vergrößern 499x370Eines von 350 erhalten gebliebenen Autochromen Kühns zeigt Tochter Lotte mit dem englischen Kindermädchen auf der Wiese (um 1908).
Wien - Der selig lächelnde dreijährige Hans sieht in seinem Kleidchen - in der damaligen Zeit war es nicht unüblich, dass Buben Kleider trugen - aus, als "könne er kein Wässerchen trüben", kommentiert Monika Faber eine Fotografie Heinrich Kühns von 1902, um sofort mit erwartetem "aber" zu ergänzen: "Er wurde jedoch in den 1920er-Jahren ein Filou, der das ganze Familienvermögen durchbrachte."
Hans war ebenso wie die drei anderen Kinder Kühns (Walther, Edeltrude und Lotte) eines der Hauptmotive der piktorialistischen Fotografie seines Vaters. Geduldige, talentierte und mit der Zeit auch versierte Kinder, denn das Posieren für den Vater war ein Knochenjob: Kühn verabscheute Schnappschüsse. Jedes seiner Aufnahmen war kalkuliert; die familiäre Idylle sollte trotzdem ungezwungen, die Posen spontan wirken. Obendrein stopfte er Kinder und Nanny Mary Warner (seine Frau Emma starb 1905 an Tuberkulose) für seine "Tonwertstudien" in spezielle Fotokleidung in Weiß oder auch Schwarz. Seine Leidenschaft für das Komponieren von Hell-Dunkel-Kontrasten war geradezu manisch. Effekte, die der Fotograf auch in Lichtstudien mit verschiedenen Stillleben - etwa mit Gläsern oder, eher ungewöhnlich, auch mit Kakteen - zeit seines Lebens erprobte.
Künstlerische Vision
Eigentlich hatte Kühn Medizin studiert, aber seine Herkunft erlaubte dem österreichischen Fotopionier, kompromisslos seine Passion zu leben. Lebenslang wollte er seine künstlerischen Vorstellungen in der Fotografie mit der gleichen Kreativität und Präzision verwirklichen wie es in Malerei oder Zeichnung möglich ist: "Der maschinelle Apparat hat keine andere Bedeutung für den Lichtbildner als etwa der Pinsel für den Maler". So ließ Kühn durch den gezielten Einsatz von Techniken - wie dem von ihm zur Perfektion entwickelten Gummidruck - die fotografischen Abbilder sogar Malereien ähneln: Konturen und Details verschwimmen, Unschärfeeffekte entstehen, die Oberfläche verfremdet sich. Allein die völlig freie Wahl von Papier und Pigment gleicht eher einer Kohlezeichnung oder Radierung denn einer konventionellen Fotografie.
Ein Umdruck, eine Art "Abzug", der durch Auflegen eines Papiers auf einen noch feuchten Gummidruck entstand, erzeugte auf dem stark strukturierten Papier (oft Bütten oder Aquarellpapier) noch stärkere malerische Effekte. Dies zeigt Kühns modernistischen, künstlerischen Zugang zum fotografischen Bild, der allerdings lange als Defizit angesehen wurde.
Um sein Potenzial und seine Könnerschaft entsprechend zu würdigen, widmet die Albertina Kühn nun die international erste derart umfassende Personale. Dass die Schau anschließend im Pariser Musée d'Orsay und im Museum of Fine Arts in Houston zu sehen sein wird, kann als Anerkennung für die wie gewohnt umfangreichen Forschungen von Monika Faber und Astrid Mahler gewertet werden.
So zeigt man in Heinrich Kühn. Die vollkommene Fotografie, einem tadellos erzählten Kapitel der Fotogeschichte, rund 150 Aufnahmen und auch einen Film, der sich insbesondere Kühns Versuchen mit Autochromplatten widmet. Man müsse nun "rein auf Farbe hin sehen lernen", bemerkte er 1907, nachdem er kurz zuvor die ersten Experimente gemeinsam mit den befreundeten Fotografen Edward Steichen und Frank Eugene unternommen hatte. Die Umsetzung der Farbtöne, eine neue Herausforderung, studierte er anhand eigens dafür angefertigter Farbkarten. (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Printausgabe, 10.6.2010)
Bis 29. 8.
Eröffnung Donnerstag, 10.6., 18.30 Uhr.
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