| Medienkünstler,
Kurator, Direktor des ZKM: Peter Weibel |
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Interview ZKM-Chef Peter Weibel: Documenta11 zu sicher und zu
populistisch 6. Juni
2002 Unter den Experten, die die
Documenta11 als Wissenschaftler und Kuratoren beurteilen, ist Peter
Weibel derjenige, der besonders kritisch hinschaut. Seine
Ausstellung „Inklusion - Exklusion“ hatte schon 1996 in Graz viele
Aspekte der jetzigen Veranstaltung in Kassel vorweggenommen. Peter
Weibel wurde 1944 in Odessa geboren, er studierte Literatur, Film,
Mathematik, Medizin und Philosophie in Wien und Paris. Er ist
Künstler und Leiter des Zentrums für Kunst und Medientechnologie
Karlsruhe. FAZ.NET wollte wissen, ob Weibel sich in seinen
Standpunkten durch die Documenta11 bestätigt fühlt.
Postkolonialismus ist das Stichwort dieser
documenta. Ihre Kritik an der Moderne, die sich ausschließlich an
der westlichen Moderne orientiert, hat sehr viel früher eingesetzt.
Bedeutet die Documenta11 für Sie eine Genugtuung?
Es ist einerseits eine
Genugtuung und andererseits eine Enttäuschung. Ich bin natürlich
sehr zufrieden, dass man jetzt dort angekommen ist, aber das
Kuratorenteam der Documenta11 ist jetzt etwa da, wo ich vor zehn
Jahren war. Mittlerweile hätte der Diskurs schon weiter sein müssen.
Bei dem ausgeführten Konzept handelt es sich eigentlich um einen
US-Import der dortigen Diskussion über Postkolonialismus. Der
eigentliche Mastermind dieser documenta ist nämlich Stuart Hall. Das
wird auch im Katalog-Text von Ute Meta Bauer bestätigt, die sich
ausdrücklich bei Hall bedankt und betont, wie wichtig er für die
Konzeption der documenta war. Nur: Stuart Hall ist inzwischen
Professor Emeritus.
Sie halten den
postkolonialistischen Ansatz also für überholt?
Was man jetzt gebraucht
hätte, ist nicht so sehr der postkolonialistische Diskurs, sondern
die postkoloniale Praxis. Das heißt, eine Vielheit der Ethnizität.
Momentan schauen wir zum Beispiel mit den Augen der
Dokumentarfilmerin Ulrike Ottinger nach Odessa und Instanbul. Das
heißt, wir folgen immer noch dem europäischen Blick. Dieser Blick
wird erweitert auf außereuropäische Länder, das ist schon gut. Aber
in der Ausstellung schauen wir zu den Eskimos, nach Südamerika oder
Nigeria immer noch zu sehr von außen.
Nimmt man außerdem mal allein
die Künstler aus Südamerika, Victor Grippo, Alfredo Jaar, Cildo
Meireles, Alejandra Riera und Doina Peterscu, dann stoßen wir auf
Künstler, die seit zehn Jahren im internationalen Markt bekannt
sind. Das sind gute Künstler, aber die haben alle New Yorker
Galerien, leben dort und waren auch schon auf der documenta X von
Catherine David vertreten. Viele der teilnehmenden Künstler leben
schon lange in New York. Auch die jüngste Generation: Tsunami.net
zum Beispiel studieren und leben schon lange in London.
Ihrer Meinung nach sind es
nicht nur Technik und Blick, sondern auch die Inhalte, die an
einer westlichen Perspektive festhalten - nach dem Motto:
Wir haben die Fenster nach außen geöffnet, aber die Türen
bleiben verschlossen?
Das ist es genau. Man hat die
Fenster aufgemacht und die Türen, aber immer noch nicht weit genug,
so dass man die Leute von da draußen nicht wirklich herein lässt.
Das sieht man auch daran, dass die documenta ihren Namen wörtlich
nimmt. Eigentlich ist sie viel zu dokumentarisch. Man kann nicht
einfach nur dokumentarisch feststellen: Dies sind die Eskimos oder
so sieht es in Indien aus. Das ist diesen Ländern gegenüber ein
bisschen unfair, denn die haben dort auch sehr komplexe Künstler.
Künstler wie Bodys Isek Kingelez waren sogar schon bei "Les
Magiciens de la Terre" dabei, jener berühmten Pariser Ausstellung
von Jean-Hubert Martin 1989. Das heißt, hier werden zu sehr bekannte
Positionen wiederholt und nicht der Stand, den die Kunst in diesen
Ländern mittlerweile hat.
Damit sagen Sie, dass die
Documenta11 nicht auf dem eigentlichen Höhepunkt des Diskurses
argumentiert?
Ganz genau.
Hat man wegen des
massenhaft erwarteten Publikums diese Zugeständnisse gemacht?
Ich glaube, die Ausstellung
ist im Ganzen zu sicher und zu populistisch geplant worden. Enwezor
hat natürlich die Lehre daraus gezogen, dass seine Vorgängerin,
Catherine David, die damals einen entscheidenden Schritt nach vorn
gemacht hat, für die documenta X so viel Prügel bekommen hat. Und
das wollte er sich nicht antun. Enwezor ist insgesamt einen Schritt
zurück gegangen, dafür wurde er in den Medien belohnt, so, als
wollte wieder gut gemacht werden, was bei Frau David vehement
kritisiert worden war. Damals gab es ein sehr gutes
Diskussionsprogramm, ein sehr gutes Theater- und ein sehr gutes
Filmprogramm. Das ist jetzt alles zurückgefahren worden. Die
Documenta11 ist da viel konventioneller.
Stört es Sie, dass so
viele Einzelräume eingerichtet wurden?
Was den Stand der Kunst
anbetrifft, ist diese documenta zu konventionell und zu marktsicher.
Es gibt auch Ausnahmen, das sind Künstlergruppen aus Indien oder
Nigeria. Die kannte noch keiner. Aber das meiste hat man schon
vorher gekannt. Außerdem ist die Präsentationsform sehr museal. Das
mag ein gewisser Respekt vor der Kunst sein, aber es geht ja nicht
um die gute Heizung und die schönen weißen Wände. Der White Cube
insgesamt - und das weiß man seit langem - ist dafür verantwortlich,
dass Geschlechterfragen oder Rassismusfragen ausgeklammert bleiben.
Meinen Sie, dass sich der
Ausstellungsraum zu sehr in eine Art Operationssaal
verwandelt?
Ja, genau. Und das zeigt,
dass Enwezor sich nicht getraut hat, die Frage nach der Ethnizität
wirklich zu stellen. Ein Kritiker wie Emanuel Wallenstein, der der
wichtigste Ökonom in Fragen der Globalisierung ist, sagt,
Ethnizität, die Konstruktion von Rassismus, war ein wirtschaftlicher
Trick. Es gibt die Illegalität, nach dem Motto: Das macht nichts,
das sind Schwarze oder Hausfrauen oder ungelernte Arbeiter. Die
eigentliche Konstruktion des Ethnischen ist nicht auf Rasse
aufgebaut, sondern auf der gesellschaftlichen Rolle, die einer
einnimmt. Und dieser Stand, der fehlt auf der Documenta11 noch.
Fahren Sie trotz Ihrer
Kritik noch einmal nach Kassel?
Ja, auf jeden Fall fahre ich
noch einmal hin. Man muss sein Urteil ja immer wieder
überprüfen.
Das Gespräch
führte Katja Blomberg
Text: @blo Bildmaterial: Zentrum für Kunst und
Medientechnologie, Karlsruhe
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