Wetterprognose nach der heurigen Großausstellungsballung über Venedig, Basel, Kassel, Münster: Es ist bieder, bleibt bieder und wird bieder werden – und das auch noch beständig. Was gerne liebevoll zu einem „Neuen Biedermeier“ verniedlicht wird, hat sich zu einem „conservative turn“ verschärft: Bezeichnend die aktuelle Turner-Preisträgerin Tomma Abts, die immer gleich handliche abstrakte Ölbildchen malt. Den einstigen englischen Skandal-Kunstpreis gewann 2003 mit Grayson Perry zwar auch schon einmal ein Töpfer, aber immerhin malte dieser gar nicht ehrsame Dinge auf seine Vasen und hatte bei der Verleihung ein süßes Kleidchen an.
Solche Spompanadeln hätten in Venedig und Kassel heuer wenig Chancen gehabt: Etabliertes wurde noch stärker etabliert, Museales noch einmal musealisiert. In Venedig setzte der erste amerikanische Kurator einen klassischen Malerei-Schwerpunkt. (In deren Konzept sich Österreichs Beitrag mit Herbert Brandls grandioser Malerei, die in den Büros nahezu der gesamten österreichischen Staatsspitze zu hängen scheint, unbeabsichtigt, aber perfekt einfügt.) Und in den schwer vorhangverhangenen, teppichgedämpften Kunstsalon-Höhlen der Documenta fühlt man sich überhaupt wie in einem Schnupper-Proseminar für korrekte Kunstgeschichte, Thema: Die Wanderung der Formen über die Zeiten und Kontinente.
Dieser „conservative turn“ kann ziemlich langweilen. Womöglich aber kann uns gar nichts Besseres passieren: Ein bisschen Revision nimmt dem Kunstbetrieb bestenfalls die Hektik und fährt Erwartungen herunter. Und irgendwann wird der Konsi-Kick dazu führen, dass Kunst uns wieder richtig treffen, richtig etwas verändern kann. Denn auch nach dem „Neuen Biedermeier“ müsste doch eine „Neue Revolution“ folgen – und auf die bin ich schon mächtig gespannt.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2007)