Jüdisches Museum: Der "sportliche Bildhauer" Karl Duldig
Tennisschläger und Meißel
Von Claudia Aigner
Seine Hände hatten immer viel zu tun:
1923 war er österreichischer Meister im Tischtennis, aber auch im "großen"
Tennis war er sehr aktiv. Und beim Fußballspielen war er natürlich der
Einzige (außer dem Schiedsrichter), der die Hände benutzen durfte: der
Tormann. Noch dazu ein erfolgreicher. (Beim jüdischen Sportklub Hakoah.)
1924 verließ er freilich das Tor. Wegen dem Verletzungsrisiko. Denn
"eigentlich" war er ja Bildhauer. Und dafür hatte er seine Hände besonders
nötig. (Ein Opernsänger sollte ja auch besser nicht so nebenbei noch ein
leidenschaftlicher Feuerschlucker sein.) Bis 4. Mai ruft ihn das
Jüdische Museum wieder in Erinnerung: den (jedenfalls in seiner
langjährigen Heimatstadt Wien) ziemlich vergessenen "sportlichen
Bildhauer" Karl Duldig, der sein Leben lang, wohin es ihn auch verschlagen
hat, der menschlichen Figur treu geblieben ist und sich - im Kern
zumindest - nie völlig vom Klassizismus abgewandt hat. Obwohl er da und
dort, insbesondere bei seinen Masken, durchaus sehr weit zur Abstraktion
vorgedrungen ist. Ganz zu schweigen von seiner einprägsam strengen
Nofretete, die voller "negativem Volumen" ist. Gleich mehrmals musste
Karl Duldig (1902 bis 1986) in verschiedenen Weltgegenden neue Wurzeln
schlagen. In Galizien geboren, zog er mit seinen Eltern 1914 in die
damalige k. k. Reichshauptstadt Wien und studierte dort später bei Anton
Hanak, der seine Schüler dazu anhielt, gleich direkt in den Stein
hineinzuarbeiten und dem Material quasi nichts gegen seinen Willen
aufzuzwingen. Um nach dem Studium (zuletzt war er Meisterschüler von Josef
Müllner) als freischaffender Bildhauer überleben zu können, reparierte
Duldig nebenher Tennisschläger. 1938, als es für Juden immer
"ungemütlicher" wurde, gelang es ihm, über seine "Tennis-Connection" (weil
er also immer wieder Tennisturniere in der Schweiz bestritt), ein Visum
fürs westliche Nachbarland zu bekommen, reiste mit Frau und Tochter in die
englische Kronkolonie Singapur weiter, bevor das "Umtopfen" munter
weiterging. Als "feindliche Ausländer" wurden die Duldigs nämlich 1940 in
jenes Land deportiert, mit dem Österreich regelmäßig verwechselt wird:
Australien. Verbrachten dort zwei Jahre in einem Internierungslager, bis
sie sich dann endgültig in der Gegend von Melbourne "eingepflanzt" haben.
Wieso ich mich so lange mit Karl Duldigs Biografie "aufgehalten" habe?
Weil sein Werk kaum losgelöst davon zu sehen ist. Etwa sein ausgeprägtes
(und beneidenswertes) Improvisationstalent. Das wurde zweifellos durch die
Lebensumstände gefördert, um nicht zu sagen: gestählt. Im Lager
beispielsweise. Da ließ er sich zum Brennholzhacken einteilen (schon
wieder was Manuelles, wobei zwischen Holzhacken und Tennisspielen ja
ebenfalls eine gewisse Verwandtschaft besteht, insofern man auch beim
Hacken eine kräftige Vorhand braucht). Und einmal hat er dabei, gleich mit
der Axt, eine Skulptur (Mutter mit Kind) aus einem Eukalyptus-Ast gehauen.
Die wurde allerdings irgendwann von einem Lagerneuling wieder zum
Brennholz degradiert. Es ist verlockend, nun jenen Mann zu zitieren, der
Jahre danach während einer Ausstellung auf Duldig zugekommen ist und, wie
sich seine Tochter Eva erinnert, bemerkt hat: "Sie sind im verkehrten
Land." Seine erste Skulptur aus Eukalyptusholz ist jetzt zwar Rauch
und Asche und endgültig verflogen, seine "Magna Mater" (mit 2,35m das
größte Objekt der Ausstellung) entschädigt uns aber vollauf. Hier hat sich
Duldig - sein Lehrer Hanak lässt grüßen - ganz dem Baum anvertraut. Und
die Hände des Betrachters leiden, wenn sie nicht hingrapschen dürfen. Das
Holz stammt von einem Rieseneukalyptus, der am Areal jenes Melbourner
Gymnasiums geschlägert worden ist, wo Duldig Kunsterzieher war. Duldig
hatte ja schon immer einen Hang zum "ortsansässigen" Rohstoff. Hat sogar
eigenhändig Tonerde aus seinem neuen Heimatboden Australien ausgegraben.
Seine Kontaktaufnahme mit der neuen Heimat war also sehr intensiv. Und
sehr direkt. Not machte auch schon 1942 erfinderisch. Und beim Militär
(ja, bei der australischen Armee war er auch kurz) hat Duldig beim
Küchendienst eben seine Plastiken aus großen Kartoffeln geschnitten. Und
davon Gipsabgüsse angefertigt. Ein paar Exemplare davon (mittlerweile in
Bronze) sind ebenfalls zu sehen. Wie jede Menge Porträtköpfe, die zeigen,
dass Duldig auch ein ausgezeichneter, präziser Porträtist war. Das
kleinste Opus der Schau ist übrigens der Porträtkopf des Oberrabbiners Zwi
Peretz Chajes. Nicht größer als eine Murmel.
Erschienen am: 16.04.2003 |
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