Ein außerirdisches Benehmen
Von Claudia Aigner
Die Frau auf dem Beifahrersitz wartet sicher schon lange auf
den Lenker des Fahrzeugs (ihr wachsen ja schon Schwammerln aus den
Nasenlöchern). Anderswo sitzt jemand stocksteif auf dem Gehsteig und denkt
an Spinoza. Das lässt nur den Schluss zu: Außerirdische haben ein paar
menschliche Körper übernommen, die sich jetzt dementsprechend
"außerirdisch" benehmen. Oder hat doch Erwin Wurm (bis 12. Mai in der
Galerie Krinzinger, Seilerstätte 16) ein paar Leute dazu animiert, seinem
humorvoll-skurrilen Skulpturenbegriff voll zu entsprechen? Denn wer,
streng nach Vorschrift, einen unorthodoxen Umgang mit Schwammerln, Kübeln
oder mit sich selbst pflegt, der ist, eh er sich's versieht, eine
Do-it-yourself-Skulptur, die bei Beobachtern einen "Absurditätsschock"
auslöst. Bloß schade, dass diesmal fast nur Fotos gezeigt werden und man
kaum selbst seinen Spieltrieb ausleben kann. "Quetsch" und "Wumm":
eine witzig-intelligente Korrektur der Idee von der Naturbeherrschung.
"Quetsch": Ein Mann macht sich mit seinem Körpergewicht vier Orangen
untertan, die dann freilich kaputt sind. Beziehungsweise nur Leute mit
zweifelhafter Hygiene geben diesen Orangensaft noch nicht verloren. Das
Video "Wumm": Einer, der auf Tennisbällen balanciert, plumpst unermüdlich
hin, weil er mit der Methode von Versuch und Irrtum eine Erfolgsquote hat
wie Herr Sisyphos. Bei einigen Wurm-Stellungen kann man ja wirklich
schwerer Haltung bewahren als beim Ausprobieren vom Kamasutra. (Das macht
vielleicht auch ihre Lebendigkeit aus.) Und wenn eine ungeschälte Banane
gerade mit jedem Ende in einem anderen Mund steckt, dann könnte das auch
ein genial-kurioses Werbeplakat für Safersex sein. ("Eine Bananenschale
schützt Frederic und Fred nicht, ein Kondom schon" - oder so.) Da hat
jemand quasi ein bisschen die Erdatmosphäre zwischen den Häusern
weggesaugt. Sie in die Bilder aber wieder hineinzublasen wäre so
unangebracht, wie es eine Tragödie gewesen wäre, wenn de Chirico in seiner
"Pittura Metafisica" den Luftbefeuchter angestellt hätte. Denn Erhard
Stöbes Aquarelle (bis 14. April in der Galerie Wolfrum, Augustinerstraße
10) leben von ihrer lapidaren Ruhe. Das Leben am Stadtrand macht hier
einen seltsam deaktivierten Eindruck. Sogar das Auto, das von der
Autobahnbrücke kippt, hängt mitten im freien Fall fest (aber
wahrscheinlich sitzt eh keiner am Steuer, um nicht zu sagen: Der Fahrer
konnte nicht länger die Luft anhalten und ist anderswohin Luft schnappen
gegangen). Stöbe ist keiner, der aquarelliert, wie die Königin der Nacht
ihre Rache-Arie singt. Man muss freilich nicht alle Register der Bravour
ziehen, um ein echter Könner zu sein. Wenn jemand eine blaue Hautfarbe
hat, dann fällt einem das heute nicht mehr eigens auf, weil die
"Farbenblindheit" gewissermaßen schon Mindeststandard ist. (In der
Malerei.) Und Sasa Makarovás expressive Bilder (bis 21. April im artLab,
Dorotheergasse 12) verursachen mit ihrer melodramatischen Buntheit einen
regelrechten Adrenalinschub. Absolut fulminant.
Erschienen am: 06.04.2001 |
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