Frankfurt ohne Max Beckmann wäre wie trockenes
Brot. Trotzdem sind die Papierarbeiten des Künstlers bisher auch dort
wenig berücksichtigt worden. Die Kuratoren Mayen Beckmann und Siegfried
Gohr mussten für ihr Werkverzeichnis in weltweit verstreuten Sammlungen
suchen und entdeckten bis jetzt Unbekanntes.
Dabei erwies sich auch die Annahme als Irrtum, nach der Beckmann
(1884-1950) als einer der bekanntesten Vertreter der klassischen Moderne
allein mit seinen Bildern neue Wege ging. Die Grafiken, bisher nur als
Paraphrasen wichtiger Gemälde angesehen, waren seine eigentlichen
Ideenträger. Sie sind innovativ und humorvoll, ließen spontanes Arbeiten
zu.
Das kommt drei Ausstellungen zu Gute, die derzeit in Frankfurt
stattfinden: Aquarelle und Pastelle werden in der Schirn präsentiert, die
frühe Druckgrafik wird im Städel parallel gezeigt, außerdem ergänzend eine
Gegenüberstellung der "Apokalypse" mit neuen Arbeiten des bekannten
deutschen Gegenwartskünstlers Thomas Demand im Museum moderner Kunst
Frankfurt bis 27. August.
Kriegserfahrungen
Am Beginn stehen einige stark symbolistische Blätter und die
hauptsächlich grafischen Arbeiten, mit denen Beckmann sein traumatisches
Erleben des 1. Weltkrieges abarbeitete. Dies wirkte sich aber nicht nur
auf die Themen, sondern auch auf eine Sprengung von Bildraum und
Perspektive aus, der Weg in expressive Ausdrucksweise, sogar
Zersplitterung von Motiven und hart kantenden Linien, war vollzogen. Ab
hier erkennt jeder Beckmann als Beckmann, vorher nicht. Allegorische
Szenen wie die biblischen Gleichnisse vom "Verlorenen Sohn" verdecken
unausdrückbar Erlebtes.
#Geändertes Weltbild
Erst 1920 änderte sich die durch Gewalt, Nacht, Chaos und Pessimismus
bestimmte Welt in Beckmanns ruhigen Frankfurter Jahren. 1925-1933 war er
Professor an der Städelschule, die polemischen Anklagen wurden durch
Themen wie Badende, Akte, Landschaften, Stillleben und Interieurs
abgelöst. Immer bleibt aber in seiner großbürgerlichen Rolle auch die
Polemik gegenüber einer Maskerade der Gesellschaft bestehen. Der Clown und
Frauen mit Kerzen, eine bedrückende erotische Szene, "Begegnung in der
Nacht" (1928), auf schwarzem Papier, zeigen eine pessimistische
Grundverfassung, wohl auch bedingt durch das politische Chaos und die
Armut der Zeit.
Farbe und Mythos machten sich ab 1925 bemerkbar und ab 1933 folgen die
Aquarelle zum "Odysseus" oder "Raub der Europa", der "Schlangenkönig und
Hirschkäferbraut". Sie sind Zeichen seiner Ablenkung von der kommenden
Katastrophe.
Im Krieg, auf der Flucht vor den Nationalsozialisten, widmete sich
Beckmann Goethes "Faust II". Im Amsterdamer und New Yorker Exil
kombinierte er Tusche mit Aquarell und Gouache, aber auch Kohle.
Experimentell fantastisch zum einen und sehr privat in Landschaft und
Porträt zeigt sich der Künstler bis zu seinem Tod in New York 1950.
Höllen, Alp-Träume, Hotelzimmer, ein Opfermahl und "Die Hunde werden
größer" (1947) runden ein fulminantes Lebenswerk ab.
Schirn Kunsthalle Frankfurt
Bis 28. Mai
Städelsches Kunstinstitut
Der frühe Max Beckmann
Bis 11. Juni
Fulminant!
Mittwoch, 29. März
2006