| Salzburger Nachrichten am 29. Oktober 2005 - Bereich: Kultur
Kunst ohne Provokation Mit einem sehr ruhig
gewordenen "steirischen herbst" verabschiedet sich Intendant Peter Oswald.
Seine Ära ist nun in einem Hochglanz-Buch verewigt.
GRAZ (SN-m.b.). Jubeltöne, Eigenlob und Selbstbehauptungen zum
Abschluss: Der "steirische herbst" sei stets gegen den Strom, gegen den
Mainstream, dieses verhüllende neue Wort für die Diktatur des Kapitals
geschwommen und stelle das große kulturelle Markenzeichen der Stadt Graz
und der Steiermark dar, erklärte der scheidende "herbst"-Präsident Kurt
Jungwirth in einer Bilanzpressekonferenz am Freitag. Das letzte Festival in der Intendanz von Peter Oswald geht am Sonntag
zu Ende, heute, Samstag, stehen unter dem Motto "fin de partie" ein
Abschlusskonzert, ein Fest sowie die Präsentation des "herbstbuches im
spiegel" auf dem Programm. Auf 239 Seiten hat der Stuttgarter Fotokünstler
A. T. Schaefer wichtige Projekte aus der Intendanz Oswalds in der für ihn
typischen Bildsprache dokumentiert. Auszüge aus den Eröffnungsreden der
vergangenen sechs Jahre, Kuratorentexte sowie Pressekritiken ergänzen das
in Leinen gebundene Hochglanzwerk, das laut Peter Oswald "nicht der
Repräsentation, nicht dem eigenen Abfeiern dienen soll", sondern als
"visuelle Zusammenschau" und "ästhetische Wandelgalerie" gedacht sei. Der Intendant, dessen Festival heuer unspektakulär und für viele
jenseits der Wahrnehmungsgrenze verlaufen ist, bezeichnete den "herbst"
als "rasend wichtiges Festival, das in periodischen Schwingungen wieder
krank gejammert" werde. Dem Vorwurf, zu ruhig, zu wenig aufmüpfig geworden
zu sein, entgegnete der Intendant, dass die Kraft der permanenten
Provokation heute in die Medienbranche und in die Unterhaltungsindustrie
abgewandert sei: "Das tut mir sehr leid, ist aber eine Tatsache, mit der
jeder Festivalchef umzugehen hat." In einem Rückblick auf seine Amtszeit hob Oswald "den Versuch, neue
Formen des Musiktheaters" jenseits der Literaturoper zu finden, besonders
hervor. Mit Produktionen wie "white foam" von Wolfgang Mitterer über Beat
Furrers "Begehren" bis zur "Stadtoper" von Peter Ablinger im "herbst" 2005
hatte Oswald starke Akzente für ein innovatives Musiktheater gesetzt. In
seinem Abschiedsjahr hätte er gerne noch jungen Autoren ein "starkes
Podium" gegeben und "politische Befragungen durch bildende Kunst"
realisiert. Budgetäre Begrenzungen hätten diese Pläne aber verhindert. Wie berichtet, ist der "steirische herbst" durch die für Musiktheater
prädestinierte "List-Halle" in arge finanzielle Turbulenzen geraten. In
den vergangenen beiden Jahren regierte der Rotstift das künstlerische
Programm. Er bereue sein Engagement für die mittlerweile auch in der
Kulturpolitik umstrittene Halle nicht, betonte Peter Oswald am Freitag.
Für die Zukunft regte er an, das exklusive und in der Erhaltung immens
kostspielige Gebäude "nicht als repräsentativen Raum", sondern als "Labor
für das Neue und Unverbrauchte" zu nutzen. Nach internen Erhebungen sind bei den 200 Einzelveranstaltungen des
heurigen "steirischen herbstes", der unter dem Motto "polis on display"
stand, knapp 105.000 Besucher gezählt worden. Dies seien um 6000 mehr als
im Vorjahr. Peter Oswald gibt die Intendanz nun an Veronika Kaup-Hasler, eine
zuletzt in Deutschland tätige Theaterfachfrau mit österreichischen
Wurzeln, weiter. In seinem "herbstbuch"-Text bezeichnet Oswald das Grazer
Zeiterkundungsfestival als "utopisches Eiland inmitten von nicht nur
steirischen Gewässern". Die Bildergalerie wiederum sei eine "Sammlung
markanter Wegmarken - dorthin, wo die Utopie Kunst konkret zu werden
vermag". |