Nur Sadisten machen Konfetti
Von Claudia Aigner
Wer die Früchte seiner Arbeit zu Konfetti verarbeitet, der
hat immerhin einen Sinn für Faschingsscherze (wenn auch einen ziemlich
sadomasochistischen). Oder einfach eine sehr direkte Art, seinen
Arbeitsstress zu bewältigen. Weil Pablo Farassat aber nicht der Layouter
des Universallexikons von Brockhaus ist, sondern lediglich für die Grafik
eines Miniaturmagazins verantwortlich zeichnet, das von seiner Schwester
Sissi herausgegeben wird (und weil er auch bloß ein einziges Exemplar
"atomisiert" hat), kann er mit seiner Ausbeute nicht einmal für 33 Ameisen
eine anständige Konfettiparade veranstalten. 33 heißt auf Persisch
"sioseh". Sissi Farassat: "Mir hat das Wort immer ganz gut gefallen,
deshalb hab' ich alles, was ich so nennen konnte, so genannt." Also auch
ihre Minikunstzeitschrift, die insgesamt 33 Ausgaben haben wird. In der
Galerie Cult (Bandgasse 19) feiert man nun bis 21. April das erste
Drittel. Mit Originalen der "sioseh"-Künstler. Mathematisch gesprochen:
Die Ausstellung verhält sich zu "sioseh" wie das Warenlager eines
Versandhauses zum Bestellkatalog. Von Sissi Farassat selbst: eine Art
"Fernseh-Andachtsbild" für Muhammad Ali. Der Fernseher ist wie eine Uhr
stehen geblieben und zeigt immer nur dasselbe Bild. Freilich sitzt man
einem raffinierten Täuschungsmanöver auf. Denn der Apparat ist eigentlich
kaputt (bei dem läuft nur noch der "Schimmel im Schneesturm"). Und die
Boxkampfszene wurde einfach drübergeklebt. Und Muhammad Ali ist sowieso
irgendein anderer. Farassat hat das Ganze nun aber nicht zu einem
"Patschenkinoaltar" ausgeweitet (also nicht mit ein paar "standesgemäßen"
Flaschen Bier geschmückt). In Volker Schranks tadellos klassischer
Fotoserie sind die Radioapparate die eigentlichen "Stars der
Unterhaltung". Ein Oldtimer-Radio hat ja tatsächlich irgendwann irgendwie
die Stimmbänder von Dean Martin gehabt. Und ziemlich komisch (aber holprig
in der Ausführung): Monika Nuber bietet dem Arbeitsmarkt schwer
vermittelbare Zeichentrickfiguren an (etwa einen Engel, der sich aufs
Husten spezialisiert hat). Ein Stenostift in Paris: Ernst Gradischnig
(bis 21. April in der Galerie Contact, Singerstraße 17) hat das, was sein
Auge in Paris gesehen hat, quasi schnell "mitstenographiert". Dass es hier
jemand verdammt eilig hat, wird allerdings wieder relativiert, wenn er
sich ausgerechnet ein monumentales Blatt mit drei Quadratmetern dafür
aussucht. Gradischnig baut dort eine subtile, delikate Spannung auf
zwischen seiner dynamischen Niederschrift und den ruhigen Farbflecken.
Besonders exquisit: seine "geschriebenen" Paris-Panoramen. Aus seinen
figurativen Arbeiten ragt - auch von der Farbbehandlung her - jenes Bild
heraus, auf dem sich Artisten mit der Schwerkraft anlegen und alles tun,
damit sozusagen der Apfel von Isaac Newton wieder zurück auf den Baum
fliegt, nämlich: Bälle jonglieren und eine Balletteuse hochstemmen.
Was macht ein Strichmännchen am Meer, wenn gerade kein Badewetter ist?
Vermutlich in etwa das, was es in Igor Chelkovskis "diszipliniert
verspielten" Bildern tut. Der "Strich-Wladimir", der manchmal auch eine
"Strich-Natalija" dabei hat, ist bei seiner körperlichen Ertüchtigung und
beim Herumspazieren so variantenreich, man möchte schon von
Bewegungsstudien sprechen. Ihren vollen rhythmischen Reiz entfalten diese
kleinen Tafeln aber erst in ihrer Gesamtheit (in ihrer sprunghaft
"filmischen" Abfolge). Bis 30. April in der Galerie Karenina (Opernring
21).
Erschienen am: 13.04.2001 |
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