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Kunstberichte
Ausstellung: The Death of the Audience

Secession: Die toten Autoren leben wieder länger

"La Femme Commode" von Nicola L. Foto: Secession/W. Thaler

"La Femme Commode" von Nicola L. Foto: Secession/W. Thaler

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Aufzählung Wie frühere Kuratorenschauen der Secession nimmt auch die heurige auf hauseigene Geschichte Bezug: Die Secession als erster idealtypischer Ausstellungsraum der modernen Kunstgeschichte, die Abspaltung von der institutionalisierten Kunst rund um 1900 – für den Kurator Pierre Bal-Blanc, Direktor des Centre d’Art Contemporain in Brétigny bei Paris, Bezugspunkte zum Heute. Auch die Auflösung der Grenze zwischen den Künsten lässt sich einst und heute orten. Die Konfrontations-Strategie bleibt eine spannende Methode.

Eine vergleichbare Phase revolutionärer Veränderung in der Kunst wurde um 1970 eingeleitet. Roland Barthes schrieb damals vom "Tod des Autors" (nur das Werk würde überdauern), 1975 betonte Marcel Duchamp, dass nicht mehr nur Künstler Kunstwerke machen.

Wenn das Publikum nun unter dem Titel "The Death of the Audience" zu seinem eigenen Begräbnis eingeladen wird (mit partenähnlicher Karte!), ist dieser Umgang mit den sozialen Bedingungen von Kunst natürlich teils eine Provokation. Sie beginnt im Vorraum mit Bernard Baziles 1989 initiierter Öffnung einer Dose Künstlerkot Piero Manzonis. 1961 hat Manzoni behauptet, in 90 Konservendosen 30 Gramm seiner Exkremente gefüllt zu haben, die er jeweils zum Tageswert von 30 Gramm Gold verkaufte. Das Geheimnis des Inhalts wurde gelüftet, ein scheinbar unantastbares Werk der Avantgarde zerstört – oder war es eine Bereicherung der Kunstikone? Eine Dokumentation zeigt die Ausführung der Demontage hier noch einmal, bereichert um politische Inhalte.

Kunst als Parasit

Lois & Franziska Weinberger haben das Glasdach im rechten Flügel des Hauptraums geöffnet und lassen Baumschwämme über die Decke hinauswachsen: Demontage als Öffnung in andere Lebenswelten. Klebt sich Kunst wie ein Parasit an unsere Fersen?

Viele der Positionen stammen von Verweigerern des Kunstmarktes. Sie fordern die Emanzipation von der institutionalisierten Sicht der Kunstgeschichte und die Weigerung, sich auf eine Betrachterrolle festlegen zu lassen. Damit können wir uns erleichtert durch den Papierstreifenwald Gianni Pettanas schneiden (erstmals 1971 installiert), müssen die wandernden Wände Robert Breers nicht bedrohlich empfinden und können die zerknüllten Manifeste auf rotem Papier von Sanja Ivekoviæ unabsichtlich mit den Schuhe verschieben.

Erotische Zeichnungen Pierre Klossowskis korrespondieren hier mit anthropomorphen Möbeln von Nicola L. (heute in New York tätig, um 1970 in der französischen Pop-Szene). Und den Mittelpunkt bildet nur scheinbar Franz Xaver Wagenschöns barockes Jugendbildnis von Marie Antoinette als tragischer Ikone der französischen Revolution: In direkter Nachbarschaft wird sie mit Videos von Bazile beschallt, die Pariser Protestmärschen seit 1990 zeigen. – Bedeutet Secession auch einen "Verlust der Mitte", den Hans Sedlmayr für das 20. Jahrhundert beschwor? Fernab von derart Theatralischem lässt sich jedenfalls auch Ludwig Wittgensteins "Tractatus Logico philosophicus", übersetzt in eine Partitur und den Sound von Cornelius Cardew (1936-1981), fast unbeschwert genießen.

Aufzählung Ausstellung
The Death of the Audience
Pierre Bal-Blanc (Kurator)
Secession
bis 6. September

Printausgabe vom Freitag, 03. Juli 2009

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