Es scheint recht überschaubar,
das kleine Œuvre der Gabi Trinkaus – und dennoch ist es der in Wien
lebenden Künstlerin gelungen, damit eine Signalwirkung zu erzielen wie
wenige andere ihrer Generation. Ihre Position in der Szene hat sich die
gebürtige Grazerin, Jahrgang 1966, mit einer unverwechselbaren
Collagetechnik erarbeitet, mit der sie vor ein paar Jahren im
Kunstbetrieb wie Phönix aus der Asche auftauchte, zuerst in diversen
Off-Spaces und bald schon vertreten durch die Wiener Trendsettergalerie
Georg Kargl.
Wiedererkennungsmerkmal ihrer Arbeiten sind teils
geschnittene, teils gerissene Schnipsel aus Hochglanz- und
Lifestylemagazinen, die sie bald in schier unendlicher Dichte, bald
mit viel Weißraum und Leerflächen auf monumentalen weißen, zumeist
hochformatigen Leinwänden aufklebt und neuerdings auch mit
Stecknadeln aufpinnt.
Dabei konzentriert sie sich auf einige
wenige Sujets: groß aufgezoomte Gesichter, männliche und weibliche, die
sie selbst gern als „Köpfe“ subsumiert. „Body portraits“, meist frontal
im Dreiviertelformat, von Figuren mit nacktem Oberkörper, mit nichts
als einem Paar Jeans oder einem Slip bekleidet und so „entblößt und
verletzlich wie beim Arzt“, wie Trinkaus sagt. Und Stadtlandschaften,
die mit ihrer vogelperspektivischen Darstellung an den Blick aus einem
Flugzeug im Landeanflug erinnern und damit bei aller Anonymität im
Betrachter ein unwillkürliches Déjà-vu auslösen.
Wunschindustrie.
Auch wenn Trinkaus manche dieser Bilder nach selbst geschossenen
Fotografien oder anderen Vorlagen geschaffen hat, wie etwa die Porträts
der beiden jungen Burgtheaterschauspieler Johanna Wokalek und Johannes
Krisch, die seit Herbst in der „Porträtgalerie“ des Theaters hängen:
Wiedererkennbarkeit spielt für sie nur eine untergeordnete Rolle. Gabi
Trinkaus hat deshalb – obwohl sie ihn selbst verwendet – speziell zum
Begriff „Porträt“ ein ambivalentes Verhältnis. „Auch wenn die Arbeit
für mich oft nicht leicht ist, ist es dennoch nicht mein Ziel,
irgendeine Ähnlichkeit zu erzielen“, sagt sie. „Vielmehr“, fügt sie
hinzu, „empfinde ich meine Porträts als ,Make-overs‘ gemäß einer
Industrie, die Wünsche vorgibt. Daher darf sich das Bild im Grunde auch
entwickeln, wie es kommt.“
Damit spielt Trinkaus vor allem auf
Wirklichkeitskonstruktionen an, wie wir sie tagaus, tagein via
Hochglanz postillen in den Massenmedien und im Internet vorgesetzt
bekommen und deren Resultat Normvorstellungen und Ideale sind, die von
bulimischem Schlankheitswahn und Designerbabes ebenso erzählen wie von
gesellschaftlicher Ausgrenzung – das alles im Dienste des Schönheits-
und Jugendkults. Trinkaus: „Meine Bilder sind Antworten auf die
Klischeevorstellungen der Beauty- und Lifestyle-Industrie.“
Versteckte Makel.
Schön und stylish sind die dargestellten Figuren am Ende allerdings gar
nicht, auch wenn sie mit ihren hochglänzenden Oberflächen auf den
ersten Blick erscheinen wie jene Models und Celebritys, denen die
zeitgenössische Kunst in den letzten 15 Jahren in einer Art Neopop bald
mehr, bald weniger subversiv hinlänglich gehuldigt hat (siehe Kasten).
Bei genauem Hinsehen tauchen Makel auf, zum Beispiel zwei Augen
übereinander oder verschobene Ohren, schiefe Nasen, zerschnittene
Lippen, befremdliche Aufschriften an merkwürdigen Stellen – von den
Werbeinseraten, denen die Ausschnitte entnommen sind.
Diese
Ambivalenz verdankt sich der Collagetechnik. Sie erlaubt es der
Künstlerin, hin und her zu springen zwischen dem Ganzen und den
Fragmenten, dem Oberflächlichen und dem Hintergründigen, und mit
Affirmation und Kritik zu spielen. Nur ein Aspekt davon ist, dass die
Schnipsel mit ihrer Herkunft aus der Glamourwelt von Mode und Werbung
auf diese zurückverweisen und damit selbst zur Botschaft werden – ganz
im Sinn der Medienkritik Marshall McLuhans, der erkannte: The medium
is the message.
Eine Ambivalenz, die auch das Making-of dieser
Bilder widerspiegelt. So steht etwa am Anfang wie in der Malerei immer
eine Skizze, in der die Grundzüge der Komposition festgelegt werden.
Und auch was den Zusammenhalt des Ganzen betrifft, gilt es, wie ein
Maler den Überblick zu bewahren. Da ist Trinkaus, die die Ausschnitte
nach Farben und Schattierungen in Schachteln vorsortiert, ganz klar.
Zugleich
aber ist es auch ein fotografisches Denken, Stück für Stück, Schnipsel
für Schnipsel: „Ich denke immer auch in Teilen“, sagt sie, „in
Strukturen und in Tönen.“ Und in Inhalten, die den Würgegriff des
Schönheitswahns nicht vergessen lassen. „Das Komische“, sagt sie, „ist,
dass man bei den brutalsten Dingen die Idee der Schönheit mitgeliefert
bekommt. Daher ist die Schönheit ftür mich als Künstlerin ein Ärgernis,
weil man ihr nicht entkommt. Es ist schwierig, eine wirklich hässliche
Arbeit zu machen. Denn die Gedanken kreisen um die Idee der Schönheit.“
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