Mit dem Ursprung verknüpft
Ausstellung
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Kirchners Webteppich „Das Leben“. Foto: Städel Museum
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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer
Sigmund Freud schrieb den Frauen die
Erfindung der Kultur zu – das Weben von Teppichen hatte auch eine
erotische Komponente für ihn. Bauhaus und Expressionisten waren im 20.
Jahrhundert besonders an der Umsetzung bildnerischer Ideen in Teppichen
interessiert. Ein ausgefallenes Werk im Städel-Museum erinnert derzeit
an diese Verbindungen von Kunst und ursprünglichen Lebensformen: der
Webteppich "Das Leben", den Lise Gujer nach den Entwürfen von Ernst
Ludwig Kirchner für den Frankfurter Industriellen Carl Hagemann 1928
bis 1932 gewebt hat.
1927 hatte der Direktor der Leopold
Cassella Farbenwerke Kirchner in Davos besucht und wollte Kirchner und
Gujer den Teppich "Alpaufzug" abkaufen, mit dem der spätere
Spezialauftrag in zwei Teilen für einen Türdurchgang Ähnlichkeit hat.
Heute ist das bunte Gewebe einteilig und fast drei Meter breit. Es
zeigt die Realität der Bergwelt abgeflacht abstrahiert mit zwei
gezackten Wegen für Mensch und Tier – zum Almauftrieb korrespondiert
der Lebensweg des Menschen mit verschiedenen Altersstufen.
Größenverhältnisse sind unberücksichtigt, Perspektive fehlt, und im
Vordergrund gibt es ein städtisches und ein bäuerliches Tanzpaar sowie
ein nacktes und ein angezogenes Frauenduo. Die ornamentale Wirkung ist
typisch für die Zwanzigerjahre – Kirchner übertrug ihn sogar in seine
Malerei, die von Donald Gordon in den Schweizer Jahren als
"Teppichstil" charakterisiert wird. Die Wichtigkeit des Textilen und
des Folkloristischen ist auch bei Künstlern wie Wassily Kandinsky oder
Emil Nolde bekannt: die "primitiven Urvölker" und das Kunstgewerbe
siegten über die akademische Kunst – aus Können wurde Verlernen in der
Phase der klassischen Moderne.
Kirchner arbeitete 1922 bis 1933 mit Lise Gujer in Davos zusammen,
wohin er nach der Trennung der "Brücke"-Künstler in Berlin gezogen war.
1938 nahm sich der von den Nationalsozialisten Verfemte das Leben, sein
Teppich überdauerte in einem Depot des Städel-Museums den Weltkrieg,
weshalb die Erbin von Hagemann ihn 1966 diesem übergab.
Fokus auf Ernst Ludwig Kirchner: Das Leben
Frankfurt Städel-Museum
Kabinett zum Main
Dürerstraße 2
Frankfurt am Main
Bis 9. September
Neu verknüpft.
Mittwoch, 08. August 2007