10.06.2003 19:37
Einer von uns, der stets so tat, als wäre er Künstler
Martin Kippenberger hat die Renaissance seiner
selbst nur knapp nicht erlebt: Mit der Schau "Nach Kippenberger" schließt sich
das Museum Moderner Kunst Wien dem Boom an
Wien - Er war einer von uns. Sein Traum Capri bei Nacht
galt einem Auto, die Feinrippunterhosen saßen der beachtlichen Hühnerbrust so
nahe, wie sie im Schritt zwickten, er kam Durch die Pubertät zum Erfolg, und als
Mitglied des 20. Jahrhunderts galten auch Teile seiner Hoffnung der
Psychoanalyse: Die haferflockenbeschichtete Orgonkiste, die er 1982 mit Freund
Albert Oehlen bastelte, sollte der Heilung wenig gelungener Bilder dienen, auf
dass die dann ihrerseits die positiven Erdstrahlen auf die Betrachter abschießen
würden, während der so genannte Künstler dem Kommando Martin, ab in die Ecke und
schäm dich ohne Widerrede folgte.
Martin Kippenberger ist tot, starb '97
in Wien. Kurz davor notierte Michel Würthle - Gastronom im Berliner Dauerexil -
unter Mi hermano Kippenberger nachfolgend Berührendes: "You can have / his last
peso / but you can't have sein / Melancholiemodul".
"Jeder Künstler ist
ein Mensch", soll Kippenberger oft gemurmelt haben, und dann: "Ich kann mir
nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden!" Was er dann auch nicht einmal versucht
hat, weil ihm doch Pathos ganz fremd war. Notwendiger Bestandteil der Kunst
müsse, ganz gegenteilig, "wahre Peinlichkeit" sein.
Auch deshalb hat
Kippenberger sich immer wieder selbst porträtiert, also erfunden, in die
befremdliche Umgebung gesetzt, keinen Stil verfolgt, sich, wo immer es gegangen
ist, hineinreklamiert.
Und was kommt jetzt nach Kippenberger?
Kippenberger! Deutschland lässt sich demnächst durch seinen Nachlass auf der
Biennale von Venedig vertreten, das Museum für neue Kunst am ZKM Karlsruhe hat
eben eine Retrospektive auf den späten Bürgerschreck beendet, das Van Abbe
Museum Eindhoven und das Museum Moderner Kunst Wien kooperieren gerade mit einer
weiteren Rückschau: Nach Kippenberger heißt die, und müht sich, Person und Werk,
Leinwand und Anekdote fein säuberlich voneinander zu scheiden. Was Kippenberger
ebenso wenig schadet wie der Karlsruher Erinnerungsversuch an einen
Freund.
Er selbst hat 20 Jahre nach einem Künstlertod den Zeitpunkt
angesetzt, dessen Wirken zu beurteilen. Markt und gängige Methoden wollten es
anders, wollen jetzt schon die Ertrag versprechende Ruhmeshalle über einen
errichten, den Festlegungen bloß beschneiden, der überall und nirgendwo
beteiligt war, der kaum etwas so scheute wie die Nische.
Wenn von Martin
Heidegger ein Vortrag mit dem Titel Bauen Wohnen Denken überliefert ist, dann
von Kippenberger der Darmstädter Ausstellungstitel Miete Strom Gas. Wenn alle
Welt hysterisch der Wahrheit im Internet nachgoogelt, dann ist Martin
Kippenberger mit seinem Metro-Net Vertreter einer ganz physischen
Allseitspräsenz. (Ein Metro-Eingang befindet sich auf der Griechischen Insel
Syros, Modelle für Leipzig, Dawson City oder New York liegen vor, etwa
notwendige Lüftungsschächte sind transportabel angelegt.)
Wenn Martin
Kippenberger Architektur beschäftigt, dann wird aus dem New Yorker Guggenheim
ein dem Alltag enthobenes The Modern House of Believing or not, oder er reiht
die Betty-Ford-Klinik, Stammheim und eine jüdische Grundschule unter: Drei
Häuser mit Schlitzen. Oder Martin Kippenberger, den es nach Florenz zog, um
Schauspieler zu werden, und der ob des dort prompt einsetzenden Zustands der
Auftragslosigkeit begann, Bilder zu malen - seinen Zyklus Uno di voi, un Tedesco
in Firenze -, stellt eben Fragen von einer exemplarischen Durchschnittlichkeit.
Zu einer klischeehaft abstrakten Komposition aus leidlich dynamisierten
schwarz-rot-gelben Balken, die sich durchaus als analytisch kubistische
Zerlegung des verfemten Symbols der Nazis deuten lässt, merkt er an: "Ich kann
beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken." (Markus Mittringer/DER STANDARD;
Printausgabe, 11.06.2003)