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23.02.2006 - Kultur&Medien / Ausstellung
"documenta 12": Algenkrokant in neuem Kontext
VON CLAUDIA HERSTATT
Der Wahlwiener Roger M. Buergel gab erste konkrete Einblicke in sein Konzept für die 2007 stattfindende "documenta 12".

480 Tage vor Eröffnung der "documenta 12" gaben der künstlerische Leiter Roger M. Buergel und seine Kuratorin Ruth Noack am Montag eine Pressekonferenz in Kassel, die an deren Ernsthaftigkeit für das 100-Tage-Projekt kaum Zweifel ließ. Werke von "allerhöchstens", so Noack, 100 Künstlern aus vielen Teilen der Welt sollen in neuen Zusammenhang gestellt werden. "Es besteht immer die Gefahr", so die Kuratorin, "wenn man Kunst von sehr weit weg holt, dass sie ihren Kontext verliert. In der direkten Auseinandersetzung mit anderen Werken wollen wir ihnen eine neue Geschichte geben."

Überhaupt soll Kommunikation in den unterschiedlichsten Formen angesteuert werden: Im Kasseler Kulturzentrum Schlachthof hat bereits eine Gesprächsrunde von 45 Teilnehmern aller Gesellschaftsschichten begonnen "documenta zu denken", der brasilianische Künstler Ricardo Basbaum erarbeitet mit Bürgern sogenannte Skulpturen, die sie mit nach Hause nehmen, um mit ihnen eine Weile zu leben.

"Es war klar, dass diese documenta nur dann funktioniert, wenn sie auch lokal funktioniert," sagt Buergel, "wenn die Menschen hier begreifen, dass ihre Probleme die gleichen Probleme anderer in ganz Deutschland beziehungsweise Europa sind, zwischen Migration, Integration, Leitbildgedanken und dem Clash der Kulturen."

Drei Leitmotive durchziehen die Veranstaltung, die am 16. Juni 2007 eröffnet wird: Den Fragen "Ist die Moderne unsere Antike?", "Was ist das bloße Leben?", "Was tun?" soll mit den Mitteln der Kunst nachgegangen werden. Weder von einem Theorieüberbau noch mit Textlastigkeit wollen die beiden Kuratoren die zwölfte Ausgabe dieser traditionell bedeutendsten Weltkunstschau überfrachten. Ruth Noack: "Wir wollen den Werken ihre Autorität lassen, weil sich diese bei zu viel Papier immer in Richtung Text verschiebt."

Was man als Gag hätte verstehen können, den alphabetisch erst- und letztgenannten Künstler der noch unbekannten Liste vorzustellen, erwies sich als exemplarisch, und gab in diesem winzigen Ausschnitt eine Ahnung, wo die "documenta 12" hinführen könnte. "Was sehen Sie?", fragte Buergel und erklärte dann die Dias: "Weiße Schokolade mit schwarzen Oliven, Algenkrokant, Safransojareis mit wilden Miesmuscheln". Der spanische Starkoch Ferran Adria hat sich bereit erklärt, diese "documenta" mit anzurichten. Nicht als "Kantinenkoch", so Buergel, "sondern weil er Grenzerfahrungen zwischen Materiellem und Immateriellem wie ein Künstler auslotet." Ergreifend war das Hörstück "Gluchy Bach" des polnischen Künstlers Artur Zmiljewski, die Tonaufnahme einer Bach-Kantate, einstudiert von einem Chor Gehörloser und Schwerhöriger.

Unprätentiös ist das ebenfalls vorgestellte Logo der "documenta 12": Eine Reihe von Zählstrichen markieren das Dutzend wie eine Signatur. Für die Öffentlichkeitsarbeit zeichnet ab dem 1. März übrigens Catrin Seefranz verantwortlich, zuletzt Sprecherin des Wiener Filmfestivals "Viennale".

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