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Kunstberichte

Das Paradoxon der Frau Holle

Quer durch die Galerien
Es geht ja immer nach unten: in den Orkus, in die Hel (oder in den Keller). Ein Pfeil von Franz Graf sagt mehr als 1000 Höllenfahrten. Oder äh . . . na ja. Galerie Kargl

Es geht ja immer nach unten: in den Orkus, in die Hel (oder in den Keller). Ein Pfeil von Franz Graf sagt mehr als 1000 Höllenfahrten. Oder äh . . . na ja. Galerie Kargl

Von Claudia Aigner

Was die Galerie Kargl derzeit bietet, erinnert mich ja verdammt an das Frau-Holle-Paradoxon. Die Frau Holle, das ist jene Arbeitgeberin, die ihre Haushaltshilfe, wenn sie mit ihr zufrieden ist, bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses unermesslich reich macht (diese Arbeitskraft, die mit einer supergroßen Abfertigung freigesetzt wird, nennt man dann „Goldmarie“).

Und wenn das Dienstmädchen während der Arbeitszeit nur herumgelungert ist, macht die Frau Holle es am Ende unermesslich dreckig. (Diese hinfort vom AMS schwer vermittelbare Arbeitnehmerin ist eine so genannte „Pechmarie“, die aussieht, als hätte sie eine Krankheit namens „Ölpest“ und die schon aus hygienischen Gründen nirgends mehr anzubringen ist.)

Galerie Kargl: Besuch beim Herrn Thanatos

Und das soll paradox sein? Die Brüder Grimm würgen hier doch einfach schon den Kleinsten, die ja die Adressaten des Märchens sind, die Propagandabotschaft des Arbeitsmarktes rein:

Wenn du schön fleißig bist, wirst vielleicht auch du einmal von der Tellerwäscherin zum Aschenputtel befördert äh von der Millionärin zum Dornröschen oder . . . ach, die Buben und Mädeln, die während der Gutenachtgeschichte eingeschüchtert in ihren Bettchen liegen und bereits bibbern (aus Angst vor ihrer zukünftigen Langzeitarbeitslosigkeit), kapieren schon, worum’ s geht. Und wer faul ist, wird später mit Schimpf und Schande frühpensioniert und kriegt nicht einmal die Mindestpension.
Nein, paradox ist vielmehr, dass die Frau Holle unter Tage lebt (irgendwo beim Grundwasser, schließlich muss man in einen Brunnen springen, um hinzukommen), und trotzdem scheint dort die Sonne. Und wenn sie (wohlgemerkt: unter der Erde) die Betten macht (ein magisches Hausfrauenritual, mit dem sie über die Daunen gebietet), schneit es droben bei den Menschen. Ein Verstoß gegen die Naturgesetze, weil’ s doch eigentlich von oben nach unten schneit.

In die Eingeweide der Kunst hinabsteigen

Und ungefähr so ist’ s jetzt auch beim Kargl. Da ist das Stockwerk ebenfalls nicht ganz geklärt, in dem man sich gerade befindet. Im Parterre zeigen Pfeile demonstrativ in den Boden hinein und geben die Fahrtrichtung der Höllenfahrt an. Steigt man dann in die Eingeweide der Galerie hinab, in den Keller, steht am tiefsten Punkt an der Wand: „go deeper“ (geh tiefer), obwohl man doch schon wieder vor Stufen steht, die nach oben führen. Geht man jetzt also rauf und zugleich runter und ist man dann noch in der Unterwelt? Oder geht man einfach zügig bis zum Himmel durch, zumal der hinterste Raum eine Glasdecke hat, mit freier Sicht aufs Sonnenlicht?

Das Reich des Franz Graf ist wirklich nicht wie die sympathischen Gefilde der Frau Holle, wo die liebreizenden Äpfel höflich darum bitten, gepflückt zu werden (andererseits ist nirgends überliefert, dass sie nachher „danke“ gesagt hätten), und wo das frischgebackene Brot vertrauensvoll zu einem spricht. Nein, da würde eher ein gemästetes Adipositas-Schweinchen umhertrippeln und verzweifelt schreien (zur Überprüfung der Arbeitsmoral des Besuchers): „Ach, schlacht mich ab, schlacht mich ab, sonst platz ich: Ich bin schon längst fett!“ Und wenn man das nicht tut, weil man im Arbeitsleben partout nicht zupacken will, schüttet einem der Nitsch zur Disziplinierung einen Kübel Blut über den Kopf.

