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11.05.2002 - Ausstellung
Gedichte aus Gugging: Fliehen wie ein Adler
Ernst Herbeck (1920 bis 1991) wurde unter seinem Dichter-Pseudonym "Alexander" bekannt. Die Kunsthalle Krems dokumentiert jetzt das Werk eines der Schützlinge Leo Navratils in Gugging.
VON KRISTIAN SOTRIFFER


Bedächtig "wuzelt" der ernst und konzentriert dreinblickende Mann eine Zigarette, wischt Tabakkrümel vom Tisch, gibt sich Feuer. "Die Zigarette", sagt er in einem seiner Kurzgedichte, "ist ein Monopol und muß/ geraucht werden. Auf Dassie/ in Flammen aufgeht". Und - an anderer Stelle - den Rauch fliehen läßt "wie ein Adler".

Neben ihm sitzt sein Arzt, Betreuer, Mentor und Freund, ohne den er keine einzige Zeile geschrieben hätte; so wie seine zeichnenden "Kollegen" im Gugginger Künstlerhaus ihren Animateur benötigten, um sich schöpferisch artikulieren zu können. Das war Leo Navratil, jetzt Kurator einer Ausstellung in der Kunsthalle Krems, die ein Konzentrat des Wirkens von Ernst Herbeck beinhaltet.

Wie Navratil seinen Patienten dazu bringen konnte, etwas von seinen Gedanken, Befindlichkeiten, Leiden ("Je größer das Leid/ Desto größer der Dichter") niederzuschreiben, dokumentiert ein Film. Er stammt von Heinz Bütler und hat den Titel "Zur Besserung der Person" (1980). Jetzt ist er im Zusammenhang mit den an Wände applizierten Gedichten, in Vitrinen versammelten Dokumenten, den Photos verschiedener Provenienz (wieder) zu sehen.

Ernst Herbeck, als Dichter "Alexander" seit 1966 schlagartig bekannt, ja berühmt geworden, lebte seit 1946 in der NÖ Landesnervenanstalt in Gugging - ein am Sprechen durch seine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte behinderter Mann mit einem sehr ausdrucksstarken Gesicht.

Erinnert, erahnt, erträumt

Die Aufforderung zu Schreiben - wobei Themen meist vorgegeben wurden - führten zu autonomen, ungewöhnlichen Sprachbildern, in die Erinnertes, Gegenwärtiges, Erahntes und Erträumtes einflossen, samt gelegentlichen Schimpfereien. Die größten Bewunderer fand er unter jenen, die ihn als ihresgleichen erkannten: Den Poeten.

1992, ein Jahr nach seinem unerwarteten Tod, erschienen seine "Gesammelten Texte" unter der Gedichtzeile "Im Herbst da reiht der Feenwind". Die jetzt erschienene Publikation "die Vergangenheit ist klar vorbei" sammelt nicht nur ein, was für die Ausstellung ausgewählt wurde. Sie enthält auch Texte jener, die auf Herbecks Werk reagierten, unter ihnen W. G. Sebald, Gerhard Roth oder Friederike Mayröcker.

Daraus entstand ein schönes Kompendium über einen, der auch Gedichte zu den Zeichnungen Oswald Tschirtners, gelegentlich auch zu Arbeiten anderer von Leo Navratil Betreuten schrieb. Ein Mensch voller Sehnsüchte, aber auch Zutrauen: "Der Psychiater denkt und schützt die/ Worte des Patienten." Oft schrieb er auch über "Heil Österreich mein Heimatl".

Ab 12. Mai bis 18. August, täglich 10 bis 18 Uhr.



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