Was die Galerie Kargl derzeit bietet, erinnert mich ja verdammt an das
Frau-Holle-Paradoxon. Die Frau Holle, das ist jene Arbeitgeberin, die ihre
Haushaltshilfe, wenn sie mit ihr zufrieden ist, bei Beendigung des
Arbeitsverhältnisses unermesslich reich macht (diese Arbeitskraft, die mit
einer supergroßen Abfertigung freigesetzt wird, nennt man dann
„Goldmarie“).
Und wenn das Dienstmädchen während der Arbeitszeit nur herumgelungert
ist, macht die Frau Holle es am Ende unermesslich dreckig. (Diese hinfort
vom AMS schwer vermittelbare Arbeitnehmerin ist eine so genannte
„Pechmarie“, die aussieht, als hätte sie eine Krankheit namens „Ölpest“
und die schon aus hygienischen Gründen nirgends mehr anzubringen ist.)
Galerie Kargl: Besuch beim Herrn Thanatos
Und das soll paradox sein? Die Brüder Grimm würgen hier doch einfach
schon den Kleinsten, die ja die Adressaten des Märchens sind, die
Propagandabotschaft des Arbeitsmarktes rein:
Wenn du schön fleißig bist, wirst vielleicht auch du einmal von der
Tellerwäscherin zum Aschenputtel befördert äh von der Millionärin zum
Dornröschen oder . . . ach, die Buben und Mädeln, die während der
Gutenachtgeschichte eingeschüchtert in ihren Bettchen liegen und bereits
bibbern (aus Angst vor ihrer zukünftigen Langzeitarbeitslosigkeit),
kapieren schon, worum’ s geht. Und wer faul ist, wird später mit Schimpf
und Schande frühpensioniert und kriegt nicht einmal die Mindestpension.
Nein, paradox ist vielmehr, dass die Frau Holle unter Tage lebt
(irgendwo beim Grundwasser, schließlich muss man in einen Brunnen
springen, um hinzukommen), und trotzdem scheint dort die Sonne. Und wenn
sie (wohlgemerkt: unter der Erde) die Betten macht (ein magisches
Hausfrauenritual, mit dem sie über die Daunen gebietet), schneit es droben
bei den Menschen. Ein Verstoß gegen die Naturgesetze, weil’ s doch
eigentlich von oben nach unten schneit.
In die Eingeweide der Kunst hinabsteigen
Und ungefähr so ist’ s jetzt auch beim Kargl. Da ist das Stockwerk
ebenfalls nicht ganz geklärt, in dem man sich gerade befindet. Im Parterre
zeigen Pfeile demonstrativ in den Boden hinein und geben die Fahrtrichtung
der Höllenfahrt an. Steigt man dann in die Eingeweide der Galerie hinab,
in den Keller, steht am tiefsten Punkt an der Wand: „go deeper“ (geh
tiefer), obwohl man doch schon wieder vor Stufen steht, die nach oben
führen. Geht man jetzt also rauf und zugleich runter und ist man dann noch
in der Unterwelt? Oder geht man einfach zügig bis zum Himmel durch, zumal
der hinterste Raum eine Glasdecke hat, mit freier Sicht aufs
Sonnenlicht?
Das Reich des Franz Graf ist wirklich nicht wie die sympathischen
Gefilde der Frau Holle, wo die liebreizenden Äpfel höflich darum bitten,
gepflückt zu werden (andererseits ist nirgends überliefert, dass sie
nachher „danke“ gesagt hätten), und wo das frischgebackene Brot
vertrauensvoll zu einem spricht. Nein, da würde eher ein gemästetes
Adipositas-Schweinchen umhertrippeln und verzweifelt schreien (zur
Überprüfung der Arbeitsmoral des Besuchers): „Ach, schlacht mich ab,
schlacht mich ab, sonst platz ich: Ich bin schon längst fett!“ Und wenn
man das nicht tut, weil man im Arbeitsleben partout nicht zupacken will,
schüttet einem der Nitsch zur Disziplinierung einen Kübel Blut über den
Kopf.
