Bedächtig "wuzelt" der ernst und konzentriert
dreinblickende Mann eine Zigarette, wischt Tabakkrümel vom Tisch, gibt
sich Feuer. "Die Zigarette", sagt er in einem seiner Kurzgedichte, "ist
ein Monopol und muß/ geraucht werden. Auf Dassie/ in Flammen aufgeht". Und
- an anderer Stelle - den Rauch fliehen läßt "wie ein Adler".
Neben ihm sitzt sein Arzt, Betreuer, Mentor und Freund,
ohne den er keine einzige Zeile geschrieben hätte; so wie seine
zeichnenden "Kollegen" im Gugginger Künstlerhaus ihren Animateur
benötigten, um sich schöpferisch artikulieren zu können. Das war Leo
Navratil, jetzt Kurator einer Ausstellung in der Kunsthalle Krems, die ein
Konzentrat des Wirkens von Ernst Herbeck beinhaltet.
Wie Navratil seinen Patienten dazu bringen konnte, etwas
von seinen Gedanken, Befindlichkeiten, Leiden ("Je größer das Leid/ Desto
größer der Dichter") niederzuschreiben, dokumentiert ein Film. Er stammt
von Heinz Bütler und hat den Titel "Zur Besserung der Person" (1980).
Jetzt ist er im Zusammenhang mit den an Wände applizierten Gedichten, in
Vitrinen versammelten Dokumenten, den Photos verschiedener Provenienz
(wieder) zu sehen.
Ernst Herbeck, als Dichter "Alexander" seit 1966
schlagartig bekannt, ja berühmt geworden, lebte seit 1946 in der NÖ
Landesnervenanstalt in Gugging - ein am Sprechen durch seine
Lippen-Kiefer-Gaumenspalte behinderter Mann mit einem sehr
ausdrucksstarken Gesicht.
Erinnert, erahnt, erträumt
Die Aufforderung zu Schreiben - wobei Themen meist
vorgegeben wurden - führten zu autonomen, ungewöhnlichen Sprachbildern, in
die Erinnertes, Gegenwärtiges, Erahntes und Erträumtes einflossen, samt
gelegentlichen Schimpfereien. Die größten Bewunderer fand er unter jenen,
die ihn als ihresgleichen erkannten: Den Poeten.
1992, ein Jahr nach seinem unerwarteten Tod, erschienen
seine "Gesammelten Texte" unter der Gedichtzeile "Im Herbst da reiht der
Feenwind". Die jetzt erschienene Publikation "die Vergangenheit ist klar
vorbei" sammelt nicht nur ein, was für die Ausstellung ausgewählt wurde.
Sie enthält auch Texte jener, die auf Herbecks Werk reagierten, unter
ihnen W. G. Sebald, Gerhard Roth oder Friederike Mayröcker.
Daraus entstand ein schönes Kompendium über einen, der
auch Gedichte zu den Zeichnungen Oswald Tschirtners, gelegentlich auch zu
Arbeiten anderer von Leo Navratil Betreuten schrieb. Ein Mensch voller
Sehnsüchte, aber auch Zutrauen: "Der Psychiater denkt und schützt die/
Worte des Patienten." Oft schrieb er auch über "Heil Österreich mein
Heimatl".
Ab 12. Mai bis 18. August, täglich 10 bis 18
Uhr.
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