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Gabi Trinkhaus: Mediendiebin

24.04.2009 | 11:55 | von Johanna Hofleitner (Die Presse - Schaufenster)

Mit ihren Collagen thematisiert sie den Würgegriff des Schönheitswahns. Etwas wirklich Hässliches zu machen, das fällt ihr dann aber doch schwer.

Es scheint recht überschaubar, das kleine Œuvre der Gabi Trinkaus – und dennoch ist es der in Wien lebenden Künstlerin gelungen, damit eine Signalwirkung zu erzielen wie wenige andere ihrer Generation. Ihre Position in der Szene hat sich die gebürtige Grazerin, Jahrgang 1966, mit einer unverwechselbaren Collagetechnik erarbeitet, mit der sie vor ein paar Jahren im Kunstbetrieb wie Phönix aus der Asche auftauchte, zuerst in diversen Off-Spaces und bald schon vertreten durch die Wiener Trendsettergalerie Georg Kargl.

Wiedererkennungsmerkmal ihrer Arbeiten sind teils geschnittene, teils gerissene Schnipsel aus Hochglanz- und Lifestylemagazinen, die sie bald in schier­ unendlicher Dichte, bald mit viel Weißraum und Leerflächen auf monumentalen weißen, zumeist hochfor­ma­tigen Leinwänden aufklebt und neuerdings auch mit Stecknadeln aufpinnt.

Dabei konzentriert sie sich auf einige wenige Sujets: groß aufgezoomte Gesichter, männliche und weibliche, die sie selbst gern als „Köpfe“ subsumiert. „Body portraits“, meist frontal im Dreiviertelformat, von Figuren mit nacktem Oberkörper, mit nichts als einem Paar Jeans oder einem Slip bekleidet und so „entblößt und verletzlich wie beim Arzt“, wie Trinkaus sagt. Und Stadtlandschaften, die mit ihrer vogelperspektivischen Darstellung an den Blick aus einem Flugzeug im Landeanflug erinnern und damit bei aller Anonymität im Betrachter ein unwillkürliches Déjà-vu auslösen.

Wunschindustrie. Auch wenn Trinkaus manche dieser Bilder nach selbst geschossenen Fotografien oder anderen Vorlagen geschaffen hat, wie etwa die Porträts der beiden jungen Burgtheaterschauspieler Johanna Wokalek und Johannes Krisch, die seit Herbst in der „Porträtgalerie“ des Theaters hängen: Wiedererkennbarkeit spielt für sie nur eine untergeordnete Rolle. Gabi Trinkaus hat deshalb – obwohl sie ihn selbst verwendet – speziell zum Begriff „Porträt“ ein ambivalentes Verhältnis. „Auch wenn die Arbeit für mich oft nicht leicht ist, ist es dennoch nicht mein Ziel, irgendeine Ähnlichkeit zu erzielen“, sagt sie. „Vielmehr“, fügt sie hinzu, „empfinde ich meine Porträts als ,Make-overs‘ gemäß einer Industrie, die Wünsche vorgibt. Daher darf sich das Bild im Grunde auch entwickeln, wie es kommt.“

Damit spielt Trinkaus vor allem auf Wirklichkeitskonstruktionen an, wie wir sie tagaus, tagein via Hochglanz postillen in den Massenmedien und im Internet vorgesetzt bekommen und deren Resultat Normvorstellungen und Ideale sind, die von bulimischem Schlankheitswahn und Designerbabes ebenso erzählen wie von gesellschaftlicher Ausgrenzung – das alles im Dienste des Schönheits- und Jugendkults. Trinkaus: „Meine Bilder sind Antworten auf die Klischeevorstellungen der Beauty- und Lifestyle-Industrie.“

Versteckte Makel. Schön und stylish sind die dargestellten Figuren am Ende allerdings gar nicht, auch wenn sie mit ihren hochglänzenden Oberflächen auf den ersten Blick erscheinen wie jene Models und Celebritys, denen die zeitgenössische Kunst in den letzten 15 Jahren in einer Art Neopop bald mehr, bald weniger subversiv hinlänglich gehuldigt hat (siehe Kasten). Bei genauem Hinsehen tauchen Makel auf, zum Beispiel zwei Augen übereinander oder verschobene Ohren, schiefe Nasen, zerschnittene Lippen, befremdliche Aufschriften an merkwürdigen Stellen – von den Werbeinseraten, denen die Ausschnitte entnommen sind.

Diese Ambivalenz verdankt sich der Collagetechnik. Sie erlaubt es der Künstlerin, hin und her zu springen zwischen dem Ganzen und den Fragmenten, dem Oberflächlichen und dem Hintergründigen, und mit Affirmation und Kritik zu spielen. Nur ein Aspekt davon ist, dass die Schnipsel mit ihrer Herkunft aus der Glamourwelt von Mode und Werbung auf diese zurückverweisen und damit selbst zur Botschaft werden – ganz im Sinn der ­Medienkritik Marshall McLuhans, der erkannte: The medium is the message.

Eine Ambivalenz, die auch das Making-of dieser Bilder widerspiegelt. So steht etwa am Anfang wie in der Malerei immer eine Skizze, in der die Grundzüge der Komposi­tion festgelegt werden. Und auch was den Zusammenhalt des Ganzen betrifft, gilt es, wie ein Maler den Überblick zu bewahren. Da ist Trinkaus, die die Ausschnitte nach Farben und Schattierungen in Schachteln vorsortiert, ganz klar.

Zugleich aber ist es auch ein fotografisches Denken, Stück für Stück, Schnipsel für Schnipsel: „Ich denke immer auch in Teilen“, sagt sie, „in Strukturen und in Tönen.“ Und in Inhalten, die den Würgegriff des Schönheitswahns nicht vergessen lassen. „Das Komische“, sagt sie, „ist, dass man bei den brutalsten Dingen die Idee der Schönheit mitgeliefert bekommt. Daher ist die Schönheit ftür mich als Künstlerin ein Ärgernis, weil man ihr nicht entkommt. Es ist schwierig, eine wirklich hässliche Arbeit zu machen. Denn die Gedanken kreisen um die Idee der Schönheit.“


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