Das Messer für den Arbeitswilligen hingegen müsste das Schweinderl nicht einmal selber apportieren. Eine Ehrfurcht gebietende Klinge baumelt eh an einer Kette. Eher das Arbeitsutensil eines Serienkillers als eine „Kochwaffe“, die sich im Mittagsfleisch zurechtfindet. Überhaupt lässt Graf hier sehr brachiale Objekte auf uns los, die Schmerz und Tod verheißen. Ein schweres Eisenkreuz, das Sinnbild des Leidens und des Triumphes Christi, der sich vom Tod ja wieder erholt haben soll, hat er auf mitleidlose Fleischerhaken aufgehängt wie eine Schweinehälfte.

Stand Pandoras Büchse in der Kunstakademie?

Und dann die schwarze Farbe, die wie Blut rinnt: Die Botschaft „Not“ auf einem fest verschlossenen Kasten, der die Neugier anstachelt wie die noch gefüllte Büchse der Pandora. Bedeutet „Not“, dass das Möbel von Grafs Arbeitsplatz an der Akademie das Elend enthält, oder verbietet es auf Englisch, das Schloss aufzubrechen („nicht!“)?

Graf, der die räumlichen Gegebenheiten der Galerie geradezu empathisch nutzt für seine Stippvisite beim Thanatos, versteht es wirklich, uns mit seiner brutalen Ästhetik einzufangen. Nicht zuletzt dann, wenn er Intellektualität (Wortverstümmelungen) und sinnliche Materie aufeinander hetzt. Etwa wenn er das Wortbildungselement „para“ (das für sich allein nicht viel heißt) mit einer leibhaftigen Machete ersticht.

Der Jenseitswillige liest da sofort „Paradies“ (und sieht am Griff die Hand des Mörders der Seligkeit, also die Pratze vom Friedrich Nietzsche). Der Mediziner denkt sich um die Stichwunde ein Ohr herum (Parazentese = Durchstoßen des Trommelfells bei Mittelohrvereiterung, zur Schaffung einer Abflussmöglichkeit für den Eiter).

Franz Graf lebt zurückgezogen im Waldviertel (das hat die kinderbrutzelnde Knusperhexe ja auch getan – zurückgezogen gelebt, mein’ ich) und hat ein hektisches Video über sein unheimliches Häuschen im Knusperwaldviertel gedreht. Die großen Lautsprecherboxen potenzieren die Tonlosigkeit des Films optisch zur Grabesstille. Ohrenbetäubend leise ist es da. Wie eine voll aufgedrehte Stereoanlage bei Stromausfall. Requiescat in pace!

Hilger Contemporary: Tobsuchtsanfälle

Das Wetter lässt so richtig die Sau raus, der dramatische Wolkenhimmel busselt die hysterischen Wellen ab und alles schwappt ineinander. Julie Monaco hat es das monumentale Element angetan, in dem sich schon Columbus und Captain Cook abrackerten: das Meerwasser. Und sie wirft in ihren theatralischen Breitformatbildern ihre Sturmtiefs fast so bravourös in die Landschaft wie William Turner. Und dieser malende Intimus des schlechten Wetters hat die Natur immerhin in die Waschmaschine gesteckt und dann den Schleudergang eingestellt (quasi). Und doch ist bei Monaco alles beinhart am Computer ausgerechnet (außer die eigenhändigen Pinselschwünge, mit denen sie die perfekte künstliche Landschaft verwüstet). Beinah so etwas wie genial.

Quer durch die Galerien

Galerie Kargl
(Schleifmühlgasse 5)
Franz Graf. Lovemydreams.
Bis 14. Jänner 2006
Di. bis Fr. 11 bis 19 Uhr
Do. 11 bis 20 Uhr
Sa. 11 bis 15 Uhr

Hilger Contemporary
(Dorotheergasse 5)
Julie Monaco.
Bis 14. Jänner
Di. bis Fr. 10 bis 18 Uhr
Do. 10 bis 20 Uhr
Sa. 10 bis 16 Uhr

Freitag, 23. Dezember 2005


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