17. Juli 2002  
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Medienkünstler, Kurator, Direktor des ZKM: Peter Weibel


 
Die Documenta11 auf FAZ.NET
Interview
ZKM-Chef Peter Weibel: Documenta11 zu sicher und zu populistisch
 
 
6. Juni 2002 Unter den Experten, die die Documenta11 als Wissenschaftler und Kuratoren beurteilen, ist Peter Weibel derjenige, der besonders kritisch hinschaut. Seine Ausstellung „Inklusion - Exklusion“ hatte schon 1996 in Graz viele Aspekte der jetzigen Veranstaltung in Kassel vorweggenommen. Peter Weibel wurde 1944 in Odessa geboren, er studierte Literatur, Film, Mathematik, Medizin und Philosophie in Wien und Paris. Er ist Künstler und Leiter des Zentrums für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe. FAZ.NET wollte wissen, ob Weibel sich in seinen Standpunkten durch die Documenta11 bestätigt fühlt.

Postkolonialismus ist das Stichwort dieser documenta. Ihre Kritik an der Moderne, die sich ausschließlich an der westlichen Moderne orientiert, hat sehr viel früher eingesetzt. Bedeutet die Documenta11 für Sie eine Genugtuung?

Es ist einerseits eine Genugtuung und andererseits eine Enttäuschung. Ich bin natürlich sehr zufrieden, dass man jetzt dort angekommen ist, aber das Kuratorenteam der Documenta11 ist jetzt etwa da, wo ich vor zehn Jahren war. Mittlerweile hätte der Diskurs schon weiter sein müssen. Bei dem ausgeführten Konzept handelt es sich eigentlich um einen US-Import der dortigen Diskussion über Postkolonialismus. Der eigentliche Mastermind dieser documenta ist nämlich Stuart Hall. Das wird auch im Katalog-Text von Ute Meta Bauer bestätigt, die sich ausdrücklich bei Hall bedankt und betont, wie wichtig er für die Konzeption der documenta war. Nur: Stuart Hall ist inzwischen Professor Emeritus.

Sie halten den postkolonialistischen Ansatz also für überholt?

Was man jetzt gebraucht hätte, ist nicht so sehr der postkolonialistische Diskurs, sondern die postkoloniale Praxis. Das heißt, eine Vielheit der Ethnizität. Momentan schauen wir zum Beispiel mit den Augen der Dokumentarfilmerin Ulrike Ottinger nach Odessa und Instanbul. Das heißt, wir folgen immer noch dem europäischen Blick. Dieser Blick wird erweitert auf außereuropäische Länder, das ist schon gut. Aber in der Ausstellung schauen wir zu den Eskimos, nach Südamerika oder Nigeria immer noch zu sehr von außen.

Nimmt man außerdem mal allein die Künstler aus Südamerika, Victor Grippo, Alfredo Jaar, Cildo Meireles, Alejandra Riera und Doina Peterscu, dann stoßen wir auf Künstler, die seit zehn Jahren im internationalen Markt bekannt sind. Das sind gute Künstler, aber die haben alle New Yorker Galerien, leben dort und waren auch schon auf der documenta X von Catherine David vertreten. Viele der teilnehmenden Künstler leben schon lange in New York. Auch die jüngste Generation: Tsunami.net zum Beispiel studieren und leben schon lange in London.

Ihrer Meinung nach sind es nicht nur Technik und Blick, sondern auch die Inhalte, die an einer westlichen Perspektive festhalten - nach dem Motto: Wir haben die Fenster nach außen geöffnet, aber die Türen bleiben verschlossen?

Das ist es genau. Man hat die Fenster aufgemacht und die Türen, aber immer noch nicht weit genug, so dass man die Leute von da draußen nicht wirklich herein lässt. Das sieht man auch daran, dass die documenta ihren Namen wörtlich nimmt. Eigentlich ist sie viel zu dokumentarisch. Man kann nicht einfach nur dokumentarisch feststellen: Dies sind die Eskimos oder so sieht es in Indien aus. Das ist diesen Ländern gegenüber ein bisschen unfair, denn die haben dort auch sehr komplexe Künstler. Künstler wie Bodys Isek Kingelez waren sogar schon bei "Les Magiciens de la Terre" dabei, jener berühmten Pariser Ausstellung von Jean-Hubert Martin 1989. Das heißt, hier werden zu sehr bekannte Positionen wiederholt und nicht der Stand, den die Kunst in diesen Ländern mittlerweile hat.

Damit sagen Sie, dass die Documenta11 nicht auf dem eigentlichen Höhepunkt des Diskurses argumentiert?

Ganz genau.

Hat man wegen des massenhaft erwarteten Publikums diese Zugeständnisse gemacht?

Ich glaube, die Ausstellung ist im Ganzen zu sicher und zu populistisch geplant worden. Enwezor hat natürlich die Lehre daraus gezogen, dass seine Vorgängerin, Catherine David, die damals einen entscheidenden Schritt nach vorn gemacht hat, für die documenta X so viel Prügel bekommen hat. Und das wollte er sich nicht antun. Enwezor ist insgesamt einen Schritt zurück gegangen, dafür wurde er in den Medien belohnt, so, als wollte wieder gut gemacht werden, was bei Frau David vehement kritisiert worden war. Damals gab es ein sehr gutes Diskussionsprogramm, ein sehr gutes Theater- und ein sehr gutes Filmprogramm. Das ist jetzt alles zurückgefahren worden. Die Documenta11 ist da viel konventioneller.

Stört es Sie, dass so viele Einzelräume eingerichtet wurden?

Was den Stand der Kunst anbetrifft, ist diese documenta zu konventionell und zu marktsicher. Es gibt auch Ausnahmen, das sind Künstlergruppen aus Indien oder Nigeria. Die kannte noch keiner. Aber das meiste hat man schon vorher gekannt. Außerdem ist die Präsentationsform sehr museal. Das mag ein gewisser Respekt vor der Kunst sein, aber es geht ja nicht um die gute Heizung und die schönen weißen Wände. Der White Cube insgesamt - und das weiß man seit langem - ist dafür verantwortlich, dass Geschlechterfragen oder Rassismusfragen ausgeklammert bleiben.

Meinen Sie, dass sich der Ausstellungsraum zu sehr in eine Art Operationssaal verwandelt?

Ja, genau. Und das zeigt, dass Enwezor sich nicht getraut hat, die Frage nach der Ethnizität wirklich zu stellen. Ein Kritiker wie Emanuel Wallenstein, der der wichtigste Ökonom in Fragen der Globalisierung ist, sagt, Ethnizität, die Konstruktion von Rassismus, war ein wirtschaftlicher Trick. Es gibt die Illegalität, nach dem Motto: Das macht nichts, das sind Schwarze oder Hausfrauen oder ungelernte Arbeiter. Die eigentliche Konstruktion des Ethnischen ist nicht auf Rasse aufgebaut, sondern auf der gesellschaftlichen Rolle, die einer einnimmt. Und dieser Stand, der fehlt auf der Documenta11 noch.

Fahren Sie trotz Ihrer Kritik noch einmal nach Kassel?

Ja, auf jeden Fall fahre ich noch einmal hin. Man muss sein Urteil ja immer wieder überprüfen.


Das Gespräch führte Katja Blomberg

Text: @blo
Bildmaterial: Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe
 

 
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