Berlin: Der "Hamburger Bahnhof" widmet Joseph Beuys eine Retrospektive
Was bleibt vom Fett
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Ein Schamane, der polarisierte: Joseph Beuys 1972 bei Verhandlungen im
Düsseldorfer Akademiesekretariat, das er mit Studenten besetzt hatte.
Foto: VG Bild-Kunst/Puls /Lamberty
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Von WZ-Korrespondent Markus Kauffmann

Er sah ein bisschen aus wie Jacques Brel mit Filzhut und Regenmantel.
Als er mit 64 starb, war er der bekannteste und umstrittenste Künstler
im Nachkriegsdeutschland. Sein Œuvre ist untrennbar mit ihm als
Kultfigur verbunden und kann schwerlich betrachtet werden, ohne das
Bild des beredten Protagonisten dahinter zu sehen: Joseph Heinrich
Beuys, 1921 im rheinischen Krefeld geboren, katholisch, Hitlerjunge,
Fliegerschütze, Eisernes Kreuz, Schwerverwundeter, Kriegsgefangener.
Erst
nach 1945 entdeckt er den Künstler in sich, schließt sich dem Klever
Künstlerbund an und immatrikuliert an der Düsseldorfer Kunstakademie,
wo er es bald zum "Meisterschüler" bringt. Anfangs eher konventioneller
Bildhauer, setzt er Ende der 50er erstmals Fett und Filz als
bildnerische Materialien ein. Es folgt eine Professur in Düsseldorf,
die mit seiner fristlosen Entlassung durch den Wissenschaftsminister
beendet wird.
Ruhm in den USA
Ende der 70er gelingt ihm der internationale Durchbruch, das New
Yorker Guggenheim widmet ihm als erstem Deutschen eine umfassende
Retrospektive. Dort trifft er Andy Warhol, der von Beuys’ Gesicht
mehrere Serigraphien herstellt und ihn damit zu einer mit Marilyn oder
Mao gleichrangigen Ikone erhebt. Engagiert, aber politisch erfolglos,
trat Beuys den Grünen bei, denen er bis zu seinem Tod im Jahr 1986
angehörte.
Nun zeigt der "Hamburger Bahnhof", Berlins ambitioniertes Museum der
Gegenwartskunst, unter dem Titel "Beuys. Die Revolution sind wir" eine
der umfangreichsten Werkschauen. "La rivoluzione siamo noi" hatte er
auf das Plakat einer Ausstellung (Neapel, 1971) gekritzelt. Es ist –
wie weitere 270 Werke – in der imposanten Schau zu sehen. Die Begegnung
mit Warhol wiederholt sich auch im Hamburger Bahnhof: Gleich nebenan
hat man für den US-Popart-Star eine Art Verkaufs-Boutique eingerichtet:
Kunst zwischen Glamour und Kommerz.
In einem anderen Trakt des Museumskomplexes sind weitere Stars
moderner Kunst versammelt: Marcel Duchamp, Bruce Naumann, Cindy Sherman
und andere (Titel: "Ich kann mir nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden!")
Alle drei Ausstellungen laufen unter dem Sammelthema "Kult des
Künstlers" als eine Art Abschied für den scheidenden Chef der Berliner
Staatsmuseen, Peter-Klaus Schuster.
Dass gerade Künstler wie Beuys, die am heftigsten gegen den elitären
Mythos des prometheischen, heroisch-genialischen Künstlers
polemisierten, viel dazu beigetragen haben, sich selbst zu einer
solchen Figur zu stilisieren, zeigt etwa die pompös inszenierte
"Heimholung des Joseph Beuys", bei der er ein Jahr nach seiner
Entlassung in einem Einbaum den Rhein bis zum Ufer der Kunstakademie
überquerte.
Botschaft bleibt frisch
Gegen die Werkschau in Berlin wird von Kritikern eingewandt, dass
man zuviel des Guten zusammengepfercht und das Revolutionäre des
Beuys’schen Schaffens – trotz des Titels – in den Hintergrund gedrängt
habe. Wer aber seine bekanntesten Werke wie die "Honigpumpe",
"Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch" oder "Palazzo Regale"
eingehend betrachten will, kommt an der Ausstellung nicht vorbei.
Schamane, Messias, Weltverbesserer: Aus 40 Monitoren doziert der
Mann mit dem Filzhut seine Idee der Verwandlung des Menschen durch
einen erweiterten Kunstbegriff, die im berühmten Satz: "Jeder Mensch
ist ein Künstler" gipfelt. Die Vergänglichkeit seiner Materialien,
Honig, Butter, Abfall – auch sie wird hier sichtbar, verstaubt, ranzig,
schlaff, muffig. Aber seine Botschaft, dass jeder Mensch im Inneren
über schöpferische Impulse verfügt, die ihn befähigen, verantwortlich
und frei zu handeln, bleibt frisch wie eh und je.
Ausstellung
Beuys.
Die Revolution sind wir Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart Berlin Bis 25. Jänner 2009
Mittwoch, 08. Oktober 2008
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