Das Messer für den Arbeitswilligen hingegen müsste das Schweinderl
nicht einmal selber apportieren. Eine Ehrfurcht gebietende Klinge baumelt
eh an einer Kette. Eher das Arbeitsutensil eines Serienkillers als eine
„Kochwaffe“, die sich im Mittagsfleisch zurechtfindet. Überhaupt lässt
Graf hier sehr brachiale Objekte auf uns los, die Schmerz und Tod
verheißen. Ein schweres Eisenkreuz, das Sinnbild des Leidens und des
Triumphes Christi, der sich vom Tod ja wieder erholt haben soll, hat er
auf mitleidlose Fleischerhaken aufgehängt wie eine Schweinehälfte.
Stand Pandoras Büchse in der Kunstakademie?
Und dann die schwarze Farbe, die wie Blut rinnt: Die Botschaft „Not“
auf einem fest verschlossenen Kasten, der die Neugier anstachelt wie die
noch gefüllte Büchse der Pandora. Bedeutet „Not“, dass das Möbel von Grafs
Arbeitsplatz an der Akademie das Elend enthält, oder verbietet es auf
Englisch, das Schloss aufzubrechen („nicht!“)?
Graf, der die räumlichen Gegebenheiten der Galerie geradezu empathisch
nutzt für seine Stippvisite beim Thanatos, versteht es wirklich, uns mit
seiner brutalen Ästhetik einzufangen. Nicht zuletzt dann, wenn er
Intellektualität (Wortverstümmelungen) und sinnliche Materie aufeinander
hetzt. Etwa wenn er das Wortbildungselement „para“ (das für sich allein
nicht viel heißt) mit einer leibhaftigen Machete ersticht.
Der Jenseitswillige liest da sofort „Paradies“ (und sieht am Griff die
Hand des Mörders der Seligkeit, also die Pratze vom Friedrich Nietzsche).
Der Mediziner denkt sich um die Stichwunde ein Ohr herum (Parazentese =
Durchstoßen des Trommelfells bei Mittelohrvereiterung, zur Schaffung einer
Abflussmöglichkeit für den Eiter).
Franz Graf lebt zurückgezogen im Waldviertel (das hat die
kinderbrutzelnde Knusperhexe ja auch getan – zurückgezogen gelebt, mein’
ich) und hat ein hektisches Video über sein unheimliches Häuschen im
Knusperwaldviertel gedreht. Die großen Lautsprecherboxen potenzieren die
Tonlosigkeit des Films optisch zur Grabesstille. Ohrenbetäubend leise ist
es da. Wie eine voll aufgedrehte Stereoanlage bei Stromausfall. Requiescat
in pace!
Hilger Contemporary: Tobsuchtsanfälle
Das Wetter lässt so richtig die Sau raus, der dramatische Wolkenhimmel
busselt die hysterischen Wellen ab und alles schwappt ineinander. Julie
Monaco hat es das monumentale Element angetan, in dem sich schon Columbus
und Captain Cook abrackerten: das Meerwasser. Und sie wirft in ihren
theatralischen Breitformatbildern ihre Sturmtiefs fast so bravourös in die
Landschaft wie William Turner. Und dieser malende Intimus des schlechten
Wetters hat die Natur immerhin in die Waschmaschine gesteckt und dann den
Schleudergang eingestellt (quasi). Und doch ist bei Monaco alles beinhart
am Computer ausgerechnet (außer die eigenhändigen Pinselschwünge, mit
denen sie die perfekte künstliche Landschaft verwüstet). Beinah so etwas
wie genial.
Quer durch die Galerien
Galerie Kargl
(Schleifmühlgasse 5)
Franz Graf. Lovemydreams.
Bis 14. Jänner 2006
Di. bis Fr. 11 bis 19 Uhr
Do. 11 bis 20
Uhr
Sa. 11 bis 15 Uhr
Hilger Contemporary
(Dorotheergasse 5)
Julie Monaco.
Bis
14. Jänner
Di. bis Fr. 10 bis 18 Uhr
Do. 10 bis 20 Uhr
Sa. 10
bis 16 Uhr
Freitag, 23. Dezember
2005