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Kunstberichte

Die herbeigetrommelte Kunst des Weltarztes

Die Kunsthalle zeigt Arbeiten des chinesischen Künstlers Chen Zhen
Illustration
- Sessel und Trommel – die interaktive Kunst von Chen Zhen.  Foto: Kunsthalle Wien/VBK

Sessel und Trommel – die interaktive Kunst von Chen Zhen. Foto: Kunsthalle Wien/VBK

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Ihren Titel "Der Körper als Landschaft" bezieht die Ausstellung der Kunsthalle durch die dominante Installation des Künstlers Chen Zhen (1955 bis 2000) aus dem Jahr 2000: "Jue Chang. Dancing Body – Drumming Mind (Last Song)" ist eine raumgreifende offene Skulptur aus hundert Möbelstücken – vorwiegend Betten und Sesseln, die mit Tierhäuten bespannt, schräg in Holzgestänge montiert sind. Sie laden Betrachter zum interaktiven Dialog ein: Trommeln im Namen der Kunst ist Chen Zhens performatives Element in einer sonst interkulturell angelegten Arbeitsweise. Erst durch die Interaktion entsteht die nötige Harmonie der Differenz an jedem möglichen Ort.

So wandert die Schau auch weiter ins Mart in Trento/Rovereto in Italien, und in Wien wurden die Trommeln zur Eröffnung bedient.

Der Traum von einer globalen Kunst

Chen Zhen träumte nicht nur von einer globalen Kunst. Durch seine Emigration aus dem postkommunistischen China nach Frankreich integrierte er West und Ost zu einer neuen Identität, die er als positiv empfand. Der Künstlernomade ist für ihn kein heimatlos Leidender, er gewinnt durch integriertes Andersdenken.

1986 war Chen Zhen, desillusioniert von der nachmaoistischen Enge in seinem Land, wo seine Werke vom Regime als Bedrohung aufgefasst wurden, nach Paris gekommen, studierte weiter und vermischte alte Denkmodelle aus China mit Aspekten der Westkunst. Dabei ist vor allem der soziale Aspekt in Bewegungen wie Arte-povera, Aktionismus und Nouveau Réalistes von ihm zu einem multikulturellen Anspruch erweitert worden. Selbst afrikanische Gegenwartskunst scheint in seine wissenschaftlichen Recherchen eingebaut.

Mit Kollegen wie Cai Guo-Qiang, der vor Jahren mit seinem Feuerdrachen die Kunsthalle im Museumsquartier einweihte, startete Chen Zhen eine rasante internationale Entwicklung chinesischer Kunst. Ganzheitliche Medizin und Philosophie werden in die Präsentationsformen integriert. "Un Village sans Frontières" entstand in Zusammenarbeit mit Kindern, die mit Kerzen Hausmodelle auf kleine Stühle bauten.

Chen Zhen starb jung an Leukämie und integrierte den Widerstand gegen seine Erkrankung als optimistischen Aspekt: Er hinterließ eine große Anzahl unrealisierter Projekte, die als gleichsam dritte Dimension die Ewigkeit von künstlerischem Tun ansprechen.

Manieristische Wassergärten, Neuauflagen konstruktivistischer Konzepte, wie der schräge Turm Vladimir Tatlins von 1917, und andere Konzepte zwischen Avantgarde, Erlebniswelt und utopischer Archiskulptur sprechen alle auch die sinnliche körperliche Erfahrbarkeit an.

Gerade dieser Pluralismus macht den Künstler mit seiner globalen Position heute nach wie vor spannend. Nur ein persönliches Konzept scheiterte: "Becoming a Doctor" war ein ständiger Versuch der Selbstheilung. Aber vielleicht zeigt uns Chen Zhen damit auch, dass Kunst zwar Lebensmetapher, aber nicht Erlöserreligion sein sollte.

Chen Zhen

Der Körper als Landschaft

Kuratoren: Ilse Lafer und

Gerald Matt

Kunsthalle Wien

Zu sehen bis 2. September

Ewigkeitsanspruch.

Donnerstag, 26. Juli 2007


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