02.06.2003 17:03
Entscheidende Momente einer Freundschaft
Henri Cartier-Bresson und Georg Eisler: Belege einer so produktiven wie
seltenen Freundschaft unter Künstlern - Mit Ansichtssache
In den 80er-Jahren trafen einander Henri Cartier-Bresson und
Georg Eisler erstmals. Die Fotogalerie Westlicht zeigt nun intime Belege einer
so produktiven wie seltenen Freundschaft unter Künstlern.
Wien - Dass Bilder Bilder nach sich ziehen, gilt auch für Fotos.
Eigentlich hatte Henri Cartier-Bresson ja Malerei studiert. Dem eigenen Malen
und Zeichnen kamen dann aber andere Bilder dazwischen: Dem ungarischen
Reportagefotografen Martin Munkacsi (1896-1963) ist es indirekt zu verdanken,
dass aus Henri Cartier-Bresson "HCB" wurde - einer der bekanntesten Fotografen
von überhaupt. Munkacsi veröffentlichte Anfang der 30er-Jahre Bilder von
Läufern, Schwimmern und Rennfahrern, und Bresson soll angesichts dieser
Aufnahmen erkannt haben, dass das Entscheidende im Moment liegt ("decisive
moment") und die 35-mm-Kamera das perfekte Werkzeug ist, den rechten Moment auch
einzufangen:
"Fotografieren heißt den Atem anhalten, um alle Fähigkeiten
zu bündeln, die flüchtige Wirklichkeit einzufangen. Es ist genau dieser
Augenblick, der aus der Beherrschung eines Bildes eine zutiefst physische und
intellektuelle Freude macht."
Und also hat er fortan seine
Kleinbildkamera "zwischen Haut und Hemd" der Personen geschoben, die gerade
selbstverloren in entscheidenden Momenten aufgehalten waren, demnach vom intimen
An-/Eingriff nichts bemerkten. Viele prominente Künstler, etwa Henry Matisse,
hat er derart kalt erwischt, aber auch arglose Passanten oder hoch konzentrierte
Ordnungshüter, die gerade im Begriff waren, rabiate Demonstranten im Pariser
Quartier Latin in Schach zu halten.
Unter einen Abzug aus jenem
elternprägend wilden Jahr 1968 schrieb HCB Jahre später: "Ni Henri ni Georg ne
sont sur cette photo." Womit gemeint war, dass Henri und Georg durchaus unter
den Demonstranten hätten sein können. Georg, das war Georg Eisler, auch einer,
der es verstand, das Zeitlose an Momenten festzuhalten. Mit dem einen
Unterschied, das HCB aus Tausenden von Negativen das Entscheidende zu filtern
verstand, Eisler mit Zeichenstift und Ölfarbe das allgemein Betreffende aus der
alltäglichen Situation ebenso wie aus politisch bewegenden Momenten zu schälen
vermochte.
Kennen gelernt haben die beiden Chronisten sich Mitte der
80er-Jahre - und dabei ihr gemeinsames Interesse am Menschen als ebenso
individuelles Wesen wie konstituierender Teil anonymer Massen entdeckt. Es
entstand, was man Künstlerfreundschaft nennt. Deren Folge war nicht nur ein
reger Austausch von Meinungen und Gedanken, sondern ebenso von Material. HCB
widmete Eisler Fotos, der wiederum stellte sich mit Skizzen und Ölbildern ein.
Und: Die beiden begannen sich abzulenken. Cartier-Bresson nahm das Zeichnen
wieder auf, gemeinsam engagierte man Aktmodelle, Georg hielt Henri fest, wie der
gerade seine Füße zu Papier brachte, und auch die Katze kam als Motiv ins Spiel.
Der "Jahrhundertfotograf" und Österreichs vermeintlicher Außenseiter Georg
Eisler - die Konsequenz seines Festhaltens an der Figur, am Gegenstand, ließ ihn
immer wieder aus dem Fokus des Zeitgeistes geraten - fanden das Weltgeschehen
gemeinsam in ihrer unmittelbaren Umgebung.
Aus dem Nachlass Georg Eislers
stammt das Konvolut von 30 Bressons, das zusammen mit Arbeiten Eislers am
Schauplatz für Fotografie - Westlicht - zwei Möglichkeiten bietet: beider
Arbeiten aus der "privaten" Perspektive heraus neu zu entdecken. Oder:
nachzuvollziehen, wie Lebens^werke, die auf völlig gegensätzlichen Zugängen
(Cartier-Bresson kommt vom Surrealismus) basieren, zu einem gemeinsamen Nenner
finden. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.6.2003)