Alter Meister wiederentdeckt

Eine Reise durch die El-Greco-Ausstellung in Wien.


Es ist die erste monografische Ausstellung der Werke El Grecos, die in Mitteleuropa dieser herausragenden Malerpersönlichkeit gewidmet ist und die erste im deutschsprachigen Raum. Das ist bemerkenswert für einen "Alten Meister", der, gemessen an der Zahl seiner Ausstellungen und dem Rang der Institutionen, die ihn präsentierten, in den letzten zwei Jahrzehnten eindeutig in Führung liegt.

"Büßende Magdalena", um 1576/76

Ein banaler Grund für dieses Versäumnis, das nun im KHM nachgeholt wird, liegt darin, dass die Ausstellungspolitik der Museen meist dahin tendierte, die eigenen Bestände zu erhellen, und da finden sich im mitteleuropäischen Raum - mit Ausnahme von Budapest - keine Schlüsselwerke des Meisters.

Das KHM besitzt überhaupt keinen El Greco, wie Thomas Bernhard in seinem Prosawerk "Alte Meister" (Zitat: "Das Kunsthistorische Museum hat nicht einmal einen Goya, nicht einmal einen Greco hat es.") geätzt hat. Bernhards Spitze ist nun im Vorfeld der Ausstellung schon zum Pflichtzitat für alle Artikel und für die Katalogbeiträge geworden.

Keine Hofmaler-Ehren

Die Hoffnung des griechischen Ikonenmalers, - der mit 27 Jahren (1568) nach Venedig ging, wo er von Tizian und Tintoretto geprägt wurde, dann ab 1730 in Rom von den Künstlern der römischen Hochrenaissance, allen voran Michelangelo, beeinflusst wurde, - in Spanien Hofmaler Philipps II. zu werden, erfüllte sich nicht. Philipp II. lehnte diesen Maler ab, dessen Rezeption sich stets zwischen leidenschaftlicher Bewunderung und heftiger Ablehnung bewegte.

Im 18. Jahrhundert wurde seine eigenwillige Malweise, sein individueller Stil mit der übernatürlichen Längung der Personen, der Auflösung des Pinselstrichs gar als Ausdruck vermeintlichen Wahnsinns interpretiert und erst nach Jahrhunderten der Vergessenheit wurde er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Malern wie Delacroix, Millett und Manet wiederentdeckt und dann von den spanischen Symbolisten als Vorläufer von Velazquez (der hatte bei seinem Tod drei El Grecos im Atelier) gefeiert und als Vorläufer des modernen Expressionismus gerühmt.

Wirkstätte Toledo

"Ansicht von Toledo", um 1600

In der alten Hauptstadt Toledo jedoch konnte sich der Grieche als führender Maler etablieren und damit auch in Spanien der Malerei (sie zählte bis dahin zum niederen Handwerk) den Rang einer freien Kunst, wie sie der Poesie zukam und wie ihn die Künstler in Italien bereits erobert hatten, verschaffen. 1589 wurde er Bürger der Stadt Toledo, ein wohlhabender Mann, der ein großes Haus führte, in dem sich die intellektuelle Elite traf. Er fertigte viele Altarbilder für die Kirchen Toledos und mit zunehmendem Ruhm auch außerhalb der Stadt an.

Als Architekt, Bildhauer und Maler produzierte El Greco kostbare Altarausstattungen; Gesamtkunstwerke, von denen heute die meisten zerstört sind, während deren Bildtafeln über die ganze Welt verstreut sind. Am 7.4.1614 starb El Greco in Toledo, wo er in der Kirche Santo Domingo el Antiguo begraben wurde.

Milliarden-Versicherung

Eine umfassende Retrospektive ist heute kaum mehr möglich. Für die Wiener Ausstellung wurde eine gezielte Wahl von rund 40 Meisterwerken getroffen, mit der die Entwicklung El Grecos vom Ikonenmaler über seine Ausbildung in Venedig und Rom bis zu seiner Etablierung in Spanien, wo er seinen spezifischen Stil herausbildete und perfektionierte, nachvollziehbar gemacht werden soll.

Eine "mengenmäßig" kleinere Schau also, die allerdings sechs Milliarden Schilling Versicherungswert repräsentiert. Die Leihgaben stammen aus den renommiertesten Sammlungen, allen voran das Museo Nacional del Prado (mit dem gemeinsam die Idee zu der vom spanischen Kulturministerium unterstützten Ausstellung geboren wurde), die Sammlung Thyssen-Bornemisza oder die Case de Alba Madrid, das Museo de El Greco Toledo, das J.-Paul-Getty-Museum Los Angeles, die National Gallery London oder das Museum der schönen Künste Budapest.

"Knabe, der eine Kerze entzündet", um 1570-1572

Aus dem Museo di Capodimonte Neapel ist der viel kopierte "Knabe, der eine Kerze entzündet" angereist. Das Metropolitan Museum New York stellte das Porträt eines älteren Mannes zur Verfügung, das als Selbstporträt gilt, sowie das einzige Landschaftsbild El Grecos, eine Ansicht von Toledo.

Gewählt wurden nur eigenhändige Gemälde des Meisters, der in seiner Wahlheimat Toledo eine rege, später von seinem natürlichen Sohn gemanagte, Kunstwerkstatt betrieben hat.

Laokoon

Einen "genialen Lichtregisseur des religiösen Theaters" nennt Ausstellungskuratorin Sylvia Ferino den Künstler. Der Höhepunkt der Ausstellung und ein Höhepunkt der theatralischen Inszenierungen ist jedoch ein profanes Werk, der Laokoon. Das um 1610/14 entstandene Bild ist die einzige erhaltene mythologische Darstellung El Grecos und gilt als künstlerisches Vermächtnis des Meisters, das nach seinem Tod in seiner Werkstatt verblieben war - als eine von drei Versionen, von denen jedoch nur dieses Bild erhalten ist. Es befindet sich nun in Besitz der National Gallery Washington.

"Laokoon", um 1610/14

Das Bild - es zeigt einen trojanischen Priester und seine Söhne, denen Poseidon die Schlangen an den Hals geschickt hat - war zwischen 1910 und 1913 in München ausgestellt, ein Umstand, der El Greco zu einem vorbildhaften Maler des deutschen Expressionismus gemacht hat.

Die Ausstellung will auch neue Ergebnisse der El-Greco-Forschung ins Blickfeld rücken, der intensive Studien unter Zuhilfenahme neuester naturwissenschaftlich-technischer Untersuchungsmethoden zu Grunde gelegt werden.

Tipp

"El Greco (1541- 1614)". Sonderausstellung des Kunsthistorischen Museums vom 4. Mai bis 2. September. Täglich 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag bis 22.00 Uhr geöffnet. Eintrittspreis ATS 120,- / Euro 8,72 (für Museum, Sonderausstellung und Audioguide). Katalog ca. 240 Seiten mit über 100 Abbildungen ATS 490,- / Euro 35,61.

Und "El Grecos Geheimnis" können Sie als 4-teilige Sendereihe im Ö1-Radiokolleg vom 7. - 10.5. jeweils um 9.30 Uhr hören

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