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Kunstberichte

Die Kunst der Nacht

Die Österreichische Galerie Belvedere stellt im Atelier Augarten Kunstwerke über Déjà-vu-Erlebnisse aus
Martina Steckholzer macht Räume als Zitate der Kunstgeschichte erfahrbar. Im Bild:

Martina Steckholzer macht Räume als Zitate der Kunstgeschichte erfahrbar. Im Bild: "alle", 2005. Galerie Kainer

Von von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Dieses seltsame Gefühl, an einem fremden Ort schon einmal gewesen zu sein, ist ein typisches Déjà-vu-Erlebnis. Für Gehirnforscher nur eine zufällige Gleichschaltung im Gehirn, ist es für Künstler offenbar ein beglückender Mythos.

"Falsches Wiedererinnern" nannte es Henri Bergson in einem Text von 1908. Eine Ausstellung der Österreichischen Galerie Belvedere im Atelier Augarten widmet sich nun dem scheinbar rätselhaften Phänomen: Kurator Thomas Trummer nennt sie nicht ganz glücklich im Untertitel: "Der Augenblick der Nachhaltigkeit in der zeitgenössischen Kunst." Er hat zu Constantin Luser und Martina Steckholzer aus Österreich die Deutschen Isabell Heimerdinger und Clemens von Wedemeyer, den Briten David Thorpe, den Tschechen Jan Mancuska und die Amerikanerin Anna Gaskell ausgewählt.

Schattenmenschen

Das zeitgeistige Déjà-vu gibt sich nächtlich: Thorpe (aus London) übt sich dabei im altbekannten Silhouetten-Scherenschnitt von Buntpapier. Modernistische Architekturen, entlaubte Bäume, Schattenmenschen und Gestirne mischen sich ästhetisch. Dazu gibt es große Paravents aus Holz und Glas, die Ornament zur "Protecting Army II" verwandeln.

Gaskell (aus New York) hält auf ihren großen Fotos märchenhafte Nachtsituationen mit Kindern, Schnee und flacher Mondscheibe fest: Das Gruseln wird kunstfähig.

Heimerdinger (aus Berlin) lässt den bekannten Schauspieler Wolfram Berger mit versteckter Kamera lange warten. Danach muss die unbewusste Rolle des Wartenden möglichst gleich wiederholt werden: Profi Berger verrät sich nur mit kleinen Gesten und Besucher müssen unterscheiden, was echt, was vorgetäuscht ist.

Luser (aus Graz) zeichnet mit schwarzem Stift Doppelt- und Dreifachlinien an die Wand, alles fließt, wird unscharf und löst Schwindelgefühle aus.

Konzeptuell als Resumee über die Kunst hängt Mancuska (aus Prag) einen Satz in Silberbuchstaben quer durch den Raum, am Ende geht er in das Lichtviereck einer Filmprojektion des Satzes über. Spiegelung als Metaebene ist eines der ältesten Mittel um Kunst erfahrbar zu machen, Déjà-vu und Erinnerungskunst überschneiden sich.

In Steckholzers (Wien und Klagenfurt) schwarzweißen Bildern werden Räume als Zitate der Kunstgeschichte erfahrbar. Besonders die Klassiker der Abstraktion, Moholy-Nagy oder Rodtschenko, stellen sich als Analytiker eines Mythos erneut vor. Sind wir also alle nur Opfer unserer Nachtgesichte am Tage?

Samstag, 24. Dezember 2005


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