Ausstellung
Licht fällt auf die unendlichen Falten des Barock
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„Die unendliche Falte . . .“, eine Neonskulptur von Brigitte Kowanz. Foto: VBK Wie, Wolfgang Woessner
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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer
Nachdem Gudrun Kampl das Stiegenhaus des
Oberen Belvedere bearbeitet hat, verändert Brigitte Kowanz nun mit drei
Lichtskulpturen den Eindruck des schwierig zu bespielenden Marmorsaals.
Einem hängenden Lichtobjekt von 2007, "Ins Unendliche", mit den von
der Künstlerin bereits seit längerem genützten Morsezeichen, stehen
zwei Bodenobjekte gegenüber. Die vielen Lichtreflexionen in den
Fenstern und beim links situierten Objekt "Ad Infinitum" (auch 2007) in
dessen Spiegeln transformieren die Kunstwerke noch einmal: Das
Hängeobjekt wirkt über der Stadtsilhouette Wiens wie ein Komet. Im
sternförmig assoziierten Spiegel-Objekt mit Lichtschrift bricht sich
das verbliebene Lusterpaar in Farbchangierungen, was den ganzen Raum
noch einmal völlig verwandelt.
Doch für romantische Lichtspiele steht diese Kunst nicht: Brigitte
Kowanz ist begeistert von der Philosophie des französischen
Strukturalismus und bezieht sich – passend zum prunkvollen Barock des
Belvedere-Schlosses – auf Gilles Deleuze und seine Überlegungen zur
Falte.
In der Kunsttheorie ist das gefundene Charakteristikum barocker
Formen die unaufhörliche Bildung von Falten: Gekrümmt und ins
Unendliche getrieben, wächst es im Gewand über jede der Figuren. Diese
nüchtern zu betrachtende operative Funktion nützt die Künstlerin
mehrmals. Dazu geht sie auf das Gesamtkunstwerk Marmorsaal ein, um im
Kristall mit der Neonschrift "Ad Infinitum" auch Bezüge zu den alten
Spiegeln über den Scheinkaminen zu schaffen. Verflechtungen von realem
Raum und virtuellem sind so leicht erfahrbar: nach oben der Blick ins
himmelwärts ziehende Deckenfresko, nach unten die unendliche
Spiegelung.
Falten aus Licht
Ganz neu ist aber für die Arbeit von Brigitte Kowanz die dritte
Neonskulptur von 2007 "Die unendliche Falte . . ." auf der rechten
Seite: Was Unbedarften als eine Hochschaubahn von Lichtlisenen
erscheint, ist ein streng codiertes Gebilde. Vom Textzitat nach Gilles
Deleuze "Die ins Unendliche gehende Falte ist das Charakteristikum des
Barock" wird "gehende" gestrichen. Die Neonröhren werden bei jedem L
nach links geknickt, bei jedem R nach rechts. Danach der Prozess einmal
wiederholt und gespiegelt – so entstehen mehrere, ineinander
verflochtene Endlosschleifen einer Satzlänge. Was als Buchstabenfolge
geplant war, wie sie noch die Einladung zu dieser Intervention zeigt,
hat sich im Werkprozess abstrahiert und ergibt auch für die Künstlerin
neue Gestaltungsmöglichkeiten. Hat also die barocke Ästhetik ihre
entfaltende Kraft nicht verloren?
Barock trifft jedenfalls hier die Gegenwart – und es funktioniert
auch für jene Besucher, die von Deleuze und seiner Faszination für die
barocke Falte nichts wissen.
Intervention von Brigitte Kowanz
Nathalie Hoyos (Kuratorin)
Marmorsaal des Belvedere
Zu sehen bis 30. März
Einleuchtend.
Donnerstag, 10. Jänner 2008
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