Die Dämonen, die uns verfolgen
Edvard Munch und das Unheimliche. Das Leopold-Museum zeigt eine sensationelle Munch-Ausstellung und Kunst wie aus der Geisterbahn, die Grauen verbreiten kann.
ERNST P. STROBL Wien (SN). Zur Ausstellung muss man in den Keller des Leopold-Museums im Museumsquartier. Das passt, denn dort versammelt sich alles, was man sich so an Ängsten und Albträumen, Grusel und Bedrängnissen vorstellen kann. Die Sensation: Das Munch-Museum in Oslo lieh großzügig 25 Gemälde und zahlreiche Lithografien von Edvard Munch, diese 37 Hauptwerke des beunruhigenden Norwegers bilden das Zentrum einer großen Ausstellung, die sich mit dem Unheimlichen auf vielerlei Art befasst. Der Rundgang in die Tiefen des Bewusstseins – chronologisch endet er im Jahr 1919, da Sigmund Freuds „Das Unheimliche“ erschien – macht zwar keine Angst, lässt aber Beklemmungen zu.
Das Thema ist natürlich älter als die Werke von Edvard Munch. „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“, eines der Werke von Goya aus den „Caprichos“-Radierungen (um 1799) scheint quasi Programm zu sein, aber auch die 1745 entstandenen „Carceri“ von Piranesi führen früh geradewegs in Bereiche, die erst Freud zu deuten wusste. Auch viele andere Künstler – allen voran Alfred Kubin, auch Max Klinger – schufen zahlreiche gespenstische Werke.
Was aber macht das Werk von Edvard Munch so „unheimlich“? Wenn man die Ausstellung durchwandert hat und wiederum in den ersten Saal mit den Munch-Bildern zurückkehrt, glaubt man dem Kurator Michael Fuhr, der beteuert, danach sei die bedrückende Atmosphäre noch bedrückender als auf den ersten Blick. Jedes einzelne der Bilder zieht in den Bann, ob es nun „Angst“ ist, „Vampyr“, „Das Mädchen und der Tod“, „Das kranke Kind“ oder einfach „Pubertät“, immer ist man von der geisterhaften Atmosphäre angezogen. Zunehmend wird die Farbe Rot – etwa im Bild „Weinender Akt“ – als Blut empfunden, selbst eine Lithografie wie „Geschrei“ ist zum Fürchten. 1895, also drei Jahre nach dem weltberühmten Gemälde „Der Schrei“ entstanden, sind die expressiven Farben hinter der Figur mit dem geängstigtem Gesicht und dem weit geöffnetem Mund zu schwarz-weißen Kraftlinien geworden, dennoch bleibt die Wirkung unvermindert. „Der Mörder in der Allee“ flüchtet, „Die Mörderin“ wirkt in ihrem harmlosen Tapetenzimmer wie verloren. Nackte Frauen werden ebenfalls zu Symbolen, der „Madonna“ in ihrer Sinnlichkeit wird ein kleiner, krank wirkender Embryo beigesellt. Auf einem Selbstporträt sieht sich Munch selbst nackt in der Hölle, anrührend auch das weiße Gesicht Munchs auf schwarzem Grund im „Selbstporträt mit Knochenarm“. Schatten sind es, die seine Figuren verfolgen. Aus dem Gefühl der Verfolgung entsteht Panik, wie bei den Figuren mit den schreckgeweiteten Augen in „Angst (Abends auf der Kar Johan Gate)“. Edvard Munch, der zeitlebens im familiären Bereich von Tod und Krankheit umgeben war, empfand sogar ein einfaches Bett und Schlaf als „unheimlich“. In die dunkle Welt der Albträume und die Sphäre des Okkulten und Dämonischen bis hin zu Experimenten wie „Mesmerismus“, Séancen oder gar Opiumkonsum führt die Ausstellung mit Künstlern wie James Ensor, Alfred Kubin, Felicien Rops und sogar Victor Hugo. Selbst zu Hause kann man sich nicht sicher fühlen vor Geistern. Was wohl die Erhängte von Kubin zu ihrer Tat getrieben hat? Etwa geisterhafte Wahrnehmungen, wie sie Max Klinger in seinen Bildern anklingen lässt? Der letzte Raum ist dem Einfluss von Georges Rodenbachs Roman „Brügge, die tote Stadt“ gewidmet, der Maler wie Georges Khnopff oder Georges Minne zu packenden Bildern anregte. Egon Schieles „Die tote Stadt III“ hängt ebenfalls da. Übrigens ist auch Schieles Lehrer Christian Griepenkerl vertreten mit einem Gruselbild „Abschied“, daneben hängt Schieles „Selbstseher II“. Der Rundgang endet wieder bei Munch und seinem Werk, das alle menschlichen Gefühle und Abgründe durchwandert (bis 18. Jänner). www.leopoldmuseum.org




















