vermitteln, entzieht sich den Verwertungsinteressen, mit denen die Menschen heute überall konfrontiert sind.
Ironischerweise sind es gerade die großen Ausstellungen, zu denen Hunderttausende pilgern, die in den vergangenen Jahren geradezu zu kritischen Messen geworden sind. Nirgends wurde die Globalisierung umfassender untersucht und eingehender hinterfragt - jede noch so unscheinbare Arbeit aus Afrika konnte zu einem Indiz in einer Recherche werden, in der sich die weltweiten Zusammenhänge von Migrationsströmen, Lohnniveaus und Bildungsstandards anschaulich verdichteten. Die Kunst wurde zu einer Art Kulturwissenschaft, wobei es nicht an Stimmen fehlte, die das als Irrweg bezeichneten.
Wenn nicht alles täuscht, schlägt das Pendel derzeit zurück: Ästhetische Autonomie lässt sich gerade dort behaupten, wo die Welthaltigkeit der Kunst nicht in trivialen Dokumentarismus zurückfällt. Das Reisfeld in Kassel wird ein Blickfang sein, dessen Ernte nicht allein darin liegt, dass man sich anschließend über Agrarsubventionen kundig macht und von Uncle Ben's auf Biosorten umsteigt. Es wird seinen Eigensinn darin beweisen, dass es die unaufhörlich vorangetriebenen Erweiterungen des Kunstbegriffs an einen natürlichen Vorgang zurückbindet, der in Kassel fremd ist. Es gibt keinen archimedischen Punkt, auch nicht in Kassel oder in Venedig, von dem aus die Unterscheidungen zwischen Kunst und Leben, Natur und Kultur noch mit Autorität getroffen werden können. Sie müssen ständig neu verhandelt werden, und man wird es der Kunst nicht vorwerfen dürfen, dass daraus die komplexesten Formen selbstreflexiver Bildung entstanden sind, denen man sich als Betrachter diesseits der reinen Naturwissenschaften aussetzen kann. (Bert Rebhandl /ALBUM /DER STANDARD, Printausgabe, 02./03.06.2007)