Vergessener Kinetismus

Von Clemens Stecher.


Die Hochschule für angewandte Kunst zeigt eine Ausstellung mit Werken von Erika Giovanna Klien, organisiert von Bernhard Leitner, der ihr Lebenswerk und den Wiener Kinetismus aus den 60er Jahren wieder entdeckt und seither Österreich in Erinnerung gerufen hat. Die fundierte Auswahl der Schau ermöglicht einen relativ kleinen Einblick in Kliens sehr umfangreiches Werk, berücksichtigt aber fast alle Schaffensperioden dieser vielseitigen, in Österreich fast ein halbes Jahrhundert lang völlig vergessenen Künstlerin.

Zwischen den Weltkriegen

Erika Klien
Erika Klien
Geboren 1900 in Borgo di Val Sugano (Trentino), entwickelt Erika Giovanna Klien bereits sehr früh ein ausgeprägtes Interesse am Zeichnen, aber auch am Schauspiel. Klien besucht ab 1919 die Wiener Kunstgewerbeschule, die spätere Hochschule für angewandte Kunst, wo sie den von Franz Cizek geleiteten Kurs für ornamentale Formenlehre belegt.

Dieser versteht seine Lehrtätigkeit als schöpferisches Künstlertum und unterrichtet sowohl Kinder als auch Erwachsene mit damals vollkommen neuartigen Methoden, die auch auf Einflüsse des Bauhaus zurückzuführen sind. Stilelemente vor allem des Kubismus und Futurismus, ferner Orphismus, Konstruktivismus und Purismus werden zwar nie klar von einander abgegrenzt, aber durchaus eigenständig miteinander verwendet.

Der Wiener Kinetismus

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Für Kliens späteres Werk wohl am wichtigsten sind Franz Cizeks "kinetische" Studien. Mehrere Ansichten eines bewegten Motivs werden innerhalb ein- und derselben Arbeit dargestellt, aufeinander zu bezogen und ineinander verschachtelt. Diese sicher auch aufgrund selbstherrlicher Ablehnung während der Monarchie leicht verspätet auftauchende Mischung jener Stilrichtungen, die als Avantgarde schon vor dem ersten Weltkrieg international Epoche gemacht hatten, wird als Wiener Kinetismus bekannt.

Jährliche Ausstellungen

Der Kinetismus wird jedoch von den meisten Zeitgenossen als "unwienerische" Moderne abgelehnt und gerät bereits Ende der 20er Jahre in Vergessenheit. Die kargen Jahre nach 1945 bedeuten schließlich das Ende für Cizeks Schule. Erika Giovanna Klien bleibt als einzige Absolventin dem Kinetismus bis zu ihrem Tod verpflichtet und definiert ihn für ihr Werk neu.

Die Situation ist für die Künstlerin, die immer frei schaffend hatte arbeiten und leben wollen, dementsprechend schwierig. In Österreich, wo es ihr zu Lebzeiten nie gelingen sollte, sich zu etablieren, schafft sie ein kinetisches Marionettentheater, das vollständig erhalten ist.

Sie entwirft einerseits Gebrauchsgrafik, Holzspielzeug und Strafportomarken, unterrichtet andererseits 1926 bis 1929 an der Elisabeth Duncan School in Salzburg/Kleßheim. Vorrangig die Hoffnung, die durch die Schule verstärkte Beziehung zu Amerika nützen zu können, um als Künstlerin den Durchbruch zu schaffen, lässt Erika Giovanna Klien 1929 emigrieren.

Klien wird Amerikanerin

Als Lehrerin sofort sehr erfolgreich, unterrichtet sie in New York bis 1935 an mindestens sieben Schulen, wo sie meist auch ausstellt. Unter anderen ist sie an der Spence School, der New School of Social Research, der Dalton School und später an der Walt Whitman School tätig.

Klien malt und zeichnet Stadtansichten, U-Bahnen und Vogelflüge in ihrem Stil, der zunehmend abstrakter und reduzierter wird. Sie studiert die Kunst der Indianer und wird 1938 amerikanische Staatsbürgerin.

Mangelnder Erfolg

In den 30er Jahren entstehen einige ihrer stärksten Bilder, die Menschen beim Gebrauch physikalisch so genannter einfacher Maschinen zeigen. Dennoch gelingt es ihr auch in Amerika nicht, sich als Künstlerin zu etablieren, oft verschenkt sie ihre Werke an Freunde. Um überleben zu können, gestaltet Klien Werbungen, Plattencover, Tapeten und Programme für Aufführungen am Broadway.

1951 verlässt sie die Walt Whitman School aus gesundheitlichen Gründen und ist finanziell von ihrer Schwester abhängig. In den letzten Jahren ihres Lebens arbeitet Klien als frei schaffende Künstlerin. Weitere Vogelflüge und "Subway"-Bilder entstehen.

Als sie 1957 stirbt, ist sie in Österreich vergessen, ihre Arbeiten werden hier 1975 erstmals in einer Einzelausstellung gezeigt.

Tipp:

"Erika Giovanna Klien - Wien New York 1900 bis 1957" Hochschule für angewandte Kunst im Heiligenkreuzer Hof vom 26.1. - 23.3.2001. Zur Ausstellung erscheint im Hatje Cantz Verlag eine gleichnamige Monografie. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag von 11.00 bis 18.00 Uhr, sowie Samstag von 10.00 bis 17.00 Uhr.

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