Malerei als Flucht vor dem Tod

Von Karin Schlinger.


Der Nachlass von Ili Kronstein wurde vor einiger Zeit dem Jüdischen Museum Wien als Schenkung übertragen. Nach der Aufarbeitung des Materials ist jetzt das Werk dieser in Vergessenheit geratenen Künstlerin zu sehen. Die Bilder aus den Jahren der Emigration zeugen von einer zum Überleben notwendig gewordenen Gegenwelt, um der Todesgefahr von außen, aber auch von innen zu entgehen.

Flucht in die Kunst

Ili Kronstein
Ili Kronstein

Die 1897 geborene Wienerin teilt das Schicksal vieler österreichischer Kulturschaffender jüdischer Herkunft, die durch die nationalsozialistische Verfolgung in Vergessenheit geraten sind. Nach einer wochenlangen Gestapo-Haft gelingt ihr 1938 von Wien aus die Flucht mit ihren beiden Töchtern nach Liechtenstein zu ihrem Mann, der sich schon zuvor dorthin abgesetzt hatte. In der Kleinstadt Vaduz bleibt sie nur wenige Monate. Ohne Mann und Familie fängt sie in einem Dorf in der Nähe von Nizza ein neues Leben an. Ein Leben, in dem sich die Itten-Schülerin nur noch mit ihrer Malerei auseinandersetzen will, nachdem sie ihr Atelier in Wien zwangsweise aufgeben musste.

Komposition, Schwangere, 1940/41
Komposition, Schwangere, 1940/41

Im mediterranen Licht der Cote d'Azur findet Ili Kronstein in kargen äußeren Verhältnissen auf mehreren Wegen zur Abstraktion. Sie stellt die Menschen in der südfranzösischen Landschaft in den Mittelpunkt ihrer Kunst. Diese zweite künstlerische Offensive erstreckt sich allerdings nur auf viereinhalb Jahre. Von Nizza aus wird sie 1940 für mehrere Wochen in ein französisches KZ gesperrt. Gleich darauf wird sie von einer schweren Krankheit heimgesucht, von Multipler Sklerose, an der sie 1948 stirbt. Ihrer Familie gelingt es 1942 unter großen Schwierigkeiten, sie von Frankreich nach Liechtenstein zu holen, um sie dort medizinischer Behandlung zu unterziehen.

Trotz der fortschreitenden Lähmung ihres Körpers schafft Ili Kronstein 1943 noch zwei außergewöhnliche Selbstbildnisse. Die nur halb gearbeiteten Gesichter erzählen vom Festhalten und Schwinden ihrer Kräfte, die nur wenige Jahre später ganz versiegen.

Die Ausstellung

Kopf, 1940/41
Kopf, 1940/41

Von Ili Kronsteins Werk ging viel in den Jahren der Flucht verloren. Den Nachlass von etwa 120 Zeichnungen und Pastellen rettete ihre Tochter Nora Kronstein von Liechtenstein über England nach Israel. 1997 schenkte sie zusammen mit ihrer Schwester Gerda Lerner die Werke dem Wiener Jüdischen Museum. Zu sehen sind jetzt 70 Zeichnungen und Pastelle, begleitet von einer Dokumentation auch über das pädagogische Werk der Künstlerin. Letzteres ist ein Mal- und Zeichenkurs, den sie in der Tradition ihres Lehrers Johannes Itten gestaltete und der als Audio-Installation präsentiert wird.

Tipp

Die Ausstellung "Die Welt der Ili Kronstein" im Jüdischen Museum Wien bis 25. März 2001.

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