30. Juni 2010 - 00:04 Uhr · · Kultur

Rudolf Leopold: Er war der Schatzmeister der Kunst

Er war der Schatzmeister der Kunst
Er war der bedeutendste Kunstsammler Österreichs und Museumsdirektor auf Lebenszeit, als Schiele-Kenner in der ganzen Welt geachtet, als Sturschädel von Kunsthändlern und Politikern gefürchtet: Gestern starb Rudolf Leopold 85-jährig in einem Wiener Krankenhaus.

Aus den Schlagzeilen kam Rudolf Leopold in den vergangenen Jahren vor allem wegen der strittigen Provenienz von Teilen seiner Sammlung nicht heraus, die ihm persönlich wichtigste Entscheidung sollte der einstige Augenarzt mit dem sicheren Sammlerblick allerdings nicht mehr erleben: Das Schicksal des seit einem Jahrzehnt beschlagnahmten „Bildnis Wally“, das er bis zuletzt gegen eine Vergleichs-zahlung aus den USA zurückzuholen versuchte.

Rudolf Leopold wurde am 1. März 1925 in Wien geboren, wo er 1943 maturierte und nach dem Krieg Medizin studierte. Er promovierte 1953 und spezialisierte sich anschließend auf die Augenheilkunde. Schon während seines Medizinstudiums studierte Leopold parallel Kunstgeschichte und begann ab 1947 Bilder und Kunstobjekte zu sammeln. Ein Gemälde von Friedrich Gauermann war die erste Erwerbung, deren Kaufpreis der Student mit Nachhilfestunden finanzierte.

Zu Beginn waren es die Alten Meister und die Kunst des 19. Jahrhunderts, die ihn interessierten, bis ihm 1950 der Oeuvre-Katalog Egon Schiele von Kalir-Nierenstein in die Hände fiel. Ein „Damaskuserlebnis“, das den weiteren Weg des Sammlers zum kompetentesten Schiele-Experten bestimmte. Dabei kümmerte ihn wenig das damals abschätzige Urteil der Fachwelt. 1955 stellte Leopold für eine Ausstellung moderner österreichischer Kunst im Stedelijk-Museum in Amsterdam eine Auswahl der Werke Schieles zusammen, die große internationale Resonanz brachte und eine Trendwende in der internationalen Rezeption des Künstlers einleitete.

Eine Reihe weiterer Ausstellungen und wissenschaftlicher Arbeiten wie die Erarbeitung einer großen Monografie begründeten den Ruf der Sammlung Leopold als „Schatzkammer des 20. Jahrhunderts“ (Erhard Busek), in der sich neben der weltweit wichtigsten Schiele-Kollektion auch signifikante Arbeiten von Gustav Klimt oder Oskar Kokoschka sowie bedeutende Werkblöcke von Albin Egger-Lienz, Richard Gerstl oder Alfred Kubin fanden.

Die genaue Bestandsaufnahme und Schätzung seiner Kollektion wurde Mitte der 90er Jahre zum mit Spannung verfolgten Krimi. Auf unvorstellbare 7,9 Milliarden Schilling (574 Mio. Euro) wurde schließlich seine über 5000 Objekte umfassende Sammlung geschätzt, insgesamt 2,2 Milliarden Schilling (160 Mio. Euro) hatten die Republik Österreich und die Oesterreichische Nationalbank dafür bis 2007 in Ratenzahlungen zu überweisen.

Von Erben angeklagt

Das von Ortner & Ortner im Museumsquartier errichtete und 2001 eröffnete Leopold Museum sorgte seither allerdings für Kontroversen: Als Privatstiftung nicht vom Restitutionsgesetz erfasst, geriet die Sammlung immer wieder unter Anklage von Erbengruppen, die etwa Schieles „Häuser am Meer“ zurückverlangen. In den vergangenen zwei Jahren hatte sich auch der Tonfall zwischen Leopold und der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) immer mehr zugespitzt.

Erst Anfang Februar waren die Dossiers der unabhängigen Provenienzforscher, die im vergangenen Jahr die Herkunft von 23 Kunstwerken im Leopold Museum untersuchten, veröffentlicht worden. Leopold strebte jedoch stets einen Vergleich statt einer Rückgabe an.

Sollte die Stiftung nun nach Leopolds Ableben beschließen, in Bundeseigentum überzugehen, wäre allerdings das Restitutionsgesetz auf die Sammlung anzuwenden. Der nun aus drei „Leopold“-Vorstandsmitgliedern und vier „Bundes“-Vorstandsmitgliedern bestehende Stiftungsvorstand wurde für morgen Vormittag einberufen.

Quelle: OÖNachrichten Zeitung
Artikel: http://www.nachrichten.at/nachrichten/kultur/art16,421554
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