Er kombiniert spielerisch wie polemisch Kleidungsformen mit Mediengeschichte und Ästhetik, Pop mit Barock, Kirche mit Konsum. Der Schweizer Kunsthistoriker Beat Wyss veröffentlichte u. a. drei Bücher, das bekannteste wohl seine schräge Medienanalyse Die Welt als T-Shirt (1997). Wyss, Leiter des kunstgeschichtlichen Seminars der Universität Stuttgart und ausgezeichnet mit dem Kunst-und Kulturpreis der Stadt Luzern, referierte neben Terry Eagleton (siehe "Erkenntnis aus dem Geist der Satire") oder Hans Belting am Wochenende bei einer Konferenz des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen. Nichts Geringeres als "Das Jahrhundert der Avantgarden" stand zur Debatte.
STANDARD: Sind die Avantgarden also wirklich vorbei? Andererseits wird in letzter Zeit auffällig viel über Avantgarde gesprochen.
Wyss: Wir alle kennen die unsägliche Bemerkung Stockhausens über die zerstörten Twin Towers als Gesamtkunstwerk. Neben dem Erstaunen, dass es heute noch solche Künstler gibt, fällt diese Konspiration zwischen Kunst und Macht auf. Das ist die klassische avantgardehafte Situation, die sich in der Romantik herausbildet. Siehe etwa Wien, siehe Nazarener, die sich 1808 nach Rom begaben, auf der Suche nach etwas Großem - dem Papst und einem Kaiser. Das führte zu einer Hybridform, einer Verschmelzung von Kunst und Macht. Und wir sind in einer ähnlichen Situation, deshalb reden wir so viel darüber, jetzt, wo sich der bürgerliche Staat aus der Kultur verabschiedet. Wir sind heute wieder zur höfischen Kultur zurückgekehrt: Wir leben in den virtuellen Höfen der Großkonzerne, der Trusts.
STANDARD: Was bedeutet diese generelle Auflösung für die Kunst?
Wyss: Das ist noch gar nicht sicher. In der Romantik oder der klassischen Avantgarde war Kunst der politische Zement einer nationalstaatlichen, bürgerlichen Identifikation. Wie jetzt die Rolle sein könnte - mehr Kunst als Lifestyle. Das begann in den 60er-Jahren, als das erste Mal eine Kunst aus der Affirmation des Konsums entstand.
STANDARD: Sie rufen analog zu Barock oder Renaissance ein Pop-Zeitalter aus?
Wyss: Die Entwicklung dessen begann mit der allgemeinen Infiltration der amerikanischen Lebensart. Überall, wo ein Tiefkühler steckt, heißt es, steckt im Prinzip auch das Kleingedruckte der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Tiefkühler und Tschador - als fundamentales Brauchtum - geht in gewissem Sinne nicht.
STANDARD: Mit dem 11. September hat sich ihre Pop-These demnach verändert?
Wyss: Auf jeden Fall. Diese Gegenreformation ohne Gegner, dieses Gefühl, dass nach dem Ende des Kommunismus die Pax americana global herrschte, hat dies verändert.
STANDARD: Wird sich die Kunst ihrer Meinung zunehmend in Lifestyle auflösen?
Wyss: Eher in Unterhaltungskultur. Die Kunst bekommt auch eine andere Rolle, etwa bei der documenta 11. Da wird diskutiert über Townships in Soweto, über Kinderschänder, über Bulimie. Kunst bekommt einen Stellenwert als ein laienhaftes Sprechen über aktuelle Probleme. Das ist ganz sinnvoll, dieser Basisdiskurs. Das ist in diesem Sinne durchaus ästhetisch. Ästhetik ist quasi das Stillstellen, die Reflexion, über das, was ist.
STANDARD: Werden diese Themen nicht auch in Talkshows abgehandelt? Glauben Sie, dass die Schere zwischen Entertainment und Diskurs-Kunst immer größer wird?
Wyss: Das läuft parallel. Die Künstler übernehmen ja diese Techniken,
nur stellen sie sie still - so etwas wie die Verlangsamung von Big Brother. Es
wird also noch langweiliger, aber dadurch als Rahmen sichtbar. Solange der Film
läuft, bin ich illusioniert. Die Kunstwelt bremst die Unterhaltung. Darum würde
ich nicht von Avantgarde sprechen, sondern von Arri`eregarde. Bei Benjamin heißt
es emphatisch "Notbremse ziehen". Ich meine das ganz entspannt. Dann bleibt auch
das erhalten, was Schelling ansprach mit Kunst als identitätsstiftender
ästhetischer Kirche, als gemeinnütziger Mehrzweckhalle. Die postmodernen
Kathedralen, die bis Bilbao gebaut wurden, sind die letzten Zuckungen einer
Hochkunst. Die interessanten Institutionen gehen etwa in die Vorstädte hinein,
wie Franziskaner. Kunst kriegt etwas Bettelordenmäßiges - eine Barfußbewegung.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 04.12. 2001)
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derStandard.at