Dieses seltsame Gefühl, an einem fremden Ort schon
einmal gewesen zu sein, ist ein typisches Déjà-vu-Erlebnis. Für
Gehirnforscher nur eine zufällige Gleichschaltung im Gehirn, ist es für
Künstler offenbar ein beglückender Mythos.
"Falsches Wiedererinnern" nannte es Henri Bergson in einem Text von
1908. Eine Ausstellung der Österreichischen Galerie Belvedere im Atelier
Augarten widmet sich nun dem scheinbar rätselhaften Phänomen: Kurator
Thomas Trummer nennt sie nicht ganz glücklich im Untertitel: "Der
Augenblick der Nachhaltigkeit in der zeitgenössischen Kunst." Er hat zu
Constantin Luser und Martina Steckholzer aus Österreich die Deutschen
Isabell Heimerdinger und Clemens von Wedemeyer, den Briten David Thorpe,
den Tschechen Jan Mancuska und die Amerikanerin Anna Gaskell ausgewählt.
Schattenmenschen
Das zeitgeistige Déjà-vu gibt sich nächtlich: Thorpe (aus London) übt
sich dabei im altbekannten Silhouetten-Scherenschnitt von Buntpapier.
Modernistische Architekturen, entlaubte Bäume, Schattenmenschen und
Gestirne mischen sich ästhetisch. Dazu gibt es große Paravents aus Holz
und Glas, die Ornament zur "Protecting Army II" verwandeln.
Gaskell (aus New York) hält auf ihren großen Fotos märchenhafte
Nachtsituationen mit Kindern, Schnee und flacher Mondscheibe fest: Das
Gruseln wird kunstfähig.
Heimerdinger (aus Berlin) lässt den bekannten Schauspieler Wolfram
Berger mit versteckter Kamera lange warten. Danach muss die unbewusste
Rolle des Wartenden möglichst gleich wiederholt werden: Profi Berger
verrät sich nur mit kleinen Gesten und Besucher müssen unterscheiden, was
echt, was vorgetäuscht ist.
Luser (aus Graz) zeichnet mit schwarzem Stift Doppelt- und
Dreifachlinien an die Wand, alles fließt, wird unscharf und löst
Schwindelgefühle aus.
Konzeptuell als Resumee über die Kunst hängt Mancuska (aus Prag) einen
Satz in Silberbuchstaben quer durch den Raum, am Ende geht er in das
Lichtviereck einer Filmprojektion des Satzes über. Spiegelung als
Metaebene ist eines der ältesten Mittel um Kunst erfahrbar zu machen,
Déjà-vu und Erinnerungskunst überschneiden sich.
In Steckholzers (Wien und Klagenfurt) schwarzweißen Bildern werden
Räume als Zitate der Kunstgeschichte erfahrbar. Besonders die Klassiker
der Abstraktion, Moholy-Nagy oder Rodtschenko, stellen sich als Analytiker
eines Mythos erneut vor. Sind wir also alle nur Opfer unserer
Nachtgesichte am Tage?
Samstag, 24. Dezember
